https://www.faz.net/-gqz-u5tc

Deutschlands Professoren : Etliche unter euch sind nicht frei von Korruption

Vorlesungen halten die Autoren für eine entbehrliche Unterrichtsform Bild: ddp

Nach den „Nieten in Nadelstreifen“ und dem „Lehrerhasser-Buch“ liegt jetzt die entsprechende Kampfschrift gegen den deutschen Professor vor: Voll Anekdoten und bizarrer Fälle, aber doch weitgehend ratlos, was die Reform der Universitäten angeht.

          Das vorliegende Buch, geschrieben von einem Betriebswirtschaftsprofessor und einem Unternehmensberater, ist voller Anregungen zum Nachdenken über unsere Eliten. Der Präsident der Freien Universität Berlin, Dieter Lenzen, so liest man beispielsweise, möchte, dass der Lehrstuhl für Medienmanagement an seiner Hochschule mit Wolfram Weimer, dem Chefredakteur der Illustrierten „Cicero“, besetzt wird. Darum kassierte er, selbst Autor in jener Illustrierten, die akademische Entscheidung über die Lehrstuhlvergabe. Denn die Berufungskommission wie die Fakultät hatten einen anderen Kandidaten, einen Wissenschaftler, nominiert. Weimer wiederum hatte bei seinem fünfundzwanzigminütigen Auftritt vor der Berufungskommission zu verstehen gegeben, dass er in wissenschaftlicher Tätigkeit nicht seinen Schwerpunkt sieht, andererseits aber die Annahme einer Vollzeit- und, wenn man so sagen darf, auch Vollgeldprofessur für durchaus vereinbar mit seiner Tätigkeit als Chef des „mit Abstand größten Intellektuellenmagazins in Deutschland“ (Weimer) hält.

          Macht man so etwas? Ist das mit der Bezeichnung „Netzwerkuniversität“ gemeint? Was halten Kommissionen davon, die über den Rang der Freien Universität als Fall von Exzellenz entscheiden müssen? Erfahren sie jemals etwas von den Wirklichkeiten hinter der Zukunftsprosa?

          Kamenz und Wehrle haben eine ganze Reihe solcher Informationen gesammelt. Über Volkswirte, die sich in der Rentenfrage als kühle Experten melden, aber gleichzeitig für die Versicherungswirtschaft tätig sind. Über Mediziner, die in der Lage sind, neben ihrer Lehre in zwei Jahren mehr als 1200 Gutachten zu schreiben. Oder über Professoren wie Bert Rürup (Stundensatz für Vorträge: 14.500 Euro), die man so oft bei außeruniversitären Aktivitäten oder in den Medien antrifft, dass man sich fragen mag, wie oft sie ihrerseits von den Studenten inneruniversitär oder in Gedanken angetroffen werden.

          Viel verdienen, wenig arbeiten

          In Deutschland gibt es etwa 38.000 Professoren. Bei ihnen, finden die Autoren, sind die Gründe für die gegenwärtige Universitätsmisere zu suchen. Viele von ihnen arbeiten zu wenig oder nur im Nebenverdienst, während sie ihre Dienstpflichten vernachlässigen. Sie berufen vorzugsweise mittelmäßigen Nachwuchs, um selbst neben den neuen Kollegen bestehen zu können, und bedienen sich dabei aller möglichen Hinterbühnentricks. Ihre Doktoranden beuten sie aus, auf die Lehre haben sie wenig Lust und tausend Ausreden, warum die Seminare nicht besser funktionieren. Dabei verdienen sie ausnehmend gut - 71.500 Euro (brutto) im Durchschnitt -, haben lange Ferien, leiden allenfalls an Unterwachung und können sich also fast jeder Verhaltenserwartung unter Hinweis auf ihre akademische Freiheit entziehen.

          Die Belege für diesen Universalangriff auf ein Amt und seine Inhaber stammen aus ganz unterschiedlichen Quellen. Spektakulär war das Experiment angelegt, in dem die Autoren per Annonce nach Professoren suchten, die Zeit hätten, „zwei bis drei Tage pro Woche“ für ein Unternehmen „gegen erstklassige Dotierung“ und einen Dienstwagen tätig zu sein. Das war eine Aufforderung zum Rechtsbruch, da auf Nebentätigkeiten nicht mehr als ein Fünftel der regulären Arbeitszeit entfallen darf. 44 Bewerber meldeten sich, und die Protokolle der Vertragsverhandlungen sind tatsächlich ein Spiegel akademischer Selbstbesoffenheit und schamloser Nutzung des Privilegs unbeobachteter Zeitverwendung. „Die Fixkosten sind ja vom Staat gedeckt“ - das deuten die Autoren als die insbesondere unter Fachhochschulprofessoren, Betriebswirten, Juristen, Architekten und Medizinern gar nicht so seltene Einstellung von Leuten, die sich als Beamte und Freiberufler zugleich fühlen.

          Faul, korrupt, gierig

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Signale des Bewusstseins, im Computer rekonstruiert: links ein fast bewusstloser Komapatient, rechts ein Gesunder, in der Mitte ein Komapatient mit Bewusstsein.

          Wegen Fehlverhaltens : Urteil gegen den Primus der Hirnforschung

          Der weltbekannte Hirnforscher Niels Birbaumer behauptet, Locked-In-Patienten wieder kommunikationsfähig zu machen. Jetzt hat ihn die DFG wegen Fehlverhaltens verurteilt. Er will trotzdem weitermachen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.