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Bücher für junge Leser : Der Goldene Pick

Ankündigung eines neuen Kinder- und Jugendbuchpreises auf der Leipziger Buchmesse (v.l.): Tilman Spreckelsen (F.A.Z.), Klaus Human (Carlsen Verlag), Felicitas von Lovenberg (F.A.Z.), Barry Cunningham (Chicken House UK) und Anja Kemmerzell (Chicken House Deutschland) Bild: Daniel Pilar

Bücher für junge Leser zu schreiben, ist mitnichten ein Kinderspiel. Die Jungen sind das anspruchvollste Publikum der Welt. Deshalb hat die F.A.Z. zusammen mit dem Verlag Chicken House einen Schreibwettbewerb ins Leben gerufen.

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          Dem jungen Lehrer, der als später Kriegsheimkehrer nach kurzer Ausbildung auf eine Klasse von 52 Kindern losgelassen wurde, war begreiflicherweise nicht wohl. Sein Rektor, immerhin, nahm ihn beiseite und riet ihm, wie die Disziplin im Klassenzimmer aufrechtzuerhalten sei: „Wenn die Schulkinder Ihnen durchgehen, bloß nicht laut werden, Herr Kollege, bloß nicht den wilden Mann markieren. Nehmen S' einfach die Geige zur Hand und spielen S' ihnen was vor.“ Guter Tipp, nur dass der Novize gar nicht Geige spielen konnte.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          „Also“, schreibt Otfried Preußler aus der Rückschau vieler Jahrzehnte, „versuchte ich's mit Geschichtenerzählen.“ Tatsächlich hätte er sich damit „manche ruhige Stunde verschaffen können“. Aus dieser fortgesetzten Übung im Kinderbändigen, was, wenn es nicht rasch verpuffen soll, immer auch Kinderfaszinieren bedeutet, wurden dann „Der kleine Wassermann“, „Die kleine Hexe“ oder „Das kleine Gespenst“ – der Rest ist deutsche Kinderliteraturgeschichte.

          Das anspruchsvollste Publikum der Welt

          Erzählen aus Not – wer sich mit den Selbstaussagen erfolgreicher Autoren für junge Leser beschäftigt, wird immer wieder auf diesen Beweggrund stoßen. Dabei spielt natürlich auch die materielle Not eine Rolle, selbst wenn kein zweiter Autor jenen Umschwung von großer Armut zu märchenhaftem Reichtum so überwältigend erlebte wie die alleinerziehende Mutter Joanne K. Rowling, die sieben „Harry Potter“-Romane später vermögender sein dürfte als der eine oder andere souveräne Staat. Manchmal steckt die Not auch im Überdruss an dem, was man tagaus, tagein zur Zufriedenheit aller leistet, so wie die Grafikerin Cornelia Funke es eines Tages satthatte, immer nur fremde, realistische Bücher zu illustrieren, statt eigene, phantastische zu schreiben.

          Erzählen aus Not: Joanne K. Rowling, Schöpferin von Harry Potter, ist ein Paradebeispiel

          Mitunter ringt im kommenden Autor aber auch der dringende Wunsch zu publizieren mit der Ehrfurcht vor dem Beruf des Schriftstellers – die Karriere der im Buchhandel wie bei den Kritikern gleichermaßen beliebten Meg Rosoff wurde dadurch um volle fünfunddreißig Jahre verzögert, wie sie behauptet. „Ich war mir immer sicher, dass ich nicht gut genug sei, um einen Roman zu schreiben. Als ich es dann endlich tat, kam der Anstoß von einer Reihe ausgesprochen schlechter Bücher, die ich gelesen hatte – ich sagte mir: 'So miserabel wie die kann mein Roman gar nicht werden.'“

