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Christian Krachts „Eurotrash“ : Die perfekte Trennung von Autor und Autor

In seinem neuen Roman schreibt Christian Kracht die Geschichte seines legendären Debüts „Faserland“ weiter. Erzählt er von seiner eigenen Familie? Das Spiel mit der Wirklichkeit in der Fiktion geht weiter.

          7 Min.

          Bei „Eurotrash“, dem neuen Roman von Christian Kracht, handelt es sich um die Fortsetzung von „Faserland“. So preist es Krachts Verlag selbst an. Und der Roman tut auch so. „Vor 25 Jahren“, heißt es in dessen Beilagentext, „irrte in ,Faserland‘ ein namenloser Ich-Erzähler (war es Christian Kracht?) durch ein von allen Geistern verlassenes Deutschland, von Sylt bis über die Schweizer Grenze nach Zürich. In ,Eurotrash‘ geht derselbe Erzähler erneut auf eine Reise.“

          Tobias Rüther
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Also schlägt man das Buch auf. Mit gemischten Gefühlen. Denn „Faserland“, die Geschichte eines reichen jungen Mannes auf Roadtrip durch eine Bundesrepublik der späten Kohl-Ära, in der sich schon die Schröder-Jahre abzeichnen, ist ja nicht irgendein Buch gewesen. „Faserland“, erschienen im Februar 1995, hat die jüngere deutschsprachige Literaturgeschichte geteilt in die Zeit davor und danach. Hat das Publikum geteilt in jene, die es verschlungen und weiterverliehen haben, weil sie nicht fassen konnten, dass so etwas auf Deutsch möglich war, so eine Sprache, so ein Humor, so ein referenzgesättigter Text, quer durch die Geschichte des Abendlandes von Thomas Mann bis Modern Talking – und die anderen, die „Faserland“ banal, blasiert und moralisch verwahrlost fanden.

          Zu diesen anderen gehörten vor allem die Literaturkritiker, die „Faserland“ damals angewidert kurz und klein schrieben, den Autor chronisch mit dem barbourjackentragenden Erzähler verwechselten und vor allem ihren Kanon gegen solch einen verwöhnten, oberflächlichen Schund verteidigten. All das, um Krachts Debüt später dann aber, als dessen Autor unbeirrt einen weiteren großen Roman nach dem anderen schrieb, in einer gigantischen Spurenverwischung nachträglich doch noch in diesen Kanon hineinzukorrigieren. Als wäre es ja immer schon klar gewesen, was für ein Meisterwerk „Faserland“ sei. Gar nichts war klar. „Faserland“ musste sich den Platz selbst schaffen, auf dem es erschien, und hat damit anderen, neuen Schreibweisen den Weg bereitet.

          Ständig wird er auf seine Barbourjacke angesprochen

          Die emotionalen Reaktionen auf Krachts Debüt haben jedenfalls starke Bindungskräfte erzeugt. Den unguten Impuls, jetzt den Roman sogar noch vor seinem eigenen Erfinder verteidigen zu wollen: Wir haben doch das eine Buch schon, warum brauchen wir das zweite? Wir haben fünfundzwanzig Jahre lang immer wieder darüber diskutiert, dass der Erzähler von „Faserland“ natürlich nicht Christian Kracht sei, und genauso leidenschaftlich über das offene Ende, wenn der Erzähler sich über den Zürichsee rudern lässt, diese mythologischen Motive der letzten Fahrt – und jetzt soll es einfach so weitergehen? Als wäre nichts gewesen?.

          Auch deswegen schlägt man „Eurotrash“ mit gemischten Gefühlen auf. Beginnt beim ersten Wort, und es ist das erste wie damals in „Faserland“: „Also“. Und danach sucht man auch nach dem letzten Wort, und auch das ist das letzte wie damals, „bald“. Aber was sich dazwischen abspielt, ist nicht so eindeutig als Fortsetzung festzulegen.

          Motive ähneln sich, ja. Figuren ähneln sich auch. Anekdoten, Eigenheiten und Konstellationen tauchen wieder auf. Der Erzähler steckt sich zum Beispiel eine Zigarette an der anderen an, das hatte er in „Faserland“ auch getan, so oft, dass man vom Lesen Raucherhusten bekam. Der Erzähler ist auch hier ein bisschen konträr fasziniert von Fäkalien, orientiert seine soziale Wahrnehmung an teuren Marken und ist permanent im Taxi unterwegs.

