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Der indische Buchmarkt : Im bunten Chaos des Geistes

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Vergleichsweise übersichtlich: die Buchmesse von Neu Delhi im Februar Bild: AP

Winkelverlage verkaufen Bücher in Winkelbuchläden - so ließ sich bis vor kurzem der indische Buchmarkt beschreiben. Noch heute ist er der vielfältigste und unübersichtlichste der Welt. Martin Kämpchen hat sich vor Ort umgesehen.

          Wir hatten Mühe, die Adresse zu finden. Die Nummer war 14/A/1, die Straße keine Straße, sondern eine Gasse in Nordkalkutta, dem alten, labyrinthisch-malerischen Teil der Stadt. Wo wachsen die Zahlen, wo nehmen sie ab, wie sind gerade und ungerade verteilt, wann kommt A, wann B? Es war eines der vielen Rätsel der Stadt. Wir fragten nach dem Verlag Mitra & Ghosh. Achselzucken. Der Mann am Gemüsestand wußte es nicht. Auch nicht der im gebügelten Hemd. Wir fragten schließlich nach Bhanuda. Bhanu ist der abgekürzte Vorname des Verlegers, das angehängte -da bedeutet „älterer Bruder“. Da leuchtete Erkenntnis in den Gesichtern auf. Im Nu wurden wir hinbegleitet.

          Mitra & Ghosh ist einer der größten und ehrwürdigsten Literaturverlage in West-Bengalen. Rund fünfzig Bücher gibt er pro Jahr in bengalischer Sprache heraus. Bhanu Ray ist einer seiner Teilhaber. Er sitzt in einem engen Zimmer, das an Spitzweg erinnert. Ein riesiger Schreibtisch, darauf Bücher- und Papierstöße gehäuft. Fröhliche Unordnung im Halbdunkel, durch das die Schreie und das Gelächter der Gassenjungen dringen. Melancholisch residiert „älterer Bruder“ Bhanu am Schreibtisch. Der Gentleman alten Stils, makellos im gestärkten Wickelrock, dem Dhoti, und dem langen, weiten Hemd, dem Panjabi, gekleidet, verhandelt mit drei, vier Besuchern, die vor ihm auf Plastikstühlen sitzen, gleichzeitig. Er möchte eines meiner Bücher in bengalischer Übersetzung herausbringen. Er ruft jemanden aus dem Nebenzimmer herbei und murmelt eine Bitte. Mit den anderen spricht er weiter, findet schließlich zu mir zurück und zeigt mir die Neuerscheinungen seines Verlags.

          Vertrauen statt Vertrag

          Schließlich verabschiedet er meinen Übersetzer und mich mit väterlicher Ermunterung. „Macht nur!“ sagt er. „Und berichtet mir von Zeit zu Zeit, wie ihr weiterkommt.“ Kein Vertrag, überhaupt nichts Schriftliches, keine Wünsche bezüglich Länge, Abgabedatum, Illustrationen. „Macht nur!“ Die persönliche Beziehung gilt, das Vertrauen in die Verlegerinstitution Bhanuda. Was sind dagegen Verträge?

          Das ist die Atmosphäre, in der bis vor kurzem die überwiegende Anzahl indischer Bücher erschienen ist. Winkelverlage, deren Bücher in Winkelbuchläden verkauft werden. Im Universitätsviertel Kalkuttas, der College Street, reiht sich ein Bücherverschlag an den anderen, wie die Bouquinisten am Pariser Seine-Ufer. Die Ware Buch mannshoch um sich aufgetürmt, wirken die Verkäufer winzig klein. Da gibt's Schul- und Unibücher, Bücher auf bengalisch, hindi und englisch, antiquarische und neue Bücher bunt nebeneinander.

          Das beste Geschäft machen sie mit Schulbüchern. Wer einen speziellen Wunsch hat, muß es erst verstehen, den Verkäufer aus seiner Lethargie aufzuschrecken. Aber es gibt auch den cleveren Buchhändler, der sagt: „Komm morgen wieder, ich besorge dir das Buch!“ Am nächsten Tag hat er das Buch tatsächlich in der Hand. Seinen Ladenjungen hat er durchs Viertel zu den größeren Buchhandlungen mit Lagerraum geschickt. Oder er zeigt ein anderes Buch vor, das einen ähnlichen Titel hat. „Genügt Ihnen das?“ Manchmal genügt es dem Kunden tatsächlich. Jeder Büchernarr, gerade Kalkutta brüstet sich mit ungezählten, hat seine Lieblingsbuchhandlung, wie in Wien jeder Literat sein Stammkaffeehaus.

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