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„Der Process“ im Radio, im Netz und auf CD : So haben wir Kafka nie gehört

Im Museo Memoria y Tolerancia von Mexiko-Stadt hat man Kafkas Porträt in die Nische einer Backsteinwand gestellt. Josef K., der Hauptfigur des Romans „Der Process”, war solches Gemäuer bei seinen Gängen durchs Gerichtslabyrinth nur zu vertraut. Bild: dapd

Die Avantgarde des deutschen Hörspiels wirkt beim Bayerischen Rundfunk. Ein kreatives Trio hat sich jetzt Franz Kafkas „Der Process“ vorgenommen. Entstanden ist eine fulminante Hörsinfonie - man kann ihr im Radio, im Internet und auf CD lauschen.

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          Die Hörspiel-Abteilung des Bayerischen Rundfunks ist bekannt dafür, jenseits des täglichen Radiofiktions-Geschäftes immer mal wieder ein besonders ehrgeiziges, also ästhetisch riskantes und finanziell aufwendiges Vorhaben auf die Beine zu stellen. Die Taskforce für solche extravaganten Auftritte wird von einem Dreigestirn gebildet, das aus den Redakteuren Katarina Agathos und Herbert Kapfer sowie dem avantgardegestählten Regisseur Klaus Buhlert besteht. Zuletzt wartete man mit der „Ästhetik des Widerstands“ von Peter Weiss und der „Chronik der Gefühle“ von Alexander Kluge auf.

          Jochen Hieber

          Freier Autor im Feuilleton.

          Vorzüglich angetan haben es den Münchner aber stets auch große Romane der deutschen Literatur, die bei aller kanonischen Fraglosigkeit, bei aller Würde und Wucht freilich eine unübersehbare Eigenschaft haben: Sie wurden von ihren Autoren nie fertiggestellt, sind also Fragmente geblieben - und als fragmentarische Riesen zu unserem großen Glück in die Hände von Herausgebern gefallen, die aus den Teilveröffentlichungen oder den Typo- und Manuskripten der Dichternachlässe druck- und lesbare Fassungen synthetisierten.

          In allererster Linie gilt das für Adolf Frisé, der zu Beginn der fünfziger Jahre erstmals Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“ edierte und dieses unvergleichliche Werk überhaupt erst wieder der Vergessenheit entriss.

          Das Kapitel „Advokat Fabrikant Maler” in der Ausgabe des Stroemfeld Verlags

          Eine der größten Taten unserer Literatur

          Auf noch emphatischere Weise und gleich für alle drei Romane trifft das auf Max Brod zu, den Freund und Nachlassfürsten des Jahrtausendautors Franz Kafka. Ohne Brod hätten wir weder den „Verschollenen“ und „Das Schloss“ noch gar den „Prozess“ - den Inbegriff alles Kafkaesken - je kennengelernt, ja, ohne Brod hätten wir nicht einmal die Manuskripte. Er solle sie keineswegs veröffentlichen, mehr noch: er solle sie verbrennen, hatte ihm Kafka aufgetragen, bevor er 1924 starb.

          Ganz gewiss ist Brods Ungehorsam gegenüber dem Freund eine der größten Taten in der Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts - und ganz gewiss steckte in Kafkas Verbrennungsgebot insgeheim der Wunsch, es möge nicht befolgt werden. Wäre es ihm damit wirklich ernst und heilig gewesen, er hätte das eigene Gebot sicher höchstselbst exekutiert.

          Nun gibt es sowohl vom „Mann ohne Eigenschaften“ als auch von Kafkas Romanen längst auch Lese- und Hörspielfassungen für Radio und Hörbuch: im Falle des „Prozess“ die Nachkriegsversion von Gustav Gründgens oder, weit jüngeren Datums, jene von Christian Brückner, bei Musil die herrliche Lesung des Wiener Schauspielers Wolfram Berger. Solche audiophonen Großtaten bloß variierend zu wiederholen, würde dem Ehrgeiz des Münchner Innovationstrios nicht gerecht. Etwas ganz Neues soll es für sie sein, ein ganz neuer Ansatz muss dafür jeweils her.

          Vor gut fünf Jahren nahm sich das Hörspiel des BR also den „Mann ohne Eigenschaften“ noch einmal vor und zauberte unter Textbeihilfe des Klagenfurter Musils-Instituts einen „Remix“ in den Äther und auf CDs, dem es an nichts mangelte. Herausgekommen ist dabei „ein polyphoner Hör-Roman“ (F.A.Z. vom 19. März 2005), der nun die Backlist des in München residierenden Hörverlags schmückt.

          Die berühmten sechzehn Text-Konvolute

          Jetzt also aufs Neue „Der Prozess“. Und damit wir die für Fachleute, aber eben auch nur für Fachleute hochbrisante Frage nach der Schreibweise des Romantitels gleich beantwortet haben: Die Münchner haben sich als Textgrundlage jener vielgerühmten historisch-kritischen Ausgabe versichert, die unter den Herausgebern Roland Reuß und Peter Staengle 1997 im Frankfurter Stroemfeld Verlag erschienen ist - diese Ausgabe setzt auf die im Dichtermanuskript erscheinende Notation „Der Process“. Kafka schreibt indes auch „Proceß“, dafür hatte sich 1990 die kritische Ausgabe von Malcolm Paisley bei S. Fischer entschieden - Brods Erstedition von 1925 firmierte unter „Der Prozeß“.

