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Hans-Ulrich Treichel 70 : Der Bruder, der die Flucht überlebte

Hans-Ulrich Treichel Bild: Visum

Über Leib, Seele und Verlorene: Hans-Ulrich Treichel wurde mit seinem Roman „Der Verlorene“ über seinen 1945 in den Kriegswirren verschwundenen Bruder bekannt. Nun wird der Schriftsteller und Literaturlehrer siebzig Jahre alt.

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          Man möchte es nicht als Vorahnung verstehen, heute, da wieder ein Krieg auf europäischem Boden tobt. Und doch fällt auf, wie viele Bücher der vergangenen Jahre sich mit Kriegserfahrung befassten. Es sind Autoren eines bestimmten Alters, die sich, in den Fünfzigerjahren geboren und inzwischen älter geworden, der zum größten Teil verschwundenen Elterngeneration während des Nationalsozialismus und danach zuwendeten. Aus der Rückschau gingen diese Bücher deren gescheiterten und erfüllten Hoffnungen nach.

          Sandra Kegel
          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

          Stephan Wackwitz schrieb einen Roman über das Leben seiner Mutter, Ralf Rothmann verfasste eine ganz Trilogie über einen Vater, der ob seiner Kriegstraumata sein Leben lang schwieg. Auch Hans-Ulrich Treichels „Tagesanbruch“ aus dem Jahr 2016 kreiste um das Sagbare und Unsagbare eines familiären Traumas innerhalb dieser Generation. Eine Mutter nimmt in dieser Erzählung Abschied von ihrem Sohn und kommt dabei zu sich selbst. Die alte Frau sitzt am Bett des Verstorbenen und kann den Arzt nicht rufen. Vielmehr hält sie Nachtwache, um sich ihren Gedanken zu überlassen, so frei und offen wie nie zuvor. Damit bricht sie mit dem familiären Schweigegebot, doch bis sie zu ihrem eigentlichen Thema kommt, der Flucht und der Vertreibung in den letzten Kriegswochen aus dem Nordwesten der Ukraine, einer Vergewaltigung durch russische Soldaten und einem lebenslangen Zweifel, vergeht fast die ganze Nacht. Nur im Schutz der Dunkelheit und nach mehr als einem halben Leben ist ihr dieses Geständnis überhaupt möglich.

          Der 1952 in westfälischen Versmold geborene Schriftsteller Hans-Ulrich Treichel versteht sich hier auf die Kunst, auf knappstem Raum in zurückgenommener Sprache und poetologischer Strenge anschaulich und metaphorisch zugleich zu erzählen. Seine Eltern hatten sich nach dem Zweiten Weltkrieg in Versmold niedergelassen und dort einen Tabakwarenhandel betrieben. Dass Treichels älterer Bruder im Januar 1945 auf der Flucht aus dem heute polnischen Wartheland verloren gegangen war, ist das große Trauma seiner Familie.

          Davon handelte auch Treichels 1998 erschienener Roman „Der Verlorene“, der aus der Sicht des jüngeren und gekränkten Bruders die Geschichte vom verschollenen Bruder erzählt und zugleich eine Mentalitätsgeschichte der deutschen Nachkriegszeit mit all ihrer Kontinuität aus dem Nationalsozialismus darstellt. „Anatolin“ (2008), der abschließende Teil dieser Trilogie, ließ den Ich-Erzähler schließlich an die Ursprungsorte seiner Eltern in der Ukraine und Polen reisen und zu der Erkenntnis kommen, dass die Leerstellen im Leben der Eltern nur durch Erfindung aufzufüllen seien.

          Bereits 1992 hatte Treichel in „Von Leib und Seele“ autobiographische Er­fahrungen in der für ihn typischen Weise der ironisch gebrochenen Beobachtung geschildert. Und doch sagt Treichel über sein Schreiben, dass er, immer wieder auf biographische Hinweise in seinen Büchern angesprochen, darin selbst gar nichts Autobiographisches entdecken könne, weil er auch in sich nichts Autobiographisches habe. Ihm fehle eine „narrative Identität“. Seine eigene Lebenserzählung muss er sich vielmehr fortlaufend erarbeiten.

          Nach dem Studium der Germanistik, Politologie und Philosophie an der FU Berlin wurde er 1984 mit einer Arbeit über Wolfgang Koeppen promoviert, 1993 habilitierte er sich. Dass der Schriftsteller nicht nur die eigene Literatur im Blick hat, sondern ebenso nächste Generationen des Schreibens, machte er früh klar, als er nur wenige Jahre nach dem Fall der Mauer eine Professur am Deutschen Literaturinstitut der Universität Leipzig übernahm, dessen Leitung er bis zur Emeritierung 2018 mehrfach ausübte.

          Sein in 28 Sprachen vorliegendes Werk des beim Publikum überaus beliebten Autors umfasst Lyrik, Prosa, Essays und Libretti – seine Oper zur sexuellen Befreiung, „Paradiese“, wurde in der Komposition von Gerd Kühr 2021 in Leipzig uraufgeführt. Sein jüngster, wiederum schmaler Roman aus dem vorigen Jahr erzählt unter dem ironischen Titel „Schöner denn je“ die komödiantische Täuschungsgeschichte eines blassen Romanisten aus Berlin, den es in die Lehrerausbildung verschlagen hat. Den Wichtigkeitscontest des Lebens verliert er jedes Mal aufs Neue, bis er durch Zufall erst in die Wohnung, dann in die Rolle eines Schulfreunds schlüpft, der es zu Ruhm in Hollywood gebracht hat. Der Dialogplot zwischen dem Didaktiker und einer von ihm angebeteten Diva, verrät die Lust an Zwischentönen in diesem Leben-als-ob. Außer Frage steht, dass Hans-Ulrich Treichel heute siebzig Jahre alt wird.

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