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Was kann ein taubblindes Mädchen schon von der Welt wissen? Im Fall von Helen Keller: Eine ganze Menge. Bild: Picture-Alliance

Tyrannei der Primärwahrnehmung : Ich sehe was, was ich nicht sehe

  • -Aktualisiert am

Dürfen Blinde nicht über Farben schreiben und Asketen nicht über Sex? Und was ändert sich, fragt sich der österreichische Schriftsteller Clemens J. Setz in seinem Gastbeitrag, wenn die meiste Erfahrung virtuell geworden sein wird?

          7 Min.

          Eines der Begleitbücher meines Lebens ist die Fallstudiensammlung „Awakenings“ von Oliver Sacks. Er beschreibt darin seine Erlebnisse als Arzt in den späten Sechzigern im Mount Carmel Hospital mit Patienten, die an den Langzeitfolgen der Encephalitis lethargica litten, teilweise vollkommen erstarrte, wie im Wachkoma scheinende Menschen, gefangen in einer extremen Form von Parkinsonismus. Dr. Sacks verabreichte den Patienten ein damals neu entwickeltes Medikament namens L-Dopa, und es kam zu einer „Zeit des Erwachens“, wie es der deutsche Titel des (leider miserabel übersetzten) Buches formuliert, die aber völlig neuartige Herausforderungen und Schwierigkeiten für die seit mehreren Jahrzehnten reglos dahinlebenden Menschen mit sich brachte.

          Am meisten bewegt hat mich immer die Geschichte von „Miss H.“. Sie ist keine der „berühmten“ Geschichten des Buches wie etwa jene von Leonard L., die sogar mit Robert De Niro in der Hauptrolle verfilmt wurde. Miss H. verbrachte ihre Kindheit eingesperrt in einem Waisenhaus, erkrankte an der oben genannten heimtückischen Enzephalitis, und mit sechzehn Jahren begannen die Parkinson-Symptome ihren Körper zu übernehmen. „Mit achtzehn Jahren war sie so behindert“, schreibt Sacks, „dass sie ins Mount Carmel-Krankenhaus verlegt werden mußte. Dadurch hatte sie keine Gelegenheit, die Welt ,draußen‘ kennenzulernen. Was sie von ihr wusste, lernte sie vom Hörensagen und aus Büchern kennen. Die folgenden 37 Jahre ging es mit ihr langsam, aber stetig bergab.“

          Aber Miss H. blieb eine begeisterte Leserin. Vor allem Dickens verschlang sie immer wieder und bezog aus seinen Werken, wie Menschen, die sich mit ihr unterhielten, feststellen konnten, eine auffallend tiefe Menschenkenntnis und Weisheit in Bezug auf das Leben. Sacks schreibt: „Als ich sie viele Jahre später fragte, antwortete sie mit einem Beispiel von Dickens (was sie sehr gerne tat): ,Sie fragen mich immer nach der Lage der Schmerzen. Die einzige Antwort, die ich geben kann, ist die von Mrs. Gradgrind auf solch eine Frage: ,Gewöhnlich fühlte ich, dass ein Schmerz irgendwo im Raum war, aber ich konnte nicht sicher sagen, dass ich ihn habe.‘“

          Gegen Ende heißt es: „Miss H. denkt viel nach, behält ihre Gedanken aber für sich. Sie vertraut sie Band für Band ihren umfangreichen Tagebüchern an.“ Kaum ein anderes Werk würde ich lieber irgendwo in einem Archiv entdecken als diese Tagebuchbände.

          Robert de Niro in der Verflimung von Oliver Sacks’ Buch „Awakenings“.
          Robert de Niro in der Verflimung von Oliver Sacks’ Buch „Awakenings“. : Bild: Picture-Alliance

          Viele denken über einen solchen Fall von „sekundärer“ oder virtueller Erfahrung ausschließlich in Kategorien des Mitleids. Miss H. habe Dickens’ Geschichten als Ersatzerlebnisse für das verpasste Leben verwendet. Man vergleicht die eigene Biographie mit ihrer, fühlt sich beschenkter und erzeugt sofort eine Differenz.

          Noch deutlicher wird dies bei Texten von Personen, denen ein Wahrnehmungssinn fehlte. Ein Beispiel ist William Prescotts ungeheure Geschichte der Eroberung Mexikos (1843), eine farbenprächtige, mitreißende Beschreibung der spanischen Invasion. Er selbst war allerdings nie in Mexiko – und er war blind. Lesen wir seine visuellen Beschreibungen nun anders?