          Bewusstsein für die eigene Fiktionalität

          Diesmal ist er das, um mit seiner kranken, seelenkranken Mutter von Zürich aus vielleicht ein letztes Mal gemeinsam die Orte seiner Kindheit aufzusuchen: Mutter und Sohn reisen im Taxi ins Saanenland, hinauf auf den Col du Pillon, nach Morges ans Château des verstorbenen Vaters und nach Genf ans Grab des Schriftstellers Jorge Luis Borges. Die Geschichte ist also wieder in Dauerbewegung, nur endet sie nicht wie der Roadtrip von „Faserland“ in Zürich, sondern beginnt dort diesmal.

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          Christian, der Erzähler dieses neuen Romans, stellt sich selbst gleich auf der ersten Seite als Autor von „Faserland“ vor. Und auch dessen achtzigjährige Mutter bezeichnet ihren Sohn so. Und spricht ihn ständig auf seine Barbourjacke an. Aber gerade deswegen kann es sich bei der Schweizreise aus „Eurotrash“ eigentlich nicht um die Fortsetzung der Deutschlandreise aus „Faserland“ handeln. Zudem hat Christian, das Ich aus diesem neuen Roman, auch die Geschichte nicht immer in der Hand, die jetzt „Eurotrash“ erzählt. Er hat irgendwann sogar den Verdacht, zusammen mit seiner Mutter selbst wie Romanfiguren in eine Geschichte hineingeraten zu sein.

          Es sind ja auch Romanfiguren, und zwar Figuren eines Romans von Christian Kracht, aber mindestens eine davon besitzt offenbar ein Bewusstsein für ihre eigene Fiktionalität. „Wie funktioniert das?“, fragt sich dieser Christian, als ihm das klarwird, da sitzen die beiden zum Forellenessen in einem Gasthaus, und Christian weiß, was hinter den Kulissen in der Küche geschieht, ohne dabei zu sein, weil er es einfach bestimmen kann.

          Wie funktioniert das? Vermutlich ist es nicht ganz falsch, anzunehmen, dass sich diese Frage auch an jene richtet, die „Eurotrash“ in diesem Augenblick lesen. Und die sich das auch fragen. Die sich das tatsächlich seit dem ersten Roman von Christian Kracht fragen: Wie macht der das? Wie erschafft er nur diese warme Kälte des Tons? Das Bleistiftfeine der Beschreibung selbst gemeinster Qual und Brutalität? Und wie gelingt ihm diese Gegenwartsnähe seiner Geschichten, auch wenn diese Geschichten seit „Faserland“ kein einziges Mal mehr in der Gegenwart gespielt haben, in die hinein sie aber erscheinen? Denn sie spielten seitdem im revolutionären Iran („1979“, aus dem Jahr 2001), in der sowjetischen Schweiz einer dystopischen Vergangenheit („Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“, 2008), in einer deutschen Kolonie um die vorletzte Jahrhundertwende („Imperium“) oder im Japan der dreißiger Jahre („Die Toten“).

          Christian Kracht hält seine Frankfurter Poetik-Vorlesung, Mai 2018
          Christian Kracht hält seine Frankfurter Poetik-Vorlesung, Mai 2018 : Bild: Frank Röth

          Wie funktioniert es also, dass sich auch „Eurotrash“ liest wie nicht so ganz von dieser Welt? Aus einer märchenhaft realen Schweiz von heute, durch die Mutter und Sohn in einem Taxi schweben, dessen Fahrer zur Stelle ist, wann immer sie ihn brauchen? Und ist der am Ende auch wieder ein Fährmann ins Jenseits?

          Es funktioniert, weil der Roman selbst die Grenzen der Fiktion von Anfang an öffnet. Der Erzähler aus „Eurotrash“ hat einen Roman namens „Faserland“ geschrieben. Das behauptet dieser neue Roman. Damit ist der Erzähler offenbar der Autor von „Faserland“, aber nicht dessen Hauptfigur, insofern kann die Handlung von „Eurotrash“ auch nicht die Handlung von „Faserland“ fortsetzen. Man liest in diesem Buch von der Geschichte eines Mannes, der sich eine andere Geschichte in einem anderen Buch ausgedacht hat. Und der sich permanent neue Geschichten ausdenkt. Was hier passiert, zwischen den beiden Romanen, ist die perfekte Trennung von Autor und Autor. Das erzeugt einen Zwischenraum, in dem die erzählerischen Dimensionen ausgehebelt sind. Und in diesem Dazwischen bewegt sich dieses phänomenale Buch.

