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Serhij Zhadan über Deutschland : Der letzte Schüler des Sozialismus

  • -Aktualisiert am

Berliner Mauer, 1989 Bild: Barbara Klemm

Westdeutschland existierte in unserer sowjetischen Kindheit nicht. Es gab nur ein präpariertes Schaufensterleben unseres Verbündeten im Ostblock. Dann fiel die Mauer. Und plötzlich war ein Stück Deutschland dahinter.

          4 Min.

          Vor dreißig Jahren saß meine Generation vor dem Fernseher. Der Fernseher zeigte, wie die Welt auseinanderbrach. Sie veränderte sich vor unseren Augen. Niemand zweifelte, dass sie sich zum Besseren wandelte. In dieser Welt, die schon einen Knick bekam, aber voller Hoffnungen war, wurden wir erwachsen. Wir waren die letzten Schüler des Sozialismus. Selbstverständlich ähnelten wir der Welt, in der wir lebten. Auch wir bekamen einen Knick. Aber wir waren voller Hoffnung. Mit der Zeit gab es immer weniger Hoffnung. Der Knick ist dagegen nicht verschwunden.

          Ich erinnere mich sehr gut an die Luft Ende der achtziger Jahre. Ich vermute, dass damals alle dieselbe Luft eingeatmet haben – im Osten Europas wie im Westen. Diese Luft war schwanger mit dem Ruf nach Veränderung, mit ihrer Unabwendbarkeit. Diese Luft gab uns Gewissheit, dass alles sich grundlegend verändern wird, dass es nur der Anfang ist und die Welt der Erwachsenen – bloß eine Quelle von Sarkasmus. Wir traten in diese Welt ein, als dort gerade die letzten Möbelstücke der vorherigen Eigentümer hinausgetragen wurden. Wir erbten wunderschöne, kalte, leere Räume, in die wir uns einleben mussten, nachdem dies unseren Eltern nicht gelungen war. Haben wir es geschafft in den letzten dreißig Jahren? Ich bin mir nicht sicher. Aber es war ein wunderschöner Versuch. Die Welt hat unsere Liebe verdient. Allerdings braucht sie diese in den meisten Fällen nicht.

          Ein hoffnungsloses Unterfangen

          Mit zehn fing ich an, Deutsch zu lernen. Das Einpauken von Wortschatz und Grammatik wurde durch allgemeine Informationen über politisches und kulturelles Leben, Alltag, Bräuche und Sehenswürdigkeiten ergänzt. Man muss wohl nicht erklären, dass uns Kindern des sowjetischen Bildungssystems Deutschland als seltsamer Stumpf dargestellt wurde, der in die Grenzen der DDR hineinpasste. Westdeutschland existierte in unserer Kindheit nicht. Auch nicht die Berliner Mauer. Es gab nur ein präpariertes Schaufensterleben unseres Verbündeten im Ostblock. Wir bekamen Halbwahrheiten präsentiert, es wurde herumgeredet und totgeschwiegen. Nach ein paar Jahren begann der Ostblock zu zerbröckeln. Die Berliner Mauer fiel, und plötzlich war noch ein Stück Deutschland dahinten. Europa veränderte sich vor unseren Augen. Dieses neue Europa war sympathisch. Es wählte Freiheit und gesunden Menschenverstand. Das faszinierte.

          Serhij Zhadan, 1974 im Gebiet Luhansk/Ostukraine geboren, ist Schriftsteller und Dichter und lebt in Charkiw.

          Das 20. Jahrhundert mit seinen Massengräbern und Gaskammern, mit den Lügen von Politikern und der Ratlosigkeit der Gesellschaften endete unerwartet mit einer lebensbejahenden Note, mit einem Zeichen an uns alle – die Gerechtigkeit ist möglich, die Freiheit ist nicht ein Phantom, sie ist real, man muss nur kämpfen und nicht aufgeben. Wir hatten schon wieder eine neue Illusion vor Augen. Von Anfang an waren wir alle zu einer erneuten Enttäuschung verdammt.

          Das Niederreißen von Mauern – echten wie imaginierten – ist ein vornehmes, aber hoffnungsloses Unterfangen. Jede Mauer wurde von jemandem gebaut. Jemand glaubt an ihre Notwendigkeit, ist von ihrer Dauerhaftigkeit überzeugt. Aber was steckt hinter dem Bau von Mauern? Jemandes Zuversicht, dass er den Raum teilen und die Zeit im Interesse der Gesellschaft anhalten kann. Jemandes Überzeugung, dass ein System von Einschränkungen, ob nach außen oder nur nach innen, uns vor der Welt schützen kann – vor unerwünschter Ideologie, ungebetenen Flüchtlingen, verdächtigen Ideen. Die Hauptsache ist, dass das Ziel die Mittel heiligt und dass das gesellschaftliche Wohl ein- oder zweihundert Menschenleben wert ist, die bei dem Versuch, die Grenze zu überqueren, erschossen worden sind. Es ist seltsam, zu Beginn des 21. Jahrhunderts darüber zu reden, aber die Methoden des vergangenen Jahrhunderts scheinen auch heute aktuell zu sein. Als hätte unsere Geschichte gar nichts mit uns gemeinsam.

