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Der Roman „Das Versteck“ : Das heikle Doppelspiel zu dritt

  • -Aktualisiert am

Montagsgefühl. Bild: dpa

Dem Bruder spannte er die Frau aus, nun bangt ein junger Mann um die Treue seiner Gattin: David Fincks Roman „Das Versteck“ ist ein grandioses Spiel mit der Angst. Doch wer verschwindet denn da?

          Plötzlich aus der Welt, dem Beruf, einer Beziehung zu verschwinden und ohne großes Aufheben einfach durch jemand anderen ersetzt zu werden gehört zu den menschlichen Urängsten. Solche Gedankenspiele trieben bereits Aristoteles um. Er führte den Zwang, jede Lücke umgehend auffüllen zu müssen, wiederum auf eine Angst zurück: Der „Horror Vacui“ treibe Natur und Mensch dazu an, jeden Körper, der einen Ort verlasse, durch einen anderen zu ersetzen. Angst und Schrecken sind aber nur die eine Seite des Phänomens. Das Bedrohliche lässt sich umgekehrt in den Dienst der eigenen Sache stellen. Jedes Kind kennt die Faszination, sich zu verstecken, etwas verschwinden zu lassen, um überraschend das eine durch das andere zu ersetzen.

          Die Literatur hatte schon immer ein Faible dafür, das unheimliche Zusammenspiel von Verschwinden und Ersetzen auszuloten. Wie sie den Horror Vacui im Laufe der Zeit ausgestaltet, lässt sich bis zu den heutigen Geschichten von Doppelgängern oder bis zum Kriminalroman verfolgen. Edgar Allan Poes Erzählung „Der entwendete Brief“ etwa bezieht seine Spannung aus dem Doppelspiel von Verschwinden und Ersetzen. Aus der Beobachtung, dass unserer Wahrnehmung sowie unserem Intellekt das Offensichtliche und Naheliegende entgeht, leitet Poe seine Theorie des Versteckens ab.

          Ein literarisches Kammerspiel

          Im Fall von David Fincks hochkarätigem Debütroman „Das Versteck“ sieht die Sache anders aus. Erstens setzt Finck, der bislang als Fotograf in Erscheinung trat, auf allen Erzählebenen das Doppelspiel aus Verschwinden und Ersetzen fort. Zweitens öffnet der Autor das literarische Archiv sperrangelweit. „Ich sehe, sie haben ihren Edgar Allan Poe gelesen“, lässt er eine Figur sagen, während seine Erzählung selbst klarmacht, dass sie mit den einschlägigen Doppelgängern von Jean Paul bis Dostojewski vertraut ist. Finck sucht den Vergleich mit der literarischen Tradition, um das Zeitgenössische seines Erzählens auszuarbeiten.

          Wer jetzt die prallen Helden und die lauten Töne einer Paukenschlag-Literatur erwartet, ist bei David Finck an der falschen Adresse. Mit selbstironischem Augenzwinkern verzichtet er auf die große Weltbühne und wendet sich der unspektakulären Normalität zu. Dort macht er die Angst und Technik des Verschwindens und Ersetzens als Physiognomie und Geist unserer Gegenwart aus. Wäre sein Roman ein Theaterstück, würde man von einem Kammerspiel sprechen. Was in diesem Fall wörtlich zu nehmen wäre, denn eine Vorratskammer spielt eine wichtige Rolle im Roman.

          Bernhard und Gabriele, die Perspektivfiguren des Romans, sind ein Allerweltspaar. Er arbeitet als Anwalt in einer kleinen Kanzlei, sie als Architektin in einem Büro. Die beiden leben ausgerechnet in Leipzig, in jener Stadt also, die mit ihrem Literaturinstitut, an dem auch David Finck studiert hat, oft als literarischer Unort geschmäht wird: In Leipzig werkele die Literatur an kraftlosen Allerweltsstoffen, anstatt etwas zu riskieren. Schmunzelnd erzählt Finck genau so eine Geschichte, wie man sie Leipzig-Absolventen gern zum Vorwurf macht.

