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: Der Mensch als Gummistiefeltier

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Im Gegenteil: Beneckes Buch ist ein einziges Plädoyer für die restlose Ausnutzung der naturwissenschaftlich-technisch verfügbaren Ermittlungsmethoden, um mutmaßliche Kriminalfälle aufzuklären. Es schreibt damit eine Erfolgsgeschichte fort, die in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts in den Ermittlungsdiensten der großstädtischen Polizeizentralen begann. Mit den grandiosen Fortschritten der Naturwissenschaften wuchsen die Möglichkeiten der Fahnder, Spuren zu Spuren und Täter zu Spuren zu ordnen. Auch die Identität einer Person ließ sich dank moderner Chemie, Physik und Medizin nun erstmals zweifelsfrei feststellen. Dieser Siegeszug des Sachbeweises setzt sich zuletzt in der DNA-Analyse, aber auch in der Computerisierung der Polizeiarbeit fort, welche das kriminalistische Genie Horst Herold in den siebziger Jahren schon früh als Hoffnungsträger identifiziert hatte.

Beim Praktiker Benecke ist es die Schnittstelle zwischen Biologie und Kriminalistik, an der er den Leser bisweilen regelrecht in seinen Bann ziehen kann. Benecke referiert mit Sachkunde und Begeisterung, wie Leichen sich in verschiedenen Umgebungen verändern und welche Insekten sich in und an der Leiche sammeln, er schildert die plastischen Rekonstruktionsarbeiten von Rechtsmedizinern und berichtet über verräterische Spuren von Pollen und Pilzen. Im Fall der 1997 ermordeten Pastorengattin Veronika Geyer-Iwand etwa entfaltet Benecke ein detailliertes Panorama über die Ermittlungsarbeit der Polizei, die neben einem unkonventionellen Leben des Hauptverdächtigen allerlei heterogene Verdachts-, aber auch Entlastungsmomente zutage brachte.

Beneckes List besteht hier darin, den Leser auf das Glatteis moralischer Werturteile über die Persönlichkeit des Verdächtigen zu führen, bis man beinahe selbst glaubt, es käme letztlich auf die Frage an, ob dem Verdächtigen eine solche Gewalttat zuzutrauen sei. Beim Flugpionier Lindbergh gelingt ihm diese Strategie so überzeugend, daß man schließlich den wundersamen Sonderling, der die Ermittlungsarbeiten systematisch behinderte und Spuren vernichtete, glatt für den besten Schuldigen hält, obwohl er doch als Kindsvater und Nationalheld alle Sympathien für sich hatte.

Wie gut, daß es im Fall des verdächtigten Pastors Klaus Geyer die glänzende schwarze Holzameise gab. Nahe beim Fundort der Leiche, unter den hohlen Hainbuchen-Stämmen südlich von Braunschweig, befanden sich zwei Nestausgänge. Und an den sichergestellten Gummistiefeln des Verdächtigen konnte eine Bodenprobe inklusive besagter Ameise sichergestellt werden. Die Art gehört zu den flugunfähigen Arbeitern, und auch die Wahrscheinlichkeit der Windverdriftung und des "sonstigen passiven Ferntransports" war praktisch gleich Null. Andere Fundorte, andere Nester in Niedersachsen schieden mit hoher Wahrscheinlichkeit aus. Also mußte der Besitzer der Gummistiefel am Tatort gewesen sein. Der Pastor verlieh seine Gummistiefel nicht, also mußte er am Tatort gewesen sein (was er strikt geleugnet hatte). Die Kette der belastenden Indizien war geschlossen.

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