          Jeden Glauben an das Mädchen verloren

          1892 veröffentlichte die damals elfjährige, seit frühestem Babyalter taubblinde Helen Keller eine Kurzgeschichte mit dem Titel „The Frost King“ über die Abenteuer von Feen im Herbst und im Winter. Wenig später wurde sie wegen Plagiatsvorwürfen vor ein schulinternes Gericht gebracht. „The Frost King“ ähnelte in allzu vielen Sätzen einer Geschichte aus einem Buch einer gewissen Margaret Canby.

          Ein Sturm der Entrüstung ging durch die Perkins School, in deren Zeitschrift „The Mentor“ die Geschichte abgedruckt worden war. Häufig verwendete Worte waren Unverschämtheit oder Schande. Acht Lehrer verhörten die elfjährige Helen zwei Stunden lang, schließlich legte der Leiter der Schule die „Kontroverse“ bei und sprach Helen Keller von jeglicher Schuld frei, obwohl er zu Protokoll gab, er habe „jeden Glauben“ an das kleine Mädchen verloren.

          Der taubblinden Helen Keller wurde das Plagiat eines Textes vorgeworfen, obwohl sie beteuerte, sich an die Vorlage nicht zu erinnern.
          Der taubblinden Helen Keller wurde das Plagiat eines Textes vorgeworfen, obwohl sie beteuerte, sich an die Vorlage nicht zu erinnern. : Bild: Picture-Alliance

          Sie selbst sagte, sie habe keinerlei Erinnerung an die Vorlage. Helen Kellers gesamtes Wissen von der Welt bestand aus dem, was sie entweder eigenhändig berührt oder was eine ihrer engagierten Lehrerinnen ihr mit Hilfe des Lorm-Alphabets in die Handfläche buchstabiert hatte. Bei dem schulinternen Prozess sagte eine ihrer Lehrerinnen: „All use of language is imitative, and one’s style is made up of all other styles that one has met.“ Sogar Margaret Canby selbst meldete sich und sagte, dass Helen Kellers Version besser als ihre sei. Man blieb hart. Helen Keller könne ja keine direkte Erfahrung von den Farbwörtern und den anderen visuellen Elementen in ihrer Geschichte haben – deshalb müssten all die Dinge darin abgekupfert sein. Quod erat demonstrandum.

          Helen Keller erlitt nach dieser Erfahrung einen Nervenzusammenbruch und schrieb nie wieder erfundene Geschichten. Mark Twain schickte Keller einen Brief, in dem er ihr Mut zusprach und die ganze Affäre als „owlishly idiotic and grotesque“ bezeichnete. Aber Keller hatte genug. Erst viel später, als Erwachsene, schrieb sie ihre berühmte Autobiographie und einige Bücher über religiöse und gesellschaftspolitische Themen. Die Welt blieb um einige Feenmärchen ärmer, und wie in den anderen Beispielen waren es die fürsorglich-selbstgewissen Hüter der primären Lebenserfahrung, die dafür verantwortlich waren und deren unhinterfragte Macht bis heute ungebrochen ist.

          Der Körper als Maß des Wissens

           Peter Handke hat eine angeborene Farbsehschwäche. Liest man seine Texte anders, wenn man das weiß? Sollte man? Liest man das Wort „rot“ in einem Text von, sagen wir, John Updike, fungiert das Wort sofort als eine Art Brücke: „Wir beide wissen, was rot ist. Wir denken also dasselbe.“ Aber dann nehmen wir einen Text von Handke, in dem „rot“ gesagt wird. Ist es da noch dieselbe Brücke? Und wenn man bei Helen Keller liest, dass die Feen im Herbst die Blätter „rubinrot, smaragdgrün, golden, purpurn und braun färben“ – was für eine Konstruktion ergibt sich dann? Gar keine Brücke mehr? Nur noch der Ausweg ins Mitleid? Sehen wir „purpurn und braun“ hier nur als die reinen Signifikanten, die sie sind? Und warum kann ich hier überhaupt so spottleicht „wir“ sagen?

