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: Der Mensch als Gummistiefeltier

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Mark Beneckes Kriminalfälle scheinen den Erzählmustern des Pitaval entnommen: Mitten in die beschauliche Alltagswelt hinein schlägt das Verbrechen schaurig zu. Die realistischen Mordgeschichten jener Literaturgattung vermengten einst den Unterhaltungswert mit der wissenschaftlichen oder moralischen Belehrung des Publikums.

          Mark Beneckes Kriminalfälle scheinen den Erzählmustern des Pitaval entnommen: Mitten in die beschauliche Alltagswelt hinein schlägt das Verbrechen schaurig zu. Die realistischen Mordgeschichten jener Literaturgattung vermengten einst den Unterhaltungswert mit der wissenschaftlichen oder moralischen Belehrung des Publikums. Was dem französischen Anwalt und Namensgeber François Gayot de Pitaval im achtzehnten Jahrhundert recht war, ist auch heute Mark Benecke billig. Benecke ist Kriminalbiologe und spezialisiert auf forensische Entomologie, also die gerichtliche Insektenkunde. In seinem Buch reiht er Verbrechen aneinander, bei denen die Kriminalistik den entscheidenden Beitrag zur Aufklärung geleistet hat.

          Die Fälle geben sich rätselhaft, und die Pointen sind oft überraschend. Überhaupt besteht dringender Tatverdacht, daß der Leser nicht von seiner Lektüre abläßt, bis ihm Benecke den besten Schuldigen kredenzt hat oder das Buch gar ganz zu Ende ist. Dabei tritt Benecke dezidiert als Repräsentant der Kriminalistik auf, also jener Wissenschaft, die sich mit der Tataufklärung beschäftigt. Diese sollte der Leser nicht mit der Kriminologie verwechseln, welche sich mit den Ursachen und der Verhütung von Verbrechen befaßt. Denn beide Disziplinen stehen in einem Spannungsverhältnis zueinander, das auch für Beneckes Buch konstitutiv ist.

          Auch wenn man Beneckes Verkitschung der Alltagswelt nicht folgt, wonach die Bürger in ihrer "Glücksbärchenwelt" leben, bis das Verbrechen sie ereilt, gelingt ihm doch eine Emotionalisierung der Kriminalfälle, der man sich schwer entziehen kann. Die Ungewißheit über mutmaßliche Täter und Tatmotiv bricht sich oft eigenwillig mit dem unbezweifelbaren Grauen, das der Leser ob der Verbrechen empfindet. Benecke schöpft aus einem Fundus, in dem sowohl Klassiker wie die Entführung des Lindbergh-Babys und der Fall von O. J. Simpson enthalten sind wie auch in Vergessenheit geratene Delikte, etwa der rätselhafte Flammenwerferanschlag auf eine Schule in Köln-Volkhoven im Jahre 1964.

          Diese Emotionalisierung hat zweierlei Funktion: Erstens bindet sie den Leser an den kriminalistischen Plot der Geschichte, und zweitens identifiziert sich dieser mit dem Verfolgerblick der Ermittlungsbeamten. Beides bleibt im Rahmen des Buches halbwegs unproblematisch, da Benecke gezielt nur auf Fälle von Schwerstkriminalität rekurriert. Die Taten sind ausschließlich vom Kaliber versuchter heimtückischer Mord, vollendeter Mord im Affekt oder gar Serienmord. Vor diesem gleichsam naturrechtlich aufgeladenen Begriff von Kriminalität verblaßt schnell jeder Zweifel, irgendwelche technisch möglichen Ermittlungsmethoden könnten im Einzelfall doch Bedenken begegnen.

          Im Gegenteil: Beneckes Buch ist ein einziges Plädoyer für die restlose Ausnutzung der naturwissenschaftlich-technisch verfügbaren Ermittlungsmethoden, um mutmaßliche Kriminalfälle aufzuklären. Es schreibt damit eine Erfolgsgeschichte fort, die in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts in den Ermittlungsdiensten der großstädtischen Polizeizentralen begann. Mit den grandiosen Fortschritten der Naturwissenschaften wuchsen die Möglichkeiten der Fahnder, Spuren zu Spuren und Täter zu Spuren zu ordnen. Auch die Identität einer Person ließ sich dank moderner Chemie, Physik und Medizin nun erstmals zweifelsfrei feststellen. Dieser Siegeszug des Sachbeweises setzt sich zuletzt in der DNA-Analyse, aber auch in der Computerisierung der Polizeiarbeit fort, welche das kriminalistische Genie Horst Herold in den siebziger Jahren schon früh als Hoffnungsträger identifiziert hatte.

          Beim Praktiker Benecke ist es die Schnittstelle zwischen Biologie und Kriminalistik, an der er den Leser bisweilen regelrecht in seinen Bann ziehen kann. Benecke referiert mit Sachkunde und Begeisterung, wie Leichen sich in verschiedenen Umgebungen verändern und welche Insekten sich in und an der Leiche sammeln, er schildert die plastischen Rekonstruktionsarbeiten von Rechtsmedizinern und berichtet über verräterische Spuren von Pollen und Pilzen. Im Fall der 1997 ermordeten Pastorengattin Veronika Geyer-Iwand etwa entfaltet Benecke ein detailliertes Panorama über die Ermittlungsarbeit der Polizei, die neben einem unkonventionellen Leben des Hauptverdächtigen allerlei heterogene Verdachts-, aber auch Entlastungsmomente zutage brachte.

