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Erich Fried : Der Überlebenshilfekünstler

Aufgetreten ist er bis zuletzt: Erich Fried (1921 bis 1988) bei einer Lesung im Deutschen Theater in Berlin im Oktober 1988. Bild: Picture-Alliance

Jede Lesung eine Kundgebung, jede Kundgebung eine Lesung: Heute vor hundert Jahren wurde Erich Fried geboren. Eine ganze Generation zitierte seine Liebesgedichte.

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          Als er starb, hatte er mehr als zwanzig Gedichtbände veröffentlicht. Die Auflagen gingen in die Hunderttausende. Nur wenige deutschsprachige Lyriker nach 1945 waren ähnlich erfolgreich, und wohl noch weniger wurden heftiger attackiert und übler geschmäht als der dezidierte Linke Erich Fried. Vielleicht hat aber auch keiner die Konfrontation mehr gesucht als er. Zeitweise war er eine Art Wanderprediger der Protestbewegungen; eine ganze Generation konnte seine Liebesgedichte zitieren. Jede Lesung konnte zur Kundgebung werden, jede Kundgebung zur Lesung. Einige seiner Gedichte wurden in Schulbücher aufgenommen – und nach empörten Einsprüchen und auf politische Weisung wieder entfernt.

          Hubert Spiegel
          Redakteur im Feuilleton.

          Als Fried 1987 den Büchner-Preis erhielt, entdeckte Marcel Reich-Ranicki „Hirnverbranntheiten“ in Frieds Dankesrede. Der Lyriker hatte unter anderem die These aufgestellt, dass Büchner sich wahrscheinlich „in unserer Zeit zur ersten Generation der Baader-Meinhof-Gruppe geschlagen hätte“ und dass er heute im Gefängnis säße oder an einer „ähnlichen Art Selbstmord gestorben wäre“, wie es Baader, Ensslin und Raspe widerfahren sei.

          Ein Augenzeuge brutaler Gewalt

          Ob ein gutes Gedicht durch die Irrtümer oder Verfehlungen seines Verfassers unrettbar diskreditiert werden kann oder nicht, war damals umstritten und ist es heute. Ein nicht geringer Teil von Frieds Lyrik ist von seinen politischen Überzeugungen schlichtweg nicht zu trennen. Was er selbst unter politischer Lyrik verstand, wie sie vor allem in den Sechziger- und Siebzigerjahren auch Peter Rühmkorf und andere verfassten, was er als Wesen und Aufgabe politischer Lyrik definierte, hat Fried in dem untenstehenden Text festgehalten, der hier erstmals veröffentlicht wird. Er stammt aus dem Frühjahr 1983 und erzählt viel über seinen Verfasser und dessen vor allem auf seinen Erfahrungen mit politischer Gewalt beruhenden Überzeugungen und Idealen: Als Kind wurde Fried zum Augenzeugen brutaler Polizeigewalt, als Jugendlicher sah er sich mit der nationalsozialistischen Diktatur konfrontiert, als junger Mann versuchte er im Londoner Exil so viele Menschen vor der Shoah zu retten wie nur irgend möglich. Für den eigenen Vater und die geliebte Großmutter kam jede Hilfe zu spät.

          Der Gefahr, dass eine sich allzu dienstfertig politischen Idealen andienende Lyrik doppelt versagt, in künstlerischer ebenso wie in agitatorischer Hinsicht, war sich Fried durchaus bewusst. Dass er ihr immer entgangen ist, wird niemand behaupten. Zeitlebens war er ein enorm produktiver Autor. Viele, die ihn und sein Werk zu kennen glaubten, kannten nur einen Bruchteil davon. Sein erster Gedichtband, 1944 im Londoner Exil erschienen, trug den provokanten Titel „Deutschland“. Ein Jahr später folgte „Österreich“. Oft schrieb er mehrere Gedichte am Tag, etliche sollen in der U-Bahn entstanden sein. Lyrik war für ihn ein Lebensmittel, zum täglichen, nicht oft genug zu wiederholenden Verzehr bestimmt.

          Nicht jeder, der die Lyrik liebt, muss sich für die Gedichte Erich Frieds begeistern. Aber wohl niemand, der Frieds Lebenserinnerungen liest, wird von dieser Lektüre unberührt bleiben. „Mitunter sogar Lachen“, 1986 erstmals erschienen und jetzt aus Anlass von Frieds hundertstem Geburtstag im Wagenbach-Verlag wiederaufgelegt, ist das literarische Vermächtnis eines politischen Provokateurs, dessen frühe Kunst zwar viel mit Worten zu tun hatte, aber rein gar nichts mit Lyrik: Die Kunst des jungen Erich Fried bestand darin, anderen beim Überleben zu helfen.

          Das Urteil: Unverzeihliche Unzulänglichkeit

          Frieds Erinnerungen sind keine Memoiren im üblichen Sinn. Kleine Erzählungen reihen sich aneinander, Episoden aus seinem Leben, unerhörte Begebenheiten, die wie in einem Novellenzyklus einander folgen. Menschen werden aus einer kleinen Katastrophe glücklich gerettet, um wenig später in einer viel größeren Katastrophe zu sterben. Ein Gestapo-Mann muss Frau und Kinder zurücklassen, die daraufhin von einem jüdischen Lehrer unterstützt werden, der Jahre später just von jenem Gestapo-Mann vor dem Transport ins Konzentrationslager bewahrt wird. Ein jüdisches Mädchen verliebt sich in einen glühenden Nazi, der ihr schließlich ins englische Exil folgt, weil die Liebe zu ihr größer ist als die Liebe zum Führer.

          Als der Vater den jungen Mann ablehnt, wird das Mädchen krank vor Trauer und Liebesleid. In der Psychiatrie wird sie mit Insulinschocks behandelt, an deren Folgen sie stirbt. Hätte der junge Fried ihr Leben retten können, wenn er dem verzweifelten Vorschlag des Vaters gefolgt wäre, die junge Frau zu verführen? Noch Jahrzehnte später macht Fried sich Vorwürfe und kommt zu dem Befund, er sei aufgrund seiner Unerfahrenheit in Liebesdingen von der Situation schlicht überfordert gewesen. Gleichwohl fällt sein Urteil über sich selbst hart aus: „Unverzeihliche Unzulänglichkeit“.

          Auf einer Abschiedsmatinee im Burgtheater rühmte Klaus Wagenbach Frieds „schönen Nilpferdkopf mit wunderbar leuchtenden Augen“, und Otto Schily bescheinigte ihm ein „immerwährendes Mandat seines Gewissens“. Fried selbst reklamierte noch andere Verdienste für sich. Er habe, so sagte er in einem der Interviews und Gespräche, die jetzt ein neuer Band versammelt („Freiheit herrscht nicht“, ebenfalls bei Wagenbach) in seinen frühen Gedichten den Endreim durch den Ablautreim ersetzt, an die deutsche Barockdichtung angeknüpft und somit dazu beigetragen, das „Heruntergekommensein des deutschen Reims zu überwinden, ohne deswegen eine strenge Form aufzugeben“. Aber Fried hatte noch mehr beizutragen. Im englischen Exil und als Shakespeare-Übersetzer hatte er entdeckt, was der deutschen Lyrik damals fehlte: die Fähigkeit, aus dem Wortspiel eine Kunst zu machen, und die Bereitschaft, die Kunst zwar als lebenswichtig zu betrachten, aber nicht als wichtiger als ein schönes Wortspiel.

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