          Liebes-Reminiszenz am Jahrestag

          Seine Erzählung setzt an einem 30. Juni ein. Gabriele und Bernhard feiern den Jahrestag ihrer Liebe. Das Paar hat den Tagesablauf auf irritierende Weise ritualisiert. Der Grund hierfür liegt im Konzept der „Liebe auf den ersten Blick“. Weil dort das Kennenlernen als der Grundstein der Beziehung so flüchtig ist wie ein Augenblick selbst, droht er den Liebenden durch die Hände zu gleiten. In ihrer ersten Nacht hatte Gabriele gewünscht: „Solche Momente müsste man festhalten können.“ Bernhard hatte gemutmaßt: „Vielleicht lassen sich Momente wiederholen.“ Seither ersetzt Bernhard an jedem 30. Juni den verronnenen Augenblick, indem er auf einem gemeinsamen Ausflug die Geschichte des Kennenlernens erzählt. Seine Wiederholung soll das Verschwinden im Zeitfluss verhindern. Und wehe, er lässt die entscheidenden Wortwechsel aus oder verdreht einen Dialog, dann kann er sich vor Gabrieles spitzfindigen Einwürfen kaum retten.

          Der Roman selbst übernimmt Bernhards und Gabrieles Erzählstrategie. Allerdings macht er sich ein funkensprühendes Vergnügen daraus, dass sich ein Erlebnis eben nur vielleicht wiederholen lässt, vielleicht aber auch nicht. Durch gezielte Unzuverlässigkeit und Unordnung des Erzählens, durch die Überlagerung von Erzählungen in Erzählung, lässt der Roman das Sicherheitsbedürfnis seiner Figuren hinter den Kipp- und Irritationsmomenten verschwinden.

          Bernhard treibt die Angst um, Gabriele könne ihn jederzeit durch einen anderen ersetzen, und er sieht klar vor sich, wer dafür vor allem in Frage kommt: Gabrieles Chef Reinhard, der ihr unablässig Avancen macht. Die Bedrohung wird greifbar, als Gabriele noch am Jahrestag verkündet: „Ich fahre für ein paar Tage nach Frankreich.“ Tatsächlich wird sie gemeinsam mit ihrem Chef erst nach Paris, dann in die Villa eines seiner Freunde reisen. Muss man extra betonen, dass sich auch die Freundschaft um Verschwinden und Ersetzen dreht?

          Die Angst, austauschbar zu sein

          Noch bedrohlicher, weil weniger greifbar wirkt aber ein zweiter Konkurrent: Bernhard hat einen älteren Bruder, der ihm zum Verwechseln ähnlich sieht. Jonas ist eine schillernde Figur. Vier Jahre vor seinem Bruder war er nach Leipzig in ein besetztes Haus gezogen. Früh hat der Ältere dem Jüngeren, der ihn stets bewundert hat, einen Schwur abverlangt: „Fasse niemals die Frau des anderen an.“ Eine leichte Sache für Jonas, denn seinem kleinen Bruder wollten Frauen damals höchstens über den Kopf streicheln.

          Gabriele aber entscheidet sich auf dem Nachhauseweg von Jonas’ Geburtstagsparty ausgerechnet für Bernhard. Als der Ältere am nächsten Tag davon erfährt, verschwindet er von der Bildfläche. An diesem 30. Juni ist der Bruder seit exakt fünf Jahren untergetaucht, ohne eine Spur zu hinterlassen. Während der folgenden Tage und Nächte bis zum 5. Juli - der Roman ist in schöner Ambivalenz „Juli“ gewidmet - folgt die Erzählung zunächst dem Paar zu einer gemeinsamen Abendeinladung bei Bernhards Chef. Dann reist man einerseits mit Gabriele nach Frankreich, um andererseits mit Bernhard den Kanzleialltag zu erleben: Dort bearbeitet er so atemberaubende Fälle wie den Giftmord an der Taube eines Züchters. Wenn man bedenkt, dass Jonas im Hebräischen „Taube“ bedeutet, lässt sich erahnen, dass der fintenreiche Kammerspieler Finck im vermeintlich Banalen die Zuspitzung des Bruderzwistes vorbereitet.

          Um wie viel es diesem Roman geht, macht er abermals auf seine zurückhaltende Art klar: Entscheidende Leerstelle der erzählten Welt ist Jonas’ und Bernhards Vater. Seit frühster Kindheit ist er verschwunden. Ist die Lücke, die der Vater lässt, der Horror Vacui des Vaterlandes? Wer leise Töne, Reflexion, Scharfsinn, feinen Witz und eine Ästhetik der Genauigkeit nicht für unnötige Verzierungen hält, die vom großen Erzählen nur abhalten, dem bereitet dieser Romans vielfältige Einsichten.

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