          Beneckes List besteht hier darin, den Leser auf das Glatteis moralischer Werturteile über die Persönlichkeit des Verdächtigen zu führen, bis man beinahe selbst glaubt, es käme letztlich auf die Frage an, ob dem Verdächtigen eine solche Gewalttat zuzutrauen sei. Beim Flugpionier Lindbergh gelingt ihm diese Strategie so überzeugend, daß man schließlich den wundersamen Sonderling, der die Ermittlungsarbeiten systematisch behinderte und Spuren vernichtete, glatt für den besten Schuldigen hält, obwohl er doch als Kindsvater und Nationalheld alle Sympathien für sich hatte.

          Wie gut, daß es im Fall des verdächtigten Pastors Klaus Geyer die glänzende schwarze Holzameise gab. Nahe beim Fundort der Leiche, unter den hohlen Hainbuchen-Stämmen südlich von Braunschweig, befanden sich zwei Nestausgänge. Und an den sichergestellten Gummistiefeln des Verdächtigen konnte eine Bodenprobe inklusive besagter Ameise sichergestellt werden. Die Art gehört zu den flugunfähigen Arbeitern, und auch die Wahrscheinlichkeit der Windverdriftung und des "sonstigen passiven Ferntransports" war praktisch gleich Null. Andere Fundorte, andere Nester in Niedersachsen schieden mit hoher Wahrscheinlichkeit aus. Also mußte der Besitzer der Gummistiefel am Tatort gewesen sein. Der Pastor verlieh seine Gummistiefel nicht, also mußte er am Tatort gewesen sein (was er strikt geleugnet hatte). Die Kette der belastenden Indizien war geschlossen.

          Kein Sieg ohne Niederlage. Im Falle der naturwissenschaftlichen Kriminalistik bedeutete die Generierung bis dahin unbekannter Gewißheiten historisch einen Ansehensverlust des klassischen Beweismittels der Zeugenaussage und auch des Geständnisses. Nicht einmal die versammelten Anstrengungen der modernen Aussagepsychologie können die Zweifel stillen, die diese Beweismittel im Einzelfall umgeben. Alle Charakteranalysen, die sich auch im Falle Lindberghs anboten, waren weniger hilfreich als jener unscheinbare Holzsplitter, der den deutschen Einwanderer Bruno Hauptmann verriet. Sogar Benecke ist sich seiner Sache so sicher, daß er in seinem Triumph recht herablassend über sämtliche Methoden und Wissenschaften schreibt, die außerhalb des kriminalistischen Werkzeugkastens liegen.

          Diese naturwissenschaftlich verengte Wissenschaftsgläubigkeit steht in bemerkenswertem Kontrast zu Beneckes Umsicht und Vorsicht bei der kriminalistischen Spurenauswertung. Da liest man, daß jenseits der Welt der Naturwissenschaften das Spekulieren und Abwägen begänne. Für dieses luftige Reich "jenseits der Fakten" wähnt er die Juristen zuständig. Sie kommen im Buch auch sonst nicht besonders gut weg. Wie sollten sie auch: Sie haben ja neben der Chance, der Beweisführung der Kriminalisten zu folgen, lediglich die Möglichkeit, sich durch Unkenntnis objektiver wissenschaftlicher Zusammenhänge oder durch juristische Verfahrensfehler zu blamieren.

          Dazwischen aber gibt es bei Benecke noch das Feld wissenschaftlicher Ratlosigkeit. Es liegt in der Kriminologie. Beneckes Montagetechnik und Erzählfreude verfällt in einen anderen Ton, nachdem der Täter identifiziert ist. Nun geht es darum, jene "Triebkräfte auszuspüren, die den Menschen an die Grenzen des Menschseins führten" (Peter Becker). Benecke formuliert in irritierender Naivität Fragen nach Motiven jenes "anderen" in uns und weiß doch gerade bei seinen "Gräueltaten" keinen Rat. Die Welt und ihre Kriminalfälle erscheinen "düster, undurchsichtig und traurig". Er fragt nach der "Grenze zwischen Gut und Böse". Am Ende erscheint der Mensch, ja das Soziale überhaupt als abgründiges Rätsel. Alles, was damit zu tun haben könnte und für eine Erklärung taugte, wird als außerwissenschaftlich abgetan.

          Gerade deswegen findet Benecke in jenen irrationalen Gewaltverbrechen sein Material. Denn der Boden der Gewißheit, für den der Autor seine Leser begeistern will, ist nur fest, wo gemessen und gezählt werden kann. Auch die Skepsis gegen die Justiz und das Rechtssystem speist sich aus diesen lebensweltlichen Vorbehalten. Heftig gescholten wird daher von Benecke ein "geisteswissenschaftlicher Theoretiker", der im vergangenen Jahr in den Vereinigten Staaten Defizite bei der Fingerspurenauswertung aufzeigte (gemeint ist wohl Simon A. Cole).

          Erst recht bleibt im Buch eine Rezeption der nicht so glatten Reflexionen von Geistes- und Sozialwissenschaftlern über Devianz und ihre Koexistenz mit normtreuem menschlichen Verhalten aus. Die vom Praktiker Benecke in Betracht gezogenen Deutungsmuster der Wirklichkeit bleiben daher unterkomplex, moralisierend und fragwürdig. Darum reagieren Kriminologen oft empfindlich, wenn sie mit Kriminalisten verwechselt werden.

          MILOS VEC

          Mark Benecke: "Mordmethoden". Ermittlungen des bekanntesten Kriminalbiologen der Welt. Gustav Lübbe Verlag, Bergisch Gladbach 2002. 368 S., 37 S/W-Abb., geb., 22,- [Euro].

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