https://www.faz.net/-gqz-9s5kt

Serhij Zhadan über Deutschland : Der letzte Schüler des Sozialismus

  • -Aktualisiert am

Wozu heute überhaupt an die Mauern erinnern, die vor dreißig Jahren gefallen sind? Was kann uns das Auseinandernehmen von Steinen beibringen? Vor allem, dass die Geschichte Kreise zieht und dass eine einmal gefallene Mauer wieder aufgebaut werden kann. Wegen unserer Schwäche, unserer Eitelkeit, unseres Unwillens, sich den Herausforderungen der Zeit zu stellen. Und die Feierlichkeiten können uns daran erinnern, dass man aus der Geschichte in der Regel ganz schlecht lernt und dass selbst die überzeugendsten Gesten und Worte ihre Klarheit und ihre Macht verlieren. Eine oder zwei Generationen – und die kristallklaren Formulierungen der Prinzipien und Straßenlosungen bekommen einen pathetischen Klang und einen künstlichen ideologischen Farbton, und die Gesellschaft verliert das Gespür für die Werte, für die man noch gestern bereit war, sich unter die Ketten der Regierungspanzer zu legen.

Warum müssen wir heute über die ungelernten Lehren der Geschichte reden? Warum treffen wir wieder auf diese Mauern, die unter uns wachsen? Warum vermögen wir schließlich ihrem Aufkommen nichts entgegenzusetzen? Vielleicht deswegen, weil der Begriff der Freiheit wesentlich illusorischer ist als der Bedarf an Selbstbeschränkung. Nach dreißig Jahren werden die gesellschaftlichen Umwälzungen und Offenbarungen von damals einfach als noch eine Episode des großen Flusses der Geschichte wahrgenommen, und die Luft der Freiheit, die Tausenden von jungen Europäern in die Köpfe stieg und sie auf die Straßen trieb, ist heute mit Skepsis und Übersättigung gefüllt. Natürlich gibt es keine schlechten Zeiten. Es ist nur ein schlechtes Gefühl für die Zeit, in der man gerade lebt.

Man muss sich erinnern

Darüber hinaus gibt es noch einen ziemlich offensichtlichen Grund, der die Menschen auf die Ereignisse in Berlin zurückblicken lässt, die in – zumindest auf den ersten Blick – weit entfernten Ländern leben. Der Begriff der Mauer betrifft uns alle, die seit den letzten dreißig Jahren auf den Ruinen und Trümmern des 20. Jahrhunderts leben. Eine Mauer ist selbstverständlich eine Metapher. Sie bestimmt aber unsere Realität. Ein selbstsicheres und selbstzufriedenes Europa baut wieder Mauern und zeichnet damit die Zonen seines Egozentrismus ein – oder umgekehrt, seiner Unsicherheit. Diese Mauern können an jedem beliebigen Ort entstehen: an der ukrainisch-polnischen Grenze oder entlang der britischen Küste. Sie trennen nicht nur Stadtviertel, Straßen, Städte oder Länder. Sie trennen im Grunde genommen uns alle, die so gut informiert, so vorbereitet auf jegliche Herausforderungen der Zivilisation, so unabhängig in unseren Meinungen sind.

Es stellt sich heraus, dass weder unsere Informiertheit noch die Unabhängigkeit unserer Meinungen uns vor Manipulationen und Lüge schützen. Die Linearität der Geschichte hat sich als große Illusion entpuppt, wir wissen keinen Rat gegen die Welle des Populismus, der Radikalisierung und eines totalen Mangels an politischer Verantwortung, die hartnäckig im Trend bleiben und alle Erfolge der Demokratie und Freiheit in Zweifel ziehen.

Deswegen muss man sich erinnern. Aus eigenen Fehlern lernen, fremde Erfolge ummünzen können. Denn die Berliner Mauer war gewissermaßen ein universelles Beispiel dafür, wie man die Zeit durch künstliche Einschränkungen anhalten und uns alle in eine Sackgasse der Geschichte hineinmanövrieren kann. Ein Beispiel, das man nicht nachahmen, von dem man aber lernen sollte. Wer kann es schließlich genau wissen: Während wir über die Vorteile der Freiheit sinnieren, könnte jemand schon Steine herankarren, um unser geruhsames Gässchen vom Rest dieser wunderschönen Welt abzutrennen.

Weitere Themen

Skulpturen auf Bleistiftspitzen Video-Seite öffnen

Kunstwerke in XXS : Skulpturen auf Bleistiftspitzen

Der bosnische Künstler und Bildhauer Jasenko Đorđević schafft es, unglaublich winzige und dennoch detailreiche Skulpturen aus Bleistiftminen zu erschaffen. Seine Miniaturkunst zeigt er in Ausstellungen in ganz Europa.

Topmeldungen

Hört die Signale: Frankreichs delegierte Industrieministerin Agnès Pannier-Runacher am Freitag im Aluminiumwerk Dunkerque (Dünkirchen)

Teurer Strom : Europas Aluhütten kämpfen ums Überleben

Der Strompreisschock setzt den Aluhütten zu. Neuaufträge müssen abgelehnt werden. Frankreich greift der gebeutelten Industrie verstärkt unter die Arme.