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Deutscher Buchpreis für Ursula Krechel : Gerechtigkeit für Richard Kornitzer

Da wusste sie es noch nicht: Ursula Krechel vor der Preisverleihung im Frankfurter Römer. Bild: dpa

Ursula Krechel gewinnt mit ihrem Roman „Landgericht“ den Deutschen Buchpreis. Damit setzt sich eine Kette von Preisträgern fort, die zeitgeschichtliche Themen in den Mittelpunkt stellen.

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          In der Aufregung vergaß sie die für den Fall der Fälle vorbereitete Rede – das wäre ihrem Protagonisten, dem korrekten Landgerichtsdirektor Richard Kornitzer, nicht passiert. Aber Ursula Krechel war für zwei, drei Minuten das schiere Glück derart ins Gesicht geschrieben, dass man es gern duldete, dass sie den reibungslosen Ablauf unterbrach und aus dem Blitzlichtgewitter auf der Bühne noch einmal zu ihrem Platz im Kaisersaal des Frankfurter Römers zurück eilte, um das Manuskript zu holen.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Was solch ein Preis auslösen muss, auch im Falle einer schon so reich ausgezeichneten Autorin wie der 1947 in Trier geborenen und heute in Berlin lebenden Ursula Krechel, das konnte man ahnen, als sie dann einfach sagte: „Das ist mein dreiundzwanzigstes Buch.“ Da konnte man wieder vergessen, was Gottfried Honnefelder, der Vorsteher des Börsenvereins des deutschen Buchhandels, vorher beschworen hatte: den Mut der Autoren. Ja, natürlich, auch den braucht es. Aber doch vor allem den langen Atem, die Geduld, den Glauben an sich selbst. Und an eine Figur wie Richard Kornitzer.

          Man hat ihm übel mitgespielt, dem 1903 in Breslau geborenen Juristen, der als Jude von den Nazis 1933 aus seinem Richteramt gedrängt wurde. Durch Glück entkam er 1939 nach Kuba, kurz vorher gelang es ihm, die beiden Kinder aus seiner Ehe mit der Protestantin Claire, einer höchst selbständigen Frau, nach England in Sicherheit zu bringen, aber seine Gattin bleib zurück im „Dritten Reich“. Sie werden sich fast zehn Jahr nicht mehr sehen.

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          Dann kehrt Kornitzer zurück nach Deutschland, und Ursula Krechels Roman, der auf einem realen Schicksal beruht, setzt ein. Der Richter bekommt keine Gerechtigkeit, zunächst verweigert man ihm eine Wiederanstellung im Justizdienst, als es doch gelingt, hemmt man seine Karriere. Verbittert verlässt er später wieder das Amt, diesmal weggelobt statt weggejagt. Seine Familie ist da längst an den Umständen seiner Emigration gescheitert.

          Und wieder deutsche Zeitgeschichte

          Es ist ein Zeitschicksal, das leider typisch war in den vierziger und fünfziger Jahren, wo man von den Remigranten nichts wissen wollte. Nun erhält Kornitzer spät, postum die Genugtuung, sein Leben erzählt zu bekommen, und das Buch gewinnt den Deutschen Buchpreis. Zumal gegen großartige Konkurrenz wie „Indigo“ von Clemens J. Setz oder „Fliehkräfte“ von Stephan Thome; gegen „Sand“ von Wolfgang Herrndorf, „Nichts Weißes“ von Ulf Erdmann Ziegler und „Robinsons blaues Haus“ von Ernst Augustin – ein extrem starkes Feld an Kandidaten.

          Aber der Buchpreis geht damit wieder an einen Roman, der sich deutscher Zeitgeschichte annimmt (wie zuvor schon Julia Franck, Uwe Tellkamp oder Eugen Ruge). Als Qualitätssiegel sorgt er zuverlässig für gute Verkäufe, und wenn dann Bücher wie „Landgericht“ davon profitieren, die ein vergessenes Thema wieder ins Bewusstsein bringen, dann können die Beteiligten stolz darauf sein.

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