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Die Araber und das Buch : Mit Peitsche und Schwert

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Der Koran wurde zunächst in Einzelteilen aufbewahrt, bis er zur Zeit von Uthman ibn Affan, der von 644 bis zu seiner Ermordung 656 regierte, die jetzige Form erhielt und der umstrittene Rest auf Befehl Uthmans gesammelt und verbrannt wurde. Das Buch galt und gilt immer noch als vollkommen und unnachahmlich, denn es beinhaltet das wahre Wissen über Gott, die Menschen und die Welt.

Verführung und Versuchung

Für die Muslime ist es eine Ablenkung von der Anbetung Gottes, wenn sie sich mit einem anderen Buch als dem Koran beschäftigen, denn darin könnte Verführung oder Versuchung stecken. Der einflußreiche zeitgenössische ägyptische Koraninterpret und Fernsehprediger Scheich Mutawalli al-Scharawi brachte es auf den Punkt: "Ich danke Gott dafür, daß ich in den letzten vierzig Jahren nichts anderes gelesen habe als den heiligen Koran."

Über Jahrhunderte hinweg machten sich die meisten der islamischen Herrscher unermüdlich Sorgen über jegliche Art von Nachahmung des Korans oder über häretische Ideen, welche mit diesem Buch nicht zu vereinbaren waren, bis der Abbasidenkalif al-Mutawakkil, der von 847 bis 861 regierte, die nichtislamischen Einflüsse zu unterbinden versuchte, vor allem bei den Schiiten und den aufgeklärten Mu'taziliten. Er führte schärfere Regeln für die Islamforschung ein, die nach Meinung des ägyptischen Gelehrten Nasr Hamid Abu Zaid bis in die Gegenwart nicht verletzt werden dürfen.

Leidvolle Geschichte

Das Verhältnis der Araber zum Buch, allen voran der muslimischen Araber, ist von einer leidvollen Geschichte geprägt. Im Gegensatz zu Europa konnte sich das Buch in der arabischen Welt nicht natürlich entwickeln, da es weder Förderung noch Verbreitung erfuhr. Selbst zur Zeit des strebsamen, der Modernisierung verpflichteten Mohammed Ali (1769 bis 1849) gab es in Ägypten 1836 nur eine einzige Buchdruckerei, aber zwanzig Waffen- und Munitionsfabriken. Hätte das Expeditionsheer unter Napoleon 1798 nicht eine Druckerpresse in dieses zentrale arabische Land mitgebracht, wären die Araber noch länger auf die Kopisten von Handschriften angewiesen gewesen.

Auch am Mißtrauen den Schriftstellern gegenüber hat sich kaum etwas geändert, denn einzig und allein Gott ist Schöpfer und die Menschen haben keine andere Wahl, als sich ihm in jeder Hinsicht unterzuordnen. Bei zunehmendem Zusammenschrumpfen der Mittelklasse in der gesamten arabischen Welt wird das Buch, das ein Hauptmedium der bürgerlichen Klasse sein sollte, unweigerlich in Mitleidenschaft gezogen.

Der nahtlose Übergang von einer diffusen, beduinisch-nomadischen Gesellschaft mit einem verheerenden Analphabetenanteil von sechzig bis siebzig Prozent zum Zeitalter des Satellitenfernsehens verpaßte dem Buch den Gnadenstoß. Hinzu kommt, daß bei einem durchschnittlichen Einkommen von umgerechnet fünfzig Euro im Monat und einem Durchschnittspreis von drei Euro etwa in Ägypten, dem Land, in dem nach wie vor die meisten Bücher verfaßt werden, Bücher Luxusware sind.

Das Buch war selten ein so wertvoller Zeitgenosse, wie es sich al-Mutanabbi in der Blütezeit der arabischen Kultur wünschte, und man muß befürchten, daß sich dies auch in der nahen Zukunft trotz aller gegenteiligen Beteuerungen nicht ändern wird.

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