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Gewinnerin des „Goldenen Pick“ 2010 : Das ist Jugendliteratur!

Die Siegerin: Regina Dürig Bild: privat

Ein fünfzehnjähriger Junge schildert die zerstörerische Alkoholsucht des Vaters: Mit ihrem Briefroman-Manuskript „Disneyland“ hat Regina Dürig den ersten von F.A.Z. und dem Verlag Chicken House ausgerichteten Wettbewerb „Der Goldene Pick“ gewonnen.

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          „Lieber Papa“, so harmlos fängt das an, und so entsetzlich geht das weiter: „Weil ich nicht möchte, dass du mich dauernd anrufst, schreibe ich jetzt trotzdem. Auch, wenn du nichts richtig mit Absicht gemacht hast und heute alles nicht mehr wahr ist und du dich wahrscheinlich an die meisten Sachen gar nicht mehr erinnern kannst, ist trotzdem alles passiert.“ Was ist passiert?

          Tilman Spreckelsen
          Redakteur im Feuilleton.

          Der Vater, an den der fünfzehnjährige Nico nach langem Zögern schreibt, hat mit seiner Alkoholsucht die Familie zerstört, und Nico schildert ihm die Sache nun aus seiner Sicht: die leise irritierenden Momente wie die großen Katastrophen, die Hoffnungsschimmer, der Vater möge sich in den Griff kriegen, die Erkenntnis, dass da ohne Hilfe gar nichts geht. Die Angst davor, jemand von außen könne etwas mitbekommen, und zugleich die Hoffnung, genau das möge passieren.

          Regina Dürig hat mit ihrem Briefroman-Manuskript „Disneyland“ den Wettbewerb „Der Goldene Pick“ gewonnen, den diese Zeitung gemeinsam mit dem Verlag Chicken House Deutschland in diesem Jahr erstmals ausgerichtet hat. Mit einem brillanten Text, dessen poetisch austarierte, glasklare Sprache den Leser ins Mark trifft, ohne einen Hauch von Gefühlsduselei zuzulassen, hat sie sich gegen mehr als vierhundert Konkurrenten durchgesetzt, die ebenfalls Manuskripte zu Kinder- oder Jugendbüchern eingereicht hatten.

          Gewinnerin des „Goldenen Pick“ : Das ist Jugendliteratur!

          Wenn ein Jugendlicher Wort als Waffe entdeckt

          Erstaunlich war das hohe Niveau vieler Einsendungen, die ohne den „Goldenen Pick“ wohl nie professionelle Leser gefunden hätten. Zuletzt blieb eine Shortlist von fünf herausragenden Debüt-Manuskripten übrig, deren thematische Bandbreite vom Fantasy-Abenteuer bis zum Alltag einer Jugendgang reichte und deren erstaunlich große literarische Formenvielfalt zwischen einem poetischem Realismus und einer am Film geschulten Erzählweise angesiedelt ist. Regina Dürig, die achtundzwanzigjährige Autorin von „Disneyland“ erweist sich mit ihrem kammerspielartigen Text um Sucht, Familienbande und Adoleszenz schlagartig als völlig neue Stimme im Kosmos der Jugendliteratur.

          Vieles in dieser aufs Wesentliche reduzierten Geschichte muss sie gar nicht aussprechen, um es dem Leser vor Augen zu führen. Denn Nico, dieser kluge, viel zu früh in die Verantwortung genommene Junge, weiß, was er tut, wenn er seinem Vater schreibt, weiß, wie viel er ihm zumuten kann und muss und wie viel er zurückhalten darf.

          Manchmal kann er ihn nicht schonen, etwa wenn er von seiner Angst berichtet, im Zerrbild des betrunkenen Vaters die eigene Zukunft vor Augen zu haben. Wie faszinierend es ist, wenn ein Jugendlicher Wort als Waffe entdeckt, sich gegen die Übermacht der Erwachsenen zu stellen, zeigt dieser Text mit Wucht, Eleganz und ohne jeden falschen Ton. Unter den aktuellen deutschen Jugendbüchern findet er nicht leicht seinesgleichen. Es wird im Herbst 2011 bei Chicken House erscheinen. Regina Dürig wird den Preis im März auf der Leipziger Buchmesse entgegennehmen. Dann fällt auch der Startschuss zur neuen, zweiten Runde des „Goldenen Pick“.

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