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Der neue Pynchon : Freiheit ist Vergangenheit

Der neue Pynchon: ein Fest des Anarchismus Bild: Verlag

Die Gegenwart ist dumm und grausam, eine bessere Zukunft hat sie verwirkt - meint Thomas Pynchon, der den Leser in seinem neuen, tausendseitigen Roman „Against the Day“ in die bessere Vergangenheit der vorletzten Jahrtausendwende verschlägt. Von Dietmar Dath.

          6 Min.

          Die Fadheit, die Thomas Pynchon aus dem Gesicht der Gegenwart entgegenschlägt, muß fürchterlich sein; ein zahnlos gähnendes Gegenüber, zusammengesetzt aus lauter toten, teigigen Gesichtern - die mehr als eintausend Seiten seines neuen Romans „Against the Day“ legen von diesem Anblick Zeugnis ab als donnernde Widerrede: Es gab einmal eine bessere Zeit; alles hätte anders werden müssen.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          „Der Tag“, gegen den es schon im Titel geht, ist ein Kompromiß, den die moderne Menschenseele mit den Umständen schließt, in die sie hineingeboren wird. „Wenn du nicht jeden Atemzug eines jeden Tages der Aufgabe weihst, jene zu zerstören, welche die Unschuldigen so beiläufig abschlachten, wie sie einen Scheck unterschreiben, wie unschuldig darfst du dich dann nennen? Das mußt du mit dem Tag ausmachen, ausgehend von den Maßstäben des Absoluten“, lehrt ein Anarchist auf Seite 87. Wenig später zitiert ein Gewerkschaftskämpfer die Bibel: „Es ist genug, daß ein jeglicher Tag seine Plage habe“, und kurz darauf erklärt der Elektrizitätspionier Nikola Tesla, daß die lästigen Pflichten gegenüber der Gesellschaft auch beim Streben nach den Idealen der Wissenschaft nicht umgangen werden können, „man muß dem Tag das Seinige zurückgeben“, da ist nichts zu machen.

          Drangvolles Durcheinander?

          Thomas Pynchons Widersetzlichkeit gegen diese pragmatische Wahrheit verschafft sich Bewegung, so gut sie kann, indem sie spektakuläre Werkzeuge zum Einsatz bringt: sprechende Kugelblitze und denkende Teigwaren; die Arkana der entlegenen Mathematik und der revolutionären Physik; riesige Fahrzeuge, die unterm Wüstensand nach Schätzen suchen wie U-Boote am Meeresgrund; Bücherwurmlöcher und Rutschbahnen quer durch die Raumzeit; Bühnenzauber und echte Magie; Sprengstoff; sexuelle Peitschenspielchen in den Stallungen der Superreichen und schmuddelige Orgien in den stickigen Quartieren des Lumpenproletariats. Alle diese Drehs, Requisiten und set pieces entnimmt Pynchon den Scharnierjahren der Hochmoderne, der Zeit, als das neunzehnte Jahrhundert ins zwanzigste kippte. In spitzwinkligen Nischen des Erzählgangs bringt er wohlgesetzte Anachronismen unter, ohne je den Referenzrahmen seiner Vorzeit zu verlassen: Ein schwarzer Kleinkrimineller der vorletzten Jahrhundertwende redet wie ein Gangsta-Rapper der letzten; eine Katastrophe im zaristischen Rußland wirft neben Trümmern und Leichenteilen auch das Wörtchen „Tschernobyl“ aus; Menschen verlieren sich in „Sendungen“ und Sinnbildern, wie man heute im DVD-gespeisten Heimkino vor sich hin dämmert.

          Drangvolles Durcheinander? Dafür ist der Roman gelobt und getadelt worden; beide Wertungen sind verfehlt, die Schnellschuß-Verrisse wie die wattigen Komplimente von Fans, die zugeben, das Werk nicht zu Ende gelesen zu haben. Denn die Überfülle des Materials ist wohlorganisiert, in einer stimmigen Fabel und als Katalog äußerst funktional aufeinander abgestimmter, aber hochvariabler Stilmittel. Das stabile, wenn auch mehrstrebig in die gotische Architektur des Romans eingepaßte Schwerezentrum der Handlung ist das Schicksal der Familie Traverse - der Name ist sprechend, wie die meisten hier; in diesem Fall redet er von Überschreitung: Vater Webb Traverse verletzt die Spielregeln der Klassengesellschaft, indem er sich mit den Besitzenden anlegt, er wird deshalb ermordet; seine Tochter Lake, „Kind des Sturms“, verletzt die guten Sitten, indem sie einen der Mörder ihres Vaters heiratet; seine Söhne Reef und Frank, auf Blutrache aus, geraten auf mehrerlei Arten mit der herrschenden Ordnung in Konflikt; ihr Bruder Kit schließlich begibt sich als Forscher an den Rand des erlaubten Wissens und darüber hinaus.

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