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Der Zwang zum Roman : Immer nur diese Schwarten

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Es geht nun nicht um die These, man könne (dürfe) heutzutage keine Romane mehr schreiben. Jede These nach dem Modell „Das geht doch heute nicht mehr“ ist um ein Vielfaches obsoleter als alles, was sie angreift, und wird in der Praxis ständig widerlegt. Paul Feyerabends anything goes hat - zum Glück! - endgültig gesiegt. De facto geht aber in der deutschen Literaturlandschaft nur noch der Roman.

Biederes Erzählen auf dem Vormarsch

Nun hat zum Beispiel auch Oswald Wiener 1969 seine „Verbesserung von Mitteleuropa“ Roman genannt und die Gattungsbezeichnung ironisch sogar zum Teil des Titels gemacht. Enzensbergers „Der kurze Sommer der Anarchie“ trug die Signatur Roman, obwohl sein Autor (wie später bei „Hammerstein“) wusste und betonte, dass es sich nicht um einen solchen handelt. Auch Alexander Kluges „Schlachtbeschreibung“ ist als Roman verkauft worden. Von solchen Büchern ist hier nicht die Rede.

Was sich durchgesetzt hat, geradezu flächendeckend und alles andere verdrängend, ist ebenjenes mehr oder weniger biedere, mehr oder weniger formal raffinierte Erzählen, das Ende der siebziger Jahre mit dem Stoßseufzer „Es wird wieder erzählt!“ begrüßt worden ist und anschlussfähig an die deutsche Literatur der ersten beiden Nachkriegsjahrzehnte war. Schluss mit der frühen Prosa von Jürgen Becker und Schluss mit Heißenbüttel, und von Johnson zwar die „Jahrestage“, die man gut fürs Fernsehen adaptieren konnte, aber bitte nicht etwas so Kompliziertes wie „Mutmaßungen über Jakob“. Deutsche Romane greifen wieder weit aus und werden auch vom Volumen wuchtiger.

Die Totale und die Totalität

Das ist kein Zufall und liegt auch nicht etwa allein daran, dass die amerikanische Literatur uns das vormacht, mit keineswegs überzeugenderen Resultaten übrigens. Der Siegeszug des Romans hat zweifellos etwas Totalitäres, und entsprechend hat eine Besprechung von Jan Brandts Debüt „Gegen die Welt“, fasziniert von der schieren Fülle von mehr als neunhundert Seiten, dem Autor bescheinigt, ihm sei es endlich wieder um die Totalität zu tun. Also nicht mehr Deleuze/Guattari, nicht mehr: „Kafka. Für eine kleine Literatur“, sondern die Totale und die Totalität, als sei Balzac wiederauferstanden.

Wer im Glashaus sitzt, sollte bekanntlich nicht mit Steinen werfen, und mit jedem Wort, das einer gegen „den Betrieb“ schreibt, gehört er ihm schon an. Die folgende Bestandsaufnahme der Mechanismen des Betriebs sollte deshalb nicht als Polemik missverstanden werden. Was zählt, entscheiden zunächst die maßgeblichen Namen der Literaturkritik: ein Umstand, der nicht neu ist. In den Redaktionen wird früh festgelegt, was in der neuen Saison zuerst wahrgenommen und besprochen wird, damit ist es dann durch und „gemacht“. Zum Teil wird das durch die zwanzig Titel mitbestimmt, die auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis landen, allesamt Romane. Das beeinflusst wiederum die Programme der großen Literaturhäuser. In diesem jährlich wiederholten Selektionsprozess wird nach und nach der Kreis der Kandidaten festgelegt, die später für die großen Preise in Betracht kommen.

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