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Der Rechtsstreit um Billers „Esra“ : Kann Dichtung dem Leben schaden?

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„Esra”, die unendliche Geschichte: Maxim Biller Bild: ddp

Maxim Billers Roman „Esra“ wird seit vier Jahren vor allem in Gerichtsstuben gelesen. Kommende Woche entscheidet sich, ob der Schriftsteller den realen Vorbildern seiner Romanfiguren Schadensersatz zahlen muß: ein Präzedenzfall darüber, wie weit Kunst gehen darf. Von Richard Kämmerlings.

          „Esra hatte von Anfang an zu mir gesagt, ich dürfe nie etwas über sie schreiben.“ Gleich zu Beginn, im dritten Kurzkapitel von Maxim Billers verbotenem Roman, gibt es ein ausführliches Gespräch zwischen Esra und dem Ich-Erzähler, einem Schriftsteller namens Adam, über das Verhältnis von Kunst und (Privat-)Leben. Adam soll seiner Partnerin versprechen, ihre Liebe nie zum Romanstoff zu machen: „Ich will mit dir privat sein. Verstehst du?“ Adam versteht, findet ihre Panik aber zugleich „fast unangenehm kleinbürgerlich“. Später denkt er an die Reaktionen in Lübeck auf die „Buddenbrooks“: „Warum, dachte ich nun, soll ich für Esras Engstirnigkeit Verständnis haben?“ Die Freiheit, über alles schreiben zu können, sei für ihn „die Luft zum Atmen“.

          Ganz gleich, ob dieser Dialog nun seinerseits fiktiv ist - „Esra“ ist ein Buch, das seine Wirkung bereits einkalkuliert, ein Buch auch über das Verhältnis von Literatur und Realität. Und ein Buch über den Schmerz: Entstanden als Verarbeitung einer schmerzvoll gescheiterten Liebesgeschichte und zugleich konzipiert als Versuchsanordnung, die ihrerseits Schmerzen auslösen soll. „Esra“ ist der Roman einer Verletzung und ein verletzender Roman.

          Ein Präzedenzfall

          Seit fast vier Jahren wird „Esra“ nun deswegen vorwiegend in Gerichtsstuben gelesen: In der kommenden Woche wird vor dem Landgericht München über die Schadensersatzklage verhandelt, die die beiden realen Vorbilder für Esra und ihre als tyrannische, egozentrische Hexe gezeichnete Mutter zusätzlich gegen Biller angestrengt haben, nachdem zuvor sämtliche Instanzen einschließlich des Bundesgerichtshofs das Verbot des Buches bestätigt hatten - wegen schwerwiegender Verletzung des Persönlichkeitsrechts. In allerletzter Instanz wird auch noch vom Verfassungsgericht, wo der Verlag Kiepenheuer & Witsch Beschwerde eingelegt hat, eine grundsätzliche Klärung des Verhältnisses von Kunstfreiheit und Persönlichkeitsschutz erwartet. Aber schon die Entscheidung über die zivilrechtliche Klage, bei der es um 100.000 Euro geht, wird als Präzedenzfall angesehen, weswegen sich im Sommer zahlreiche Schriftsteller und Verleger mit Biller solidarisierten.

          Die „Esra“-Debatte ist zu einem Kristallisationskern verschiedener ästhetischer, juristischer und literatursoziologischer Fragen geworden, die weit über den Einzelfall hinausreichen - nicht nur in ihren konkreten Auswirkungen auf zukünftige Autoren oder auf die möglicherweise angestachelte Klagelust anderer Vorbildfiguren wider Willen. Wie der Verlag hier mit seinem Autor durch das Dick und Dünn der Instanzen geht, ist schon als Zeichen von Treue und Loyalität bemerkenswert. Indem Kiepenheuer-&-Witsch-Verleger Helge Malchow sich zum Verteidiger der bedrohten Kunstfreiheit aufschwang, hat er von Anfang an das Exemplarische des Falles betont. Das trifft auch zu, aber vielleicht in einem etwas anderen Sinne als gemeint.

          Er verschlüsselt gar nichts

          Denn der juristische Fall „Esra“ ist - mit seiner spezifischen Konstellation einer späten Rache unter einstigen Geliebten - nicht ohne weiteres verallgemeinerbar: Es ist ja gar nicht die typische Schlüsselromanform, die ja nur bei mehr oder weniger prominenten Figuren funktioniert - etwa im Fall von Martin Walsers „Tod eines Kritikers“ (gegen den Marcel Reich-Ranicki in bemerkenswerter Souveränität nicht juristisch vorging). Bei Biller ist es genau umgekehrt: Er verschlüsselt vom ersten Satz an gar nichts und macht seine Figuren erst durch den Roman selbst bekannt.

          Es gibt zahlreiche Details, die die Hauptfiguren des Buches trotz geänderter Namen eindeutig identifizierbar machen - und machen sollen. Auch den Ich-Erzähler selbst: „Es wird Zeit, kurz etwas über mich zu erzählen: Dass ich aus Prag komme, Jude bin und oft über Deutschland schreibe, ist kein Geheimnis. Mein Privatleben war aber bisher kein großes Thema, warum auch, ich bin kein Schauspieler oder Sänger.“ Das hat sich geändert. Nicht nur hat Maxim Biller inzwischen eine Platte mit selbstkomponierten Songs veröffentlicht; auch sein Privatleben ist „kein Geheimnis“ mehr, zumindest was eine bestimmte Phase angeht.

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