          Der Körper ist häufig das Maß für das, was gewusst – und also, was beschrieben werden kann. Was hat dieser Körper durchlebt, wozu ist oder wäre dieser Körper theoretisch imstande, was ist ihm zuzutrauen? In meinem Buch „Die Bienen und das Unsichtbare“ geht es in weiten Teilen um Menschen, denen der eigene Körper beziehungsweise das damit gesellschaftlich verbundene Gefüge nicht gestattete, sich so mitzuteilen, wie es unversehrten, unbeeinträchtigten Menschen erlaubt ist.

          Brandbeschleuniger Plansprache

          Etwa um den schwedischen Dichter Mustafa Ahmed Jama, der aufgrund einer angeborenen Zerebralparese niemals seine Stimmsprache verwenden konnte, aber sich als Kind mit Hilfe einer inzwischen leider ganz vergessenen vollständigen Plansprache aus mit Zeigestock antippbaren Symbolen, der sogenannten Blissymbolics, mitzuteilen lernte, seither in ihr denkt und träumt und später in ihr auch eine Reihe atemberaubender Gedichte publizierte. Oder um den blinden Esperantodichter und Anarchisten Wassilij Eroschenko, dessen Leben durch den Brandbeschleuniger einer Plansprache unglaubliche Reiseabenteuer und Intensitäten erreichte.

          Ich habe schon einige Leute sagen hören, Roland Barthes habe ja nie eine „echte, lange“ Liebesbeziehung zu einem Mann gehabt (ein klarer Irrtum, wie man beim Studium seiner Biographie feststellen wird), denn er habe, bis zu deren Tod, immer nur mit seiner Mutter zusammen in einer Wohnung in Paris gelebt. Warum also schreibe ausgerechnet so jemand dieses berühmte Buch „Fragmente einer Sprache der Liebe“?

          Er hat eine Gabe: Für Oliver Sacks sind seine Patienten nicht einfach krank, sondern faszinierende Abweichungen von der sogenannten Norm.
          Er hat eine Gabe: Für Oliver Sacks sind seine Patienten nicht einfach krank, sondern faszinierende Abweichungen von der sogenannten Norm. : Bild: dpa

          Ein bekannter deutscher Kritiker sagte eines Tages zu mir über Arno Schmidt: Der hatte ja gar keine Tochter und war auch nicht ständig umgeben von Teenagern, sondern saß immer bloß in seinem Einsiedlerhaus in Bargfeld herum, woher also kannte er das, was er da in „Zettels Traum“ auf Hunderten Seiten so halluzinatorisch detailreich über das Teenagermädchen Franziska schreibt? „Wie konnte der das wissen?“ Ein lustiges Gesellschaftsdiskussionsspiel für Erwachsene ist die Klärung der Frage: „Sollen kinderlose Menschen über das Kinderhaben schreiben?“

          Dürfen tun sie natürlich, aber kann ihr Beitrag „etwas wert“ sein? Das Fazit lautet, wie mir scheint, meist in etwa so: Ein bisschen dürfen sie das auf jeden Fall. Solange nicht eine Geburt live beschrieben wird oder eines der innersten Mysterien des Kinderhabens. Aber so lang und breit, wie Arno Schmidt es sich erlaubt? Nein, das fällt dann schon in denselben mitleidsvollen Plagiatsbereich wie die Farbwörter und Winterfeen bei Helen Keller.

          Selbst über die größte Dichterin Amerikas, Emily Dickinson, hörte ich schon einmal jemanden in einem Essay behaupten, die zeitlebens nur in einem einzigen Haus, wenn nicht überhaupt nur in einem einzigen Zimmer zurückgezogen dichtende Frau habe doch gar nichts vom sozialen Alltag in Amerika wissen können, ihre Verse seien also ein fernes, abgehobenes Spiel, reine Elfenbeintürmerei, also sei es an der Zeit, sie zu debunken.

          Wenn vollkommen enthaltsam lebende Menschen über Sex schreiben, ist das immer automatisch Fantasyliteratur? Der Konsens hierzu scheint unklar. Relativ klar dagegen scheint, zumindest gemessen an den gängigen Strafkonventionen: Man muss eindeutig nicht Krieg erlebt haben, um Krieg zu beschreiben, man muss bloß „seine Hausaufgaben gut machen“, das heißt lesen und reisen und interviewen. Eine andere menschliche Grundkonstante, das Alter, steht interessanterweise für alle als Thema weitgehend frei zur Verfügung. Auch bei Religiosität wird nicht vorausgesetzt, dass der Körper hinter dem Text in irgendeiner Weise religiös ist. Alles also ein ziemliches Durcheinander.