          Wozu heute überhaupt an die Mauern erinnern, die vor dreißig Jahren gefallen sind? Was kann uns das Auseinandernehmen von Steinen beibringen? Vor allem, dass die Geschichte Kreise zieht und dass eine einmal gefallene Mauer wieder aufgebaut werden kann. Wegen unserer Schwäche, unserer Eitelkeit, unseres Unwillens, sich den Herausforderungen der Zeit zu stellen. Und die Feierlichkeiten können uns daran erinnern, dass man aus der Geschichte in der Regel ganz schlecht lernt und dass selbst die überzeugendsten Gesten und Worte ihre Klarheit und ihre Macht verlieren. Eine oder zwei Generationen – und die kristallklaren Formulierungen der Prinzipien und Straßenlosungen bekommen einen pathetischen Klang und einen künstlichen ideologischen Farbton, und die Gesellschaft verliert das Gespür für die Werte, für die man noch gestern bereit war, sich unter die Ketten der Regierungspanzer zu legen.

          Warum müssen wir heute über die ungelernten Lehren der Geschichte reden? Warum treffen wir wieder auf diese Mauern, die unter uns wachsen? Warum vermögen wir schließlich ihrem Aufkommen nichts entgegenzusetzen? Vielleicht deswegen, weil der Begriff der Freiheit wesentlich illusorischer ist als der Bedarf an Selbstbeschränkung. Nach dreißig Jahren werden die gesellschaftlichen Umwälzungen und Offenbarungen von damals einfach als noch eine Episode des großen Flusses der Geschichte wahrgenommen, und die Luft der Freiheit, die Tausenden von jungen Europäern in die Köpfe stieg und sie auf die Straßen trieb, ist heute mit Skepsis und Übersättigung gefüllt. Natürlich gibt es keine schlechten Zeiten. Es ist nur ein schlechtes Gefühl für die Zeit, in der man gerade lebt.

          Man muss sich erinnern

          Darüber hinaus gibt es noch einen ziemlich offensichtlichen Grund, der die Menschen auf die Ereignisse in Berlin zurückblicken lässt, die in – zumindest auf den ersten Blick – weit entfernten Ländern leben. Der Begriff der Mauer betrifft uns alle, die seit den letzten dreißig Jahren auf den Ruinen und Trümmern des 20. Jahrhunderts leben. Eine Mauer ist selbstverständlich eine Metapher. Sie bestimmt aber unsere Realität. Ein selbstsicheres und selbstzufriedenes Europa baut wieder Mauern und zeichnet damit die Zonen seines Egozentrismus ein – oder umgekehrt, seiner Unsicherheit. Diese Mauern können an jedem beliebigen Ort entstehen: an der ukrainisch-polnischen Grenze oder entlang der britischen Küste. Sie trennen nicht nur Stadtviertel, Straßen, Städte oder Länder. Sie trennen im Grunde genommen uns alle, die so gut informiert, so vorbereitet auf jegliche Herausforderungen der Zivilisation, so unabhängig in unseren Meinungen sind.

          Es stellt sich heraus, dass weder unsere Informiertheit noch die Unabhängigkeit unserer Meinungen uns vor Manipulationen und Lüge schützen. Die Linearität der Geschichte hat sich als große Illusion entpuppt, wir wissen keinen Rat gegen die Welle des Populismus, der Radikalisierung und eines totalen Mangels an politischer Verantwortung, die hartnäckig im Trend bleiben und alle Erfolge der Demokratie und Freiheit in Zweifel ziehen.

          Deswegen muss man sich erinnern. Aus eigenen Fehlern lernen, fremde Erfolge ummünzen können. Denn die Berliner Mauer war gewissermaßen ein universelles Beispiel dafür, wie man die Zeit durch künstliche Einschränkungen anhalten und uns alle in eine Sackgasse der Geschichte hineinmanövrieren kann. Ein Beispiel, das man nicht nachahmen, von dem man aber lernen sollte. Wer kann es schließlich genau wissen: Während wir über die Vorteile der Freiheit sinnieren, könnte jemand schon Steine herankarren, um unser geruhsames Gässchen vom Rest dieser wunderschönen Welt abzutrennen.

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