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: Der Mensch als Gummistiefeltier

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Kein Sieg ohne Niederlage. Im Falle der naturwissenschaftlichen Kriminalistik bedeutete die Generierung bis dahin unbekannter Gewißheiten historisch einen Ansehensverlust des klassischen Beweismittels der Zeugenaussage und auch des Geständnisses. Nicht einmal die versammelten Anstrengungen der modernen Aussagepsychologie können die Zweifel stillen, die diese Beweismittel im Einzelfall umgeben. Alle Charakteranalysen, die sich auch im Falle Lindberghs anboten, waren weniger hilfreich als jener unscheinbare Holzsplitter, der den deutschen Einwanderer Bruno Hauptmann verriet. Sogar Benecke ist sich seiner Sache so sicher, daß er in seinem Triumph recht herablassend über sämtliche Methoden und Wissenschaften schreibt, die außerhalb des kriminalistischen Werkzeugkastens liegen.

Diese naturwissenschaftlich verengte Wissenschaftsgläubigkeit steht in bemerkenswertem Kontrast zu Beneckes Umsicht und Vorsicht bei der kriminalistischen Spurenauswertung. Da liest man, daß jenseits der Welt der Naturwissenschaften das Spekulieren und Abwägen begänne. Für dieses luftige Reich "jenseits der Fakten" wähnt er die Juristen zuständig. Sie kommen im Buch auch sonst nicht besonders gut weg. Wie sollten sie auch: Sie haben ja neben der Chance, der Beweisführung der Kriminalisten zu folgen, lediglich die Möglichkeit, sich durch Unkenntnis objektiver wissenschaftlicher Zusammenhänge oder durch juristische Verfahrensfehler zu blamieren.

Dazwischen aber gibt es bei Benecke noch das Feld wissenschaftlicher Ratlosigkeit. Es liegt in der Kriminologie. Beneckes Montagetechnik und Erzählfreude verfällt in einen anderen Ton, nachdem der Täter identifiziert ist. Nun geht es darum, jene "Triebkräfte auszuspüren, die den Menschen an die Grenzen des Menschseins führten" (Peter Becker). Benecke formuliert in irritierender Naivität Fragen nach Motiven jenes "anderen" in uns und weiß doch gerade bei seinen "Gräueltaten" keinen Rat. Die Welt und ihre Kriminalfälle erscheinen "düster, undurchsichtig und traurig". Er fragt nach der "Grenze zwischen Gut und Böse". Am Ende erscheint der Mensch, ja das Soziale überhaupt als abgründiges Rätsel. Alles, was damit zu tun haben könnte und für eine Erklärung taugte, wird als außerwissenschaftlich abgetan.

Gerade deswegen findet Benecke in jenen irrationalen Gewaltverbrechen sein Material. Denn der Boden der Gewißheit, für den der Autor seine Leser begeistern will, ist nur fest, wo gemessen und gezählt werden kann. Auch die Skepsis gegen die Justiz und das Rechtssystem speist sich aus diesen lebensweltlichen Vorbehalten. Heftig gescholten wird daher von Benecke ein "geisteswissenschaftlicher Theoretiker", der im vergangenen Jahr in den Vereinigten Staaten Defizite bei der Fingerspurenauswertung aufzeigte (gemeint ist wohl Simon A. Cole).

Erst recht bleibt im Buch eine Rezeption der nicht so glatten Reflexionen von Geistes- und Sozialwissenschaftlern über Devianz und ihre Koexistenz mit normtreuem menschlichen Verhalten aus. Die vom Praktiker Benecke in Betracht gezogenen Deutungsmuster der Wirklichkeit bleiben daher unterkomplex, moralisierend und fragwürdig. Darum reagieren Kriminologen oft empfindlich, wenn sie mit Kriminalisten verwechselt werden.

MILOS VEC

Mark Benecke: "Mordmethoden". Ermittlungen des bekanntesten Kriminalbiologen der Welt. Gustav Lübbe Verlag, Bergisch Gladbach 2002. 368 S., 37 S/W-Abb., geb., 22,- [Euro].

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