          „Es ist notwendig zu träumen, es ist nicht notwendig zu leben“

          Am 22. Juli 1955 notiert der norwegische Dichter Olav H. Hauge in sein Tagebuch: „Heute traf ich auf einige Worte Goethes im Eckermann: Er sagt, es sei nicht nötig, Lebenserfahrung zu sammeln, um Hass oder Liebe zu kennen und das Böse und das Gute, das habe man in sich. Deshalb könne ein junger Mann über innere Erfahrungen ebenso gut schreiben wie ein alter.“ Die gelesenen Zeilen verschaffen Hauge einen gewissen Trost. An ihm nagt bisweilen diese selbstgewählte Abenteuerlosigkeit seiner Existenz. Keine Kinder, keine Reisen, keine Großereignisse. Hauge verbrachte sein gesamtes Leben als Obstbauer auf dem elterlichen Hof. Er wurde sogar regelrecht berühmt für diese „Eintönigkeit“. Fast dreißig Jahre nach dem Eintrag, am 5. Mai 1982, zitiert er einen Satz Tomas Bergrens: „Es ist notwendig zu träumen, es ist nicht notwendig zu leben“ und fügt selbst hinzu: „Heute sind alle damit beschäftigt zu leben. Darum haben sie das Leben und die Welt ruiniert.“

          Der österreichische Schriftsteller Clemens J. Setz
          Der österreichische Schriftsteller Clemens J. Setz : Bild: akg-images / Susanne Schleyer

          In manchen Bereichen existiert sie tatsächlich, die träumerfeindliche Tyrannei der Primärerfahrung, die Einteilung in verschieden gültige Sphären des Eingeweihtseins-ins-Leben, und sie ist mitunter ekelerregend behindertenfeindlich. Aber daneben, sozusagen als ihr guter Zwilling, existiert sie als antityrannische Aufklärung, als Bewahrung von authentischem Erleben und als Schutz der Erfahrung von Minderheiten, für die sonst immer jemand anders sprechen würde. Noch wird manche rein virtuelle Erfahrung meist mitleidsvoll abgetan oder geahndet, aber das kann sich ändern, wenn die meiste Erfahrung im Alltag rein virtuell geworden sein wird. Also ungefähr ab 2040. Die Unterschiede werden nicht mehr klar verlaufen.

          Ich erinnere mich an eine Radiosendung über zwei spät erblindete Männer, die beide ihre Frau erst nach der Erblindung kennenlernten und Kinder bekamen. Einer von ihnen war besessen davon herauszufinden, „wie seine Frau aussah“, das heißt, er verlangte immerzu nach Beschreibungen und Approximationsbildern, also zum Beispiel nach für ihn selbst in der Erinnerung abrufbaren Gesichtern berühmter Schauspielerinnen, aus denen er das Gesicht seiner Frau dann nachträglich zusammensetzen konnte.

          Der andere Mann hatte es dagegen völlig aufgegeben, über die Welt auf visuelle Weise nachzudenken. Für ihn war seine Frau einfach die Nähe ihres Körpers, ihr Klang, ihre ertastbare Form, ihr Geruch, ihre Gegenwart, ihr Geist, eben alle anderen Sinne. Wie sie aussah, war eine rein metaphysische Frage.

          Es stimmt, der zweite Mann hat gewiss mehr Frieden. Er geht auf eine erwachsene und weise Art mit seiner Situation um. Der erste erscheint uns viel chaotischer, sisyphoshafter, ungezogener. Seine Suche nach einem inneren Bild beflügelt mich allerdings viel stärker als die Haltung des zweiten. Ja, gerade die Absurdität seines Zugangs (ähnlich der Absurdität, sich etwas vorzustellen, was man selbst absolut niemals, aber fast alle anderen ganz mühelos und wie von selbst erleben können) macht ihn mir zu einem Helden. Mit seinem unstillbaren Hunger nach visueller Beschreibung inmitten einer stockdunklen Welt ist er genau das, was ich gerne wäre: ein vollendeter Träumer, ein Dichter. Mögen ihm nie die Bilder ausgehen.

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