          Seltsam, Informationen eines Romans googeln zu wollen

          Doch auch wenn das so geschickt erzählt ist, dass man sehr genau aufpassen muss, um die Wechsel zwischen den erzählten Welten nicht zu verpassen und auch ja die vielen Anspielungen auf andere Trickser der Kunstgeschichte mitzukriegen, auf Borges, auf Nabokov, auf Bowie: Kracht macht es sogar noch komplizierter. Indem er die Geschichte von „Eurotrash“ mit Elementen einer Familiengeschichte anreichert, die Krachts eigener ähnelt. Der Christian im Roman ist wie der Christian, der ihn in dieses Buch geschrieben hat, in Saanen geboren. Der Vater im Roman ist wie der reale Vater Kracht die rechte Hand des Verlegers Axel Springer, und er heißt auch hier Christian, wie sein Sohn. Lebensdaten dieses „Christian Kracht“ senior passen zu denen, die man auf Wikipedia nachschlagen kann, was zu der seltsamen Erkenntnis führt, dass man sie googelt, genau wie der Erzähler im Roman diese Daten offenbar gegoogelt hat, weil er an deren Wahrheitsgehalt zweifelt.

          Und überhaupt, wie seltsam, Informationen eines Romans googeln zu wollen. War Kracht wirklich siebenundzwanzig, als „Faserland“ erschien, und nicht doch eher achtundzwanzig und ein paar Zerquetschte? Und die Grundschule in Gstaad, die der Erzähler als Siebenjähriger angezündet haben will, war doch zu dem Zeitpunkt schon geschlossen? Oder nicht? Und darf ein Siebenjähriger überhaupt von der Staatsanwaltschaft vernommen werden? Selbst in der Schweiz? (Wer dann vollends verlorengehen will in den Fragen, was hier wahr oder erfunden ist, schaut sich parallel zur Lektüre die Familienbilder an, die Kracht während der Fertigstellung von „Eurotrash“ auf Instagram eingestellt hat.)

          „Natürlich habe auch ich meine Schule angezündet.“

          Von der angeblichen Brandstiftung in Gstaad hatte Christian Kracht schon im Mai 2018 in seiner Frankfurter Poetik-Vorlesung erzählt. Er hatte sie damit sogar beendet: „Natürlich habe auch ich meine Schule angezündet. Die Akten liegen für die Forschung bereit beim Jugendgericht in Thun.“ In den Lesungen davor hatte Kracht sein Publikum erschüttert und die Literaturkritik in Alarmbereitschaft versetzt, weil er berichtete, wie er als zwölfjähriger Internatsschüler in Kanada von einem Pastor sexuell missbraucht worden sei. Und seine Eltern ihm nicht glauben wollten und Kracht seiner eigenen Erinnerung selbst jahrzehntelang nicht mehr getraut habe. Bis er eines Tages davon gelesen habe, dass dieser inzwischen verstorbene Pastor auch andere Jungen missbraucht haben soll. Und wie Kracht erkannt habe, dass ein Echo dieses Missbrauchs und dieses Täters und seines Opfers durch all seine Romane zieht. Auch durch diesen, der die Missbrauchsgeschichte des Sohns und die Missbrauchsgeschichte der Mutter zur Sprache bringt.

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          Kracht hatte in seiner Poetik-Vorlesung laut und eindringlich darüber nachgedacht, welche eigenen Wege ein Erlebnis beim Schreiben ins Werk gehen kann. Wie es sich unterwegs verwandelt. Und dass gerade die Parodie wahrhaftiges Erzählen ermöglicht. Umso mehr, je mehr die Parodie dem Original ähnelt. „Eurotrash“ wäre in diesem Sinne die Parodie einer Fortsetzung von „Faserland“. Und die Wahrheit, welche sie enthüllt, dass Romane die Wirklichkeit abbilden, aber nicht die Wirklichkeit sind, selbst wenn sie wirkliche Elemente enthalten sollten.

          Die unlösbar scheinenden Widersprüche der Literatur

          Der Vater aus „Eurotrash“ war ein notorischer Villenbesitzer mit unangenehm neureichen Allüren. Hin und wieder hatte er den Zufall genutzt, den gleichen Namen zu tragen wie jene Schweizer Hoteliersfamilie Kracht, denen das noble „Baur au Lac“ in Zürich gehört – um noch besser behandelt zu werden als sowieso schon. „Wir können ja sagen, wir heißen Kracht“, sagt auch Christians Mutter einmal. Und hat damit das erzählerische Geheimnis von „Eurotrash“ benannt. Man kriegt es nicht anders zu fassen als in den unlösbar scheinenden Widersprüchen der Literatur.

          Überhaupt ist Frau Kracht der Star dieses neuen Romans. Die mit Geld um sich wirft. Und Pelze hortet. Und Schuhe, die sie nie getragen hat. Vielleicht hat sie sogar mal Nabokov geküsst. Die Mutter ist die exzentrischste, witzigste, wunderbarste Figur, von der Christian Kracht bislang erzählt hat. Der Schweizer Schriftsteller. Und vielleicht, wer weiß, ihr Sohn. Aber spielt das eine Rolle?

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