          Das Singuläre am „Process“ von Reuß und Staengle ist, dass sie auf jede Kapitelabfolge und damit auf die Darstellung eines linearen Fortgangs der Romanhandlung verzichten. Sie berufen sich zu Recht auf den handschriftlichen Befund: Kafka hat nicht mehr und nicht weniger hinterlassen als sechzehn im Umfang und im Grad der Abgeschlossenheit höchst unterschiedliche Text-Konvolute, die er weder numerierte noch paginierte.

          Der Purismus der Handschrift ist mittlerweile oberste Leitlinie der gesamten germanistischen Editionsphilologie, erfunden und gefunden wurde sie Mitte der siebziger Jahre vom ursprünglich ganz fachfremden Grafiker DE Sattler, der mit der ebenfalls bei Stroemfeld erschienenen und mittlerweile abgeschlossenen Frankfurter Hölderlin-Ausgabe wahrhaft Epoche gemacht hat.

          Die Freiheit des Hörers

          Nun lassen sich sechzehn Konvolute trefflich auf sechzehn verschiedene CDs einlesen, auch wenn eine CD - das Kapitel „Advokat, Fabrikant, Maler“ - gut zwei Stunden dauert und auf zwei Scheiben verteilt werden muss, eine andere - „Als sie aus dem Teater traten“ - dagegen nur drei Minuten umfasst: Kein Problem für die sorgfältige und überaus schöne Hörbuch-Edition des Hörverlages, die Mitte Januar in den Handel kommt. Kein Problem auch für die Downloads und den Podcast der einzelnen Kapitel, die der BR sofort nach der Ursendung im Radio auch im Netz präsentiert und abrufbar hält - der Online-Auftritt bietet überdies ein ausgezeichnetes Feature von Mira Alexandra Schnoor über den „Process“ und ein so kluges wie feinsinniges Gespräch mit dem Editor Reuß.

          In beiden Fällen, bei Hörbuch wie Podcast, gilt: Mag der Hörer selbst entscheiden, wann und in welcher Reihenfolge er sich das Ganze gönnt - gönnen sollte er sich die exzellente Produktion in jedem Fall. Wie aber gehen die Ursendungen der einzelnen Romanteile auf Bayern 2, die seit dem Zweiten Weihnachtstag geboten werden und noch bis zu Dreikönig währen, damit um, dass das Medium Radio Linearität schlichtweg gebietet - und mit der zeitlichen Abfolge dann eben doch eine Entscheidung darüber getroffen werden muss, womit man den Roman beginnen und enden lässt und was dazwischen geschieht?

          Agathos, Kapfer und Buhlert haben sich gottlob für eine pragmatische Lösung entschieden. Im Gegensatz zum „Verschollenen“ und zum „Schloss“, die er textwild wachsen und wuchern ließ, hat Kafka beim „Prozess“ im Sommer 1914 gleichzeitig an Einstiegs- und Schlusspassage gearbeitet, sich damit einen Rahmen gesetzt, den es zu füllen galt. Und dass das Kapitel „Erste Untersuchung“, in dem der zuvor verhaftete Josef K. noch absolut selbstbewusst seine Ankläger beschimpft, durchschaut und ihrerseits anklagt, vor dem Besuch im „leeren Sitzungssaal“ stehen muss, bei dem er das Ausweglose des Gerichtslabyrinths erstmals kennenlernt, kann selbst strengste Textkritik nicht leugnen.

          Die Produktion ist jeden Gebühren-Euro wert

          Von Samuel Finzi über Rufus Beck und Manfred Zapatka bis zu Jeanette Spassova, von Jürgen Holtz über Milan Peschel und Thomas Thieme bis zu Corinna Harfouch: welch ein Sprecherensemble ist hier am Werk. Prägnant und völlig überzeugend hat Klaus Buhlerts Regie die „Process“-Texte in kleinere Passagen parzelliert und sie dann auf die verschiedenen Stimmen verteilt. Er selbst liest über das sogenannte „Kommandomikrofon“ die von Kafka gestrichenen Sätze, auch dies zu Recht: Wer weiß, ob sie der Autor bei einer Endredaktion nicht wieder hätte gelten lassen?

          Mit jeder Stimme wechselt der Ton, mit jedem Ton entsteht eine andere Melodie - wir hören eine grandiose Sprechoper. Sehr zurückhaltend wird mit Geräuschen, ganz dezent mit Musik umgegangen, in Dialog-Sequenzen kommt genuines Hörspiel zu seinem Recht. Kurzum, es stimmt alles. Und deshalb nimmt man den „Process“ auch dann ganz neu wahr, wenn man ihn längst, gar mehrfach gelesen haben sollte.

          Das Kapitel „Der Prügler“ etwa, die ewig gültige Schilderung jedweder Folter, eines jeden ihrer Knechte, ihrer Opfer, ihrer Mitwisser: So unbarmherzig, so unabweislich, so wahr wie in dieser Hörsinfonie war es bis dato unerhört. Und wenn der Anwalt Dr. Huld hier gleich mehrstimmig von der Schönheit des Angeklagten an sich schwadroniert, ist es in seiner polyphonen Präzision kaum noch zu ertragen.

          Man höre also. Diese öffentlich-rechtliche Produktion ist jeden Gebühren-Euro wert.

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