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Der Zwang zum Roman : Immer nur diese Schwarten

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Romane über Romane: Das Verfassen, Lesen, Bewerten und Auszeichnen ist für den Literaturbetrieb von zentraler Bedeutung. Bild: dpa

Der Deutsche Buchpreis ist ein Preis für Romane. Also schreiben die Schriftsteller kaum mehr etwas anderes. Da geht uns viel durch die Lappen.

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          Das Kind glaubt, dass die Geschichten, die man ihm erzählt, wahr sind. Vermutlich ist dieser Kinderglaube wichtig für seine Entwicklung. „Kinder brauchen Märchen“ war der Titel eines sehr erfolgreichen Buches des Psychoanalytikers Bruno Bettelheim aus den siebziger Jahren. Für mich selbst, der ich hauptsächlich an Andersens Märchen vorzeitig das Lesen gelernt habe, gilt das ganz sicher.

          Manche behalten diesen Kinderglauben jedoch lange Zeit, unter Umständen auch lebenslang, bei. Oft sind das Menschen, die selbst dazu übergehen, anderen Geschichten zu erzählen respektive diese aufzuschreiben und drucken zu lassen. Das sind die Romanschriftsteller, und ungeachtet der Tatsache, dass Romane immer weniger in der Lage sind, uns etwas über die Welt von heute zu erzählen, und diese Schriftsteller das in der Mehrzahl auch sehr wohl wissen, können sie es nicht lassen. Bestärkt werden sie darin durch die Anerkennung, die sie in ihrem eigenen kulturellen Milieu erfahren, dem sogenannten Literaturbetrieb: ein Begriff, der meistens abwertend gebraucht wird - als gäbe es irgendwo ein Milieu, das moralisch einwandfrei und nicht hauptsächlich der Erhaltung der eigenen Existenz verpflichtet sei.

          Die Kraft des Erzählens

          In diesem Betrieb nimmt heute das Verfassen, Lesen, Bewerten und Auszeichnen von Romanen die zentrale Stellung ein. Seit 2005 gibt es den sogenannten Deutschen Buchpreis, der explizit für „den besten Roman des Jahres“ verliehen wird. Andere Formen der Literatur kommen daher nicht in Betracht.

          Der Glaube an die Kraft des Erzählens, der zwischenzeitlich einmal durchaus erschüttert war, ist vollständig wiederhergestellt und vielleicht noch nie so stark gewesen wie heute. Also geht es immer weiter, das Erzählen. Arno Geiger schreibt einen Roman über seinen dementen Vater. Uwe Tellkamp schreibt einen Roman über die DDR. Ingo Schulze schreibt einen Roman über die DDR. Eugen Ruge schreibt einen Roman über die DDR. Der Verfasser schreibt einen Roman über die alte Bundesrepublik. Julia Franck, Melinda Nadj Abonji, Katharina Hacker und viele andere schreiben Familienromane. Clemens Meyer und Jan Brandt schreiben Coming-of-age-Romane. Judith Schalansky schreibt einen Roman über eine Biologielehrerin in Vorpommern. Nina Bußmann schreibt einen Roman über einen Lehrer für Mathe, Physik und Erdkunde. Andreas Maier schreibt elf Romane über die Wetterau. Selbst ein so kluger Kopf wie Rainald Goetz hat jetzt einen „richtigen Roman“ geschrieben, mit einem richtigen Protagonisten und weiteren Figuren. Der ist wahrscheinlich sogar sehr gut, man wird sehen, aber musste das sein?

          Wer im Literaturhaus sitzt, soll nicht mit Erzähltem werfen

          In der Rezeption der Berufskritik - von der Sprache der Verlagsvorschauen möchte ich hier lieber nicht reden - sind alle diese Romane dann wahlweise „ein Glücksfall für die deutsche Literatur“, „ein einschneidendes Leseerlebnis“, zeigen „humane Intelligenz“, sind „ein großes Buch“, „einzigartig“ und manchmal einfach „ein Meisterwerk“ oder „ein Geniestreich“. Es ist ja auch schwer, bei so vielen Romanen, die offensichtlich alle ganz toll sind, noch originelle Formulierungen zu finden.

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