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Was kann ein taubblindes Mädchen schon von der Welt wissen? Im Fall von Helen Keller: Eine ganze Menge. Bild: Picture-Alliance

Tyrannei der Primärwahrnehmung : Ich sehe was, was ich nicht sehe

  • -Aktualisiert am

Dürfen Blinde nicht über Farben schreiben und Asketen nicht über Sex? Und was ändert sich, fragt sich der österreichische Schriftsteller Clemens J. Setz in seinem Gastbeitrag, wenn die meiste Erfahrung virtuell geworden sein wird?

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          Eines der Begleitbücher meines Lebens ist die Fallstudiensammlung „Awakenings“ von Oliver Sacks. Er beschreibt darin seine Erlebnisse als Arzt in den späten Sechzigern im Mount Carmel Hospital mit Patienten, die an den Langzeitfolgen der Encephalitis lethargica litten, teilweise vollkommen erstarrte, wie im Wachkoma scheinende Menschen, gefangen in einer extremen Form von Parkinsonismus. Dr. Sacks verabreichte den Patienten ein damals neu entwickeltes Medikament namens L-Dopa, und es kam zu einer „Zeit des Erwachens“, wie es der deutsche Titel des (leider miserabel übersetzten) Buches formuliert, die aber völlig neuartige Herausforderungen und Schwierigkeiten für die seit mehreren Jahrzehnten reglos dahinlebenden Menschen mit sich brachte.

          Am meisten bewegt hat mich immer die Geschichte von „Miss H.“. Sie ist keine der „berühmten“ Geschichten des Buches wie etwa jene von Leonard L., die sogar mit Robert De Niro in der Hauptrolle verfilmt wurde. Miss H. verbrachte ihre Kindheit eingesperrt in einem Waisenhaus, erkrankte an der oben genannten heimtückischen Enzephalitis, und mit sechzehn Jahren begannen die Parkinson-Symptome ihren Körper zu übernehmen. „Mit achtzehn Jahren war sie so behindert“, schreibt Sacks, „dass sie ins Mount Carmel-Krankenhaus verlegt werden mußte. Dadurch hatte sie keine Gelegenheit, die Welt ,draußen‘ kennenzulernen. Was sie von ihr wusste, lernte sie vom Hörensagen und aus Büchern kennen. Die folgenden 37 Jahre ging es mit ihr langsam, aber stetig bergab.“

          Aber Miss H. blieb eine begeisterte Leserin. Vor allem Dickens verschlang sie immer wieder und bezog aus seinen Werken, wie Menschen, die sich mit ihr unterhielten, feststellen konnten, eine auffallend tiefe Menschenkenntnis und Weisheit in Bezug auf das Leben. Sacks schreibt: „Als ich sie viele Jahre später fragte, antwortete sie mit einem Beispiel von Dickens (was sie sehr gerne tat): ,Sie fragen mich immer nach der Lage der Schmerzen. Die einzige Antwort, die ich geben kann, ist die von Mrs. Gradgrind auf solch eine Frage: ,Gewöhnlich fühlte ich, dass ein Schmerz irgendwo im Raum war, aber ich konnte nicht sicher sagen, dass ich ihn habe.‘“

          Gegen Ende heißt es: „Miss H. denkt viel nach, behält ihre Gedanken aber für sich. Sie vertraut sie Band für Band ihren umfangreichen Tagebüchern an.“ Kaum ein anderes Werk würde ich lieber irgendwo in einem Archiv entdecken als diese Tagebuchbände.

          Robert de Niro in der Verflimung von Oliver Sacks’ Buch „Awakenings“.
          Robert de Niro in der Verflimung von Oliver Sacks’ Buch „Awakenings“. : Bild: Picture-Alliance

          Viele denken über einen solchen Fall von „sekundärer“ oder virtueller Erfahrung ausschließlich in Kategorien des Mitleids. Miss H. habe Dickens’ Geschichten als Ersatzerlebnisse für das verpasste Leben verwendet. Man vergleicht die eigene Biographie mit ihrer, fühlt sich beschenkter und erzeugt sofort eine Differenz.

          Noch deutlicher wird dies bei Texten von Personen, denen ein Wahrnehmungssinn fehlte. Ein Beispiel ist William Prescotts ungeheure Geschichte der Eroberung Mexikos (1843), eine farbenprächtige, mitreißende Beschreibung der spanischen Invasion. Er selbst war allerdings nie in Mexiko – und er war blind. Lesen wir seine visuellen Beschreibungen nun anders?

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