          So unterschiedlich also die Wege zum Kinder- oder Jugendbuchautor sein mögen, in einem Punkt herrscht große Einigkeit unter denen, die sie mit einigem Erfolg eingeschlagen haben: Wer für junge Leser schreibt, schreibt für ein sehr spezielles Publikum – manche sagen, das beste, andere, das anspruchsvollste der Welt. Ein Publikum, das nichts gibt auf große Namen und alles für große Geschichten. Ein Publikum, das umworben werden will, aber nicht überrumpelt, das ein feines Gespür hat für falsche Töne und allergisch auf schulmeisterliches Gehabe reagiert. Als Christopher Little, der Agent von J. K. Rowling, einmal von der „Times“ nach fünf Tipps für angehende Jugendbuchautoren gefragt wurde, sagte er unter anderem, der Autor möge „ein klares Bild von der Zielgruppe“ haben und dem altersangemessenen Vokabular. Allerdings müsse man mit diesem Bewusstsein der Differenz erst einmal umgehen können: „Sprich niemals zu deinen Lesern vom hohen Ross herab – sie sind häufig viel schlauer, als du denkst.“

          Drei Grundregeln Otfried Preußler

          Wir geben nicht etwa weniger, wenn wir für junge Leser schreiben, sondern wir geben etwas anderes, Altersgerechtes: Das ist der Konsens unter den ernstzunehmenden Kinder- und Jugendbuchautoren, und deshalb gibt es auch keinen von ihnen, der sich gleichermaßen erfolgreich in beiden Welten bewegt, selbst wenn er es versucht hätte: nicht Mark Twain, nicht Erich Kästner, nicht Tove Jansson, nicht Astrid Lindgren, die allesamt auch hin und wieder für Erwachsene geschrieben haben. Kein Zufall – die eine Welt verlangt schon genug von dem, der sich ihr ernsthaft stellt.

          „Drei Grundregeln“, sagt Otfried Preußler, „muss der Erzähler beachten, der sich an Kinder wendet: Zum Ersten muss er ihnen was zu erzählen haben. Zum andern muss er sein literarisches Handwerk bis in den kleinen Finger beherrschen. Zum Dritten jedoch und hauptsächlich muss er sein Publikum kennen, ehren und liebhaben, dies vor allem.“

          Der eine, entscheidende Schnabelhieb

          Handwerk und Hingabe also seitens des Autors, dafür umgekehrt eine Zuhörer- oder Leserschaft, die an seinen Lippen oder den Seiten seiner Bücher hängt, als gäbe es nichts anderes. In einem Märchen der Brüder Grimm symbolisiert eine goldene Gans diesen Lesefuror: Wer dem Tier begegnet, wer gar in näheren Kontakt mit ihm gerät, ist ihm verfallen und bleibt buchstäblich daran kleben, so wie man manche Bücher nicht mehr aus der Hand legen kann, weil sie uns so sehr in ihren Bann schlagen. Ein besseres Schicksal kann seinen Manuskripten kein Autor wünschen, und er kann das Seine für diese Rezeption tun. In einem aber ist er auf Hilfe angewiesen: Jede goldene Gans kommt aus einem goldenen Ei, und damit der Übergang möglichst reibungslos vonstattengeht, braucht es den einen, entscheidenden Schnabelhieb, der dem Küken hinter der berstenden Schale die Welt schenkt und der Welt das Küken. Das ist der goldene Pick. Aufs Manuskript übertragen, heißt das: die Geburtshilfe eines Lektors oder Agenten, eines Enthusiasten aus der Verlagswelt, der sich dafür einsetzt, dass daraus ein Buch wird, das sein Publikum erreicht.

          „Jeden richtigen Jungen“, so steht es in Mark Twains „Tom Sawyer“, „überkommt irgendwann das rasende Verlangen, loszuziehen und nach einem verborgenen Schatz zu suchen.“ Dieses Verlangen kann deutlich länger anhalten, als es Twain vermutete – und es gibt nie genug Schätze zu bergen. Daher schreibt die F.A.Z. gemeinsam mit dem Verlag Chicken House Deutschland einen Preis für verborgene Schätze, für kinder- und jugendliterarische Debüts aus: den Goldenen Pick. Teilnehmen darf, wer noch kein eigenes Buch mit fiktionaler Prosa veröffentlicht hat und bis zum 16. Juli 2010 ein Manuskript einschickt, das sich für junge Leser im Alter zwischen zehn und sechzehn Jahren auf der ganzen Welt eignet. Als Preis winkt ein Verlagsvertrag mit Chicken House Deutschland. Und die kritische Resonanz eines Publikums, das alles fordert und tausendfach zurückzahlt.

          „Der Goldene Pick“: Teilnahmebedingungen für die zweite Runde des Schreibwettbewerbs

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