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„Der kleine Prinz“ gemeinfrei : Die Tränen der Rührung sind getrocknet

  • -Aktualisiert am

Bringt den kleinen Prinzen zurück in die Kinderregale: Die Übersetzung von Hans Magnus Enzensberger Bild: Verlag

Eines der bekanntesten Kinderbücher der Welt ist vogelfrei: Die Rechte für Saint-Exupérys „Kleinen Prinzen“ sind ausgelaufen. Nun versuchen Übersetzer und Verlage, dem Klassiker neue Seiten abzugewinnen.

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          Wie der Vulkan zum Planeten B 612 und die Schlange zur Sahara gehört zu Saint-Exupérys „Kleinem Prinzen“ die Qual der Wahl. Denn das vor allem unter Erwachsenen erfolgreichste Kinderbuch aller Zeiten gibt es im Miniatur-, Taschenbuch- und Bilderbuchformat, es gibt den Prinzen handgedruckt oder zweisprachig, vorgelesen und als Hörspiel. Doch jetzt droht der willige Käufer in der Buchhandlung zu stranden wie der Pilot und Ich-Erzähler in der Wüste, weil sich zwar China und Arizona auf einen Blick unterscheiden lassen, aber nicht unbedingt die gute von der besseren Übersetzung.

          Mit dem Freiwerden der Rechte an dem Klassiker zu Beginn dieses Jahres erscheint „Der kleine Prinz“ in einer Flut an Neuübersetzungen. So wartet Reclam mit einer Fassung von Ulrich Bossier auf, für S. Fischer hat der Autor Peter Stamm den Text neu übersetzt und für den Deutschen Taschenbuch Verlag gar Altmeister Hans Magnus Enzensberger - und das sind nur die großen Häuser. Hinzu kommen mehrere Hörbuchverlage, die eigene Übersetzungen in Auftrag gegeben haben, vorgetragen von Schauspielern wie Bastian Pastewka (rotzig), Oliver Rohrbeck (seriös) oder August Zirner (charismatisch).

          Bei dieser Version ist die Aufmerksamkeit der Kinder sicher: Die Lesung von Bastian Pastewka.

          Bei so vielen Köchen, die ihren Finger in den Brei stecken, muss der Kuchen, von dem sie alle etwas abhaben wollen, gewaltig sein. Der Düsseldorfer Karl Rauch Verlag, der mehr als sechzig Jahre lang das hiesige Monopol des „Kleinen Prinzen“ innehatte, beziffert die deutsche Gesamtauflage des Klassikers auf gut elf Millionen Exemplare, davon sieben Millionen im Taschenbuch. Der Arche Verlag hat in Österreich und der Schweiz weitere zehn Millionen abgesetzt. Damit ist der deutschsprachige Raum neben Frankreich und Japan der wichtigste für das Werk - auch wenn sich die Verkaufskurve, wie Rauch-Verleger Tullio Aurelio zugibt, allmählich ein wenig nach unten neigt. Neue Editionen seien zwar wichtig, aber die „meisten wertkonservativen Deutschen“ schätzen seiner Erfahrung nach den „Klang der Originalübersetzung“. Kein Wunder, dass man bei Karl Rauch die Buchhändler in der aktuellen Vorschau regelrecht anfleht, sich nicht von all den „großen und kleinen Prinzen“ verunsichern zu lassen, die jetzt andernorts auftauchen. Schließlich seien die meisten Evergreen-Sätze ohnehin aus der ersten Übersetzung von Grete und Josef Leitgeb von 1950 „abgekupfert“.

          Das sagt der Fuchs auf einmal „Tach!“

          Tatsächlich wagen die meisten Übersetzer gerade bei den Kernsätzen keine Abweichung vom Vertrauten. „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ So wie bei Leitgeb, höchstens mit der Wandlung des Wesentlichen ins Wichtige, steht es auch bei Bossier, bei Stamm, bei Maya Geis und sogar bei Elisabeth Edl. Als die angesehene Übersetzerin von Flaubert, Stendhal und Modiano vor fünf Jahren die erste offizielle Neuübersetzung vorlegte, musste sie viel Kritik einstecken. Ihr Versuch, den „Kleinen Prinzen“ sprachlich frischer und zupackender zu gestalten, wurde als Entzauberung empfunden von Lesern, die das Träumerische und die Melancholie des Originals vermissten.

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