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Der mächtigste Literaturagent der Welt im F.A.Z.-Gespräch : Wie gierig muss ein Schriftsteller sein, Mister Wylie?

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In der Branche nennt man ihn den „Schakal”: Literaturagent Andrew Wylie Bild: The Wylie Agency

In der Bücherwelt ist Andrew Wylie unter dem Namen „der Schakal“ bekannt - und gefürchtet. Der mächtigste Literaturagent der Welt im F.A.Z.-Gespräch über das Umwerben von Autoren, den richtigen Preis für E-Books und das Telefon von Philip Roth.

          Ein sonniger Spätsommertag. Andrew Wylie, der unter dem Namen „der Schakal“ bekannte und mitunter gefürchtete Literaturagent, empfängt mich in seinem Londoner Büro in Bloomsbury. Er ist blendender Laune und strotzt vor Vitalität.

          Was ist eigentlich dran an dem Gerücht, dass Sie Jahr für Jahr an jenem Oktoberdonnerstag, an dem der Literaturnobelpreis verkündet wird, morgens um sechs in Ihrem New Yorker Büro zusammen mit Philip Roth vorm Telefon sitzen und darauf warten, dass es klingelt?

          Gar nichts! (lacht) Zum einen bin ich meistens in Frankfurt auf der Buchmesse, wenn die Preismeldung kommt, und außerdem hat Philip Roth schon vor Jahren aufgehört, sich über den Nobelpreis Gedanken zu machen. Auf die Akademie in Stockholm trifft das hoffentlich nicht zu, aber auf ihn allemal.

          Seit langem Autor der Agentur Wylie: Salman Rushdie

          Schriftsteller gelten ja gemeinhin nicht gerade als Zahlenmenschen. Unterschätzen viele Autoren Ihrer Erfahrung nach den eigenen Wert?

          Meines Erachtens gibt es ein gewaltiges Missverständnis, was den Wert von Literatur angeht. Das beginnt bei den Verlegern und reicht bis zu den Autoren. Vom Buchhandel angestiftet, neigen viele Verleger fatalerweise dazu, Werke, die sich über einen kurzen Zeitraum hinweg gut verkaufen, überzubewerten. Und Schriftsteller, darin von Verlegern bestärkt, erliegen oft dem Eindruck, ihr Werk sei höchstens von regionaler Bedeutung und Relevanz. Als Agentur hingegen waren wir von Anfang an der Auffassung, dass für bedeutende Autoren zwei Dinge gelten müssten: Zum einen müsste ein solcher qualitativ hochwertiger Autor sich über lange Zeit hinweg verkaufen, und zum anderen müsste er überall gelesen werden.

          Wenn sich demnach ein solcher Autor nicht langfristig verkauft, international keinen Anklang findet und sich niemand gebührend um seine Backlist kümmert, dann ist dieser Autor eindeutig nicht gut vertreten. Um also Ihre Frage zu beantworten: Meiner Meinung nach sind viele schlechte Autoren überbezahlt und erwarten mehr, als sie verdienen, und viele gute Autoren erwarten weniger, als sie verdienen, und sind unterbezahlt.

          Gilt Letzteres vor allem für Schriftsteller, die nicht aus dem englischen Sprachraum stammen? Zwar vertreten Sie auch Autoren wie Orhan Pamuk, Czesaw Milosz oder Witold Gombrowicz – doch weder in Großbritannien noch in den Vereinigten Staaten gibt es häufig Bestseller, die aus anderen Sprachen übersetzt sind.

          Das ist so wahr wie bedauerlich. Sogar von italienischen, spanischen und französischen Autoren müssen wir, um ihre Bücher global zu verkaufen, zunächst einen Auszug ins Englische übersetzen. Selbst so bekannte Schriftsteller wie Italo Calvino, Jorge Luis Borges oder Nabokov müssen erst ins Englische übersetzt werden, bevor wir in Verhandlungen eintreten.

          Berücksichtigen Sie demnach beim Rechteverkauf regionale Unterschiede? Die Auflage eines Autors ist ja von Land zu Land verschieden. Wenn es etwa darum geht, den neuen Roth unters deutsche Lesevolk zu bringen, wird Hanser dafür doch wohl nicht so viel bezahlen müssen wie englische oder amerikanische Verlage . . .

          Roth ist ein interessantes Beispiel, denn er verkauft sich in Deutschland besser als in Großbritannien, obwohl er auch hier viele Leser hat. Ich kann nicht verhehlen, dass Michael Krüger und ich da gelegentlich unterschiedlicher Auffassung sind. (lacht) Er sieht vor allem die Vorzüge von Tantiemen, während ich entschieden die Nachteile von Tantiemen sehe. Für mich sind Lizenzgebühren ein Albtraum für die Buchführung, den ich unter allen Umständen zu vermeiden trachte.

          Kann man sich Ihre Agentur als Teich mit vielen schönen und einigen größeren Fischen vorstellen?

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