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Rezension: Sachbuch : Der Mast ist zu niedrig, der Mond ist zu hoch

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Wer sich auf Tuchfühlung mit den Sternen begeben will, kommt erst bei der totalen Sonnenfinsternis am 11. August zum Zuge: Die Bücher dazu aber sind schon da

          11 Min.

          Darauf haben wir lange gewartet. Wenn am 11. August der Kernschatten des Mondes auf die Erde trifft, werden in einem schmalen Korridor Millionen von Menschen die Köpfe in den Nacken legen und das Fortschreiten der Verfinsterung bis zu ihrem Höhepunkt verfolgen. Nur zwei Minuten und einige Sekunden dauert die Totalität diesmal maximal. Aber es ist die erste und einzige totale Sonnenfinsternis, die man in diesem Jahrhundert in Deutschland sehen kann. Wie es genau sein wird, kann niemand sagen; was wir uns aber erhoffen dürfen, erzählen die Bücher zur Finsternis in Form einer Geschichte, die noch gar nicht stattgefunden hat.

          Es ist eine vergängliche Literaturgattung, die nun für wenige Monate auf den Markt gelangt ist. Manche der Bücher ähneln Zeitschriften; in ihnen finden sich Kleinanzeigen und Hinweise auf aktuelle Veranstaltungen. Soweit die Publikationen Anleitungsschriften sind (und die Mehrzahl von ihnen ist es), liegen speziell beschichtete Sonnenbrillen bei, die die Käufer beim staunenden Blick in die noch nicht vollständig verfinsterte Sonne vor dem Erblinden schützen sollen. Andere Werke deuten das kosmische Ereignis in bezug auf das menschliche Schicksal und sehen darin gar ein Wunderzeichen am Himmel, das uns den Weg ins nächste Jahrtausend weisen könnte. Der Ton ist dramatisch, manchmal gar apokalyptisch.

          Aber man muß keine transzendenten Mächte auf unser Schicksal wirken sehen, um das Erregende der Verfinsterung zu fassen. Der Schatten auf der Erdoberfläche sei so klein wie ein Nadelstich auf einer Orange, rechnen Leïla Haddad und Alain Cirou in ihrem Buch vor. Wie der dunkle Fleck über die nördliche Hemisphäre fegt, kann man am dramatischsten bei Werner Raffetseder lesen. Sein Buch beschreibt das Einsetzen der Finsternis als eine Geschichte von Beschleunigungen: Morgens, genau bei Sonnenaufgang und siebenhundert Kilometer östlich von New York, wird der Mondschatten bei 43,5 Grad nördlicher Breite und 56,6 Grad westlicher Länge erstmals die Erde berühren. Mit dreifacher Schallgeschwindigkeit wird er ab 9.31 Uhr Weltzeit über das Meer in Richtung Europa rasen. Noch ist der Fleck bloß 49 Kilometer breit, und die Finsternis dauert nur 47 Sekunden.

          Raffetseder eilt nun in seiner Erzählung selbst fort vom grauen Nordatlantik; was man noch hätte ergänzen können, muß sich der Leser hier wie so oft aus anderen aktuellen Sonnenfinsternis-Büchern zusammenlesen: daß nämlich über dem Nordatlantik schon eine Concorde auf den Schatten warten wird, um seinem Lauf zu folgen. An Bord sind Wissenschaftler und Meßgeräte. Die Fluggeschwindigkeit der Überschallmaschine dehnt das Erlebnis der Finsternis auf mehrere Minuten aus, und die Beobachter an Bord sind über den Wolken gefeit gegen gewisse Ungewißheiten der nordatlantischen Tiefdruckgebiete. Unten, auf den Wellen des Meeres, müssen die Kreuzfahrtschiffe auf gutes Wetter hoffen, um von den kurzen Sekunden noch etwas zu erhaschen.

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