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Christoph Ransmayrs Roman : Die flüssigen Hände der Schwester

Wasser: Kostbares Gut und Kriegsgrund der Zukunft Bild: mauritius images

Schreiben wie das Wasser fließt: Christoph Ransmayrs Roman „Der Fallmeister“ erzählt von der zerstörten Welt nach dem Klimawandel.

          4 Min.

          Zwei mächtige Bilder hat der alte Fallmeister vor seinem Verschwinden im „Weißen Fluß“ hinterlassen, zwei öffentliche Auftritte, an die man sich noch lange erinnern wird. Der eine brandmarkt ihn als Mörder von fünf Menschen, die mit einem Kahn untergegangen sind, der in einem hölzernen Kanal eigentlich sanft eine wilde Stelle des „Weißen Flusses“ umschiffen sollte. Aufgabe des Fallmeisters war es, den Wasserzufluss in diesem Kanal beständig, aber eben nicht zu kräftig zu gestalten. Weil unter seiner Aufsicht eine urplötzliche starke Strömung das Boot zum Kentern brachte, beginnt „Der Fallmeister“, Christoph Ransmayrs morgen erscheinender Roman, mit den Worten: „Mein Vater hat fünf Menschen getötet.“

          Tilman Spreckelsen
          (spre), Feuilleton

          Der Erzähler, der Sohn des Fallmeisters, lässt diesem strikten Auftakt dann im Verlauf des Romans zahlreiche Beobachtungen folgen, die dieser Sicherheit entgegenstehen. Was ist beispielsweise mit der Kette, die im Moment des Unglücks in der Schleusenkonstruktion reißt und dem Vater das Handgelenk zerschmettert? Geschah das beim Versuch des Fallmeisters, das Unglück zu verhindern? Der Vater des Erzählers trägt jedenfalls vom Reißen der Kette eine auffällige Narbe davon, sichtbar noch beim zweiten Auftritt, der sich ins Gedächtnis seiner Umgebung brennt. Ein Jahr nach dem Unglück treibt er fast regungslos in einem ähnlichen Kahn auf den großen Wasserfall zu und versinkt in den Fluten. An seinem Tod zweifelt niemand, obwohl seine Leiche nie gefunden wird – einen solchen Sturz kann niemand überleben.

          Allerdings wird auch diese Sicherheit erschüttert. Der namenlose Erzähler, der als Hydrotechniker auf allen Kontinenten beschäftigt ist, nutzt eine Auszeit zwischen zwei Arbeitsstationen, um in dem seit dem zweiten Unglück verlassenen Fallmeisterhaus am Weißen Fluss nach dem Rechten zu sehen. Auf einer „Mesopotamien“ genannten Insel im Strom findet er einen abgerissenen Arm, dessen Hand ein Paddel noch umklammert hält. Versehen ist sie mit der auffälligen Narbe des Vaters. Bei näherem Hinsehen stellt sich heraus, dass der Arm eine Replik aus Lehm ist und der vermeintliche Selbstmord des Vaters eine Täuschung – offensichtlich hatte der Fallmeister eine ihm gleichende Lehmfigur in ein Boot gesetzt und ihrem Untergang zugesehen, um heimlich zu verschwinden. Wohin, ahnt sein Sohn nicht.

          Christoph Ransmayr
          Christoph Ransmayr : Bild: Magdalena Weyrer

          Spätestens an diesem Punkt der Handlung ist klar, dass es in dem schmalen Roman, dessen Text gut 200 großzügig bedruckte Seiten einnimmt, nicht nur um die Familie des Fallmeisters geht, die außer ihm und dem Erzähler noch seine Frau Jana und die Tochter Mira umfasst, mit der sich der Erzähler durch eine rauschhafte Liebeserfahrung auf der Insel Mesopotamien verbunden glaubt: „Ihre Fingerkuppen trippelten und liefen, glitten, rannten über alle Senken und Ebenen, Höhlungen und Verstecke meines Körpers dahin“, heißt es, als wären Miras Hände flüssig.

          Auf jeder Seite werden Bilder entworfen und herbeizitiert, die Mythen der menschlichen Zivilisation berühren, und dies manchmal in erschlagender Fülle. Etwa in Paradiesvorstellungen auf der Insel zwischen Euphrat und Tigris, der Verlust der Unschuld, das Formen eines Menschen aus Ton, wie überhaupt aus dem Flusslehm allerlei täuschend echte Lebewesen geformt und am Ufer des Stroms hinterlassen werden. Oder wenn der Erzähler, der seiner Schwester – er sieht sich mit ihr als inzestuöses Geschwisterpaar, als Pharao und Pharaonin – nacheilt und sie schließlich auf einer Art Leuchtturm mitten in der Nordsee findet. Und schließlich auch bei dem ausführlich geschilderten Naturphänomen von Flüssen, die periodisch ihre Richtung ändern, wenn ihnen zufließendes Wasser entgegensteht.

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