https://www.faz.net/-gqz-72ltc

Der Zwang zum Roman : Immer nur diese Schwarten

  • -Aktualisiert am

Autoren als Künstler inszenieren

Die Kritik kann sich pro Generation auf schätzungsweise dreißig Namen konzentrieren, ein weiter reichender Überblick wäre auch zu viel verlangt von Menschen, die mit dem Lesen kaum noch nachkommen, weil sie zugleich gefragte Teilnehmer an literarischen Events sind. Das alles hat nicht das Geringste mit Verschwörung zu tun; oft wissen die Beteiligten selbst nicht, wie und wie gut sie funktionieren. Manche wissen es und genießen still.

Autoren und Autorinnen, die zunehmend in den zuständigen Schreibschulen in Leipzig und Hildesheim ausgebildet und von ihren Agenturen und Verlagen gebrieft und unter Umständen auch lobbyistisch unterstützt werden, kennen diese Mechanismen allerdings auch. Wenn sie keine Romane schreiben, haben sie nur eine Chance, wenn sie Stars der neuen Lyrikszene werden, was nicht jedem gegeben ist. Sie wissen auch, mit welchen Jurymitgliedern sie sich vernetzen müssen, zu welchen Veranstaltungen und Symposien eingeladen zu sein wichtig ist (Klagenfurt ist wichtig, LCB auch) und wann es eventuell angebracht ist, einen kleinen Skandal zu inszenieren, obwohl die meisten Autoren im Regelfall so umgänglich und pflegeleicht sind wie ihre Bücher. Insgesamt lernen sie, einen Künstler darzustellen.

Die Kunstreligion ist nur noch ironisch

Das war tendenziell schon immer so, nimmt heute, da die Literatur besser durchorganisiert ist, aber schärfere Konturen an. So funktioniert sie, die Kunst der Gesellschaft, und sie funktioniert gut, weil sie, mit Luhmann gesprochen, wie andere Teilsysteme der Gesellschaft ein sich selbst erschaffendes und erhaltendes System ist. Außerhalb dieses Systems sind diese Schriftsteller so vollständig unbekannt, wie es Staatssekretäre oder Ministerialdirigenten außerhalb des ihren sind, und im Übrigen weniger wirkmächtig als diese.

Einen Künstler kann man aber überzeugend nur darstellen, wenn man selbst daran glaubt, wenn der Glaube an die Kunstreligion ungebrochen ist. Kunstreligion ist zwar ein Begriff, den man eigentlich nur noch ironisch gebrauchen darf. Doch handelt man nach dem Modell der katholischen Kirche: Man glaubt vielleicht nicht mehr, erhält aber die Riten und die Liturgie am Leben und die Institution aufrecht. Vom „normalen Leser“ übrigens, dem Endverbraucher, wissen wir nicht viel, was sein Verhältnis zur Kunstreligion angeht. Wir wissen überhaupt nicht viel von ihm, denn er ist nicht Teil des Systems und insofern auch nicht eigentlich interessant.

Fall aus dem Schoß der Mutter Literatur

Nun aber die Seite der Produzenten! Warum sollten die Autoren noch schreiben, wenn sie nicht weiter dieser Religion anhingen? In der Literatur besteht der kunstreligiöse Glaube auf eine Formel gebracht darin, das literarische Erzählen sei ein Erkenntnismedium und Verfahren der Welterschließung, dem kein anderes Medium gleichkomme und das deshalb unabdingbar sei.

Was machen aber Autoren, die diesen Glauben verloren haben, vielleicht nach Jahrzehnten, in denen sie ihm anhingen und einen Roman nach dem anderen geschrieben haben? Sie fallen buchstäblich aus dem Schoß der Mutter Literatur. Die hat keinen Blick für ihre verlorenen Kinder, schreitet nach ihrem Ende weiter voran und erfüllt unerbittlich ihr Programm, das Karl Valentin schon vor Jahrzehnten so formuliert hat: „Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von jedem.“

Weitere Themen

Wein, Wein, du allein

Rheingau Literatur Festival : Wein, Wein, du allein

Von Dörte Hansen bis Bettine Brentano: Vom 19. bis 28. September findet das Rheingau Literatur Festival statt. Ein abwechslungsreiches Programm bietet Preisverleihung, Weinverkostung und literarische Wanderungen durch die Weinberge.

Topmeldungen

Fast-Fashion-Tracht : Dirndl für alle

Eine große Modekette entdeckt das Oktoberfest für sich – mit günstigen Trachten für die Massen. In München kommt das nicht gut an.
Die meisten Manager finden ihren Job heute schwerer als früher (Symbolbild).

Studie : Fast niemand will mehr Manager werden

Es breitet sich die Manager-Müdigkeit aus: Beruflich wollen in Zukunft nur noch wenige eine Führungsposition übernehmen, wie eine neue Studie zeigt. Die Autoren mahnen die Unternehmen auf zu handeln.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.