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Der Fall Havemann : Elfhundert Seiten Einsamkeit

  • -Aktualisiert am

Florian Havemann in seinem Atelier in Berlin-Neukölln Bild: F.A.Z. - Christian Thiel

Der Fall Havemann: ein Sohn, der seinem Vater nicht vergeben kann. Ein Buch, das eine Familie entzweit. Klagen, die nichts bringen außer geschwärzte Stellen. Zu Besuch bei Florian Havemann.

          6 Min.

          Da setzt sich jemand hin und schreibt ein Buch. Es ist das Buch, das er immer schreiben wollte. Es erzählt von einem Jungen und seinem Vater und allem, was sich daraus ergeben hat, dass er der Junge dieses Vaters ist. Es ist die Geschichte seines Lebens, aber er hat lange gezögert, sie aufzuschreiben, er wusste nicht, wie. Jetzt weiß er es. Er setzt sich hin und schreibt, zehn Monate, und am Ende liegen 1100 Seiten vor ihm, ein Buch wie ein Ziegelstein.

          Man würde annehmen, dass das etwas verändert hat für ihn. Man würde denken, dass es ihm jetzt leichter ist, wenigstens um das Gewicht dieses Ziegelsteins.

          „Nein“, sagt Florian Havemann, „das hat für mich gar nichts geändert.“

          Der Vater: Robert Havemann

          Florian Havemann ist der Sohn von Robert Havemann. Dem Robert Havemann, der im kommunistischen Widerstand war und vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt wurde. Dem Robert Havemann, der in der DDR zuerst ein Held war und dann der Staatsfeind, der überwacht wurde und unter Hausarrest stand, der Geist der Opposition in der DDR. Dessen Sohn, das ist Florian Havemann.

          Nur wenige Wochen im Handel

          Er sitzt in einer Wohnung in Berlin, die er als Atelier nutzt, seit er nicht mehr darin wohnt. Ein großer, hagerer Mann an einem großen, leeren Tisch. Er hat Kaffee ohne Filter aufgebrüht und raucht Zigarre. An der Wand hängen Illustrationen von ihm, in der Ecke am Fenster steht ein Computer. Dort hat er geschrieben.

          Das Buch heißt „Havemann“. Es ist im November vergangenen Jahres bei Suhrkamp erschienen, aber es war nur wenige Wochen im Handel. Einige Menschen, die darin vorkamen, sahen sich in ihren Rechten verletzt und klagten. Der Verlag musste das Buch zurückziehen.

          Am vorigen Freitag hat Suhrkamp eine neue Fassung herausgebracht. Neu an ihr sind die Stellen, die man nicht mehr lesen kann, weil sie geschwärzt sind. In vielen geht es um die Schwester und den Bruder von Florian Havemann. Sie stehen nicht auf seiner Seite in diesem Buch. Die neue Fassung hat der Verlag nun ins Internet gestellt, damit sich noch diejenigen melden können, die auch klagen wollen. Im April soll es dann eine Auflage geben, die alle Einsprüche berücksichtigt. Dabei hatte Florian Havemann genau das eigentlich nicht nehmen wollen - Rücksicht.

          „Nur meine Wahrheit zählt“, hatte er geschrieben, gleich auf der ersten Seite.

          Im ersten Kapitel schreibt er, es solle ein Buch werden, in dem er sich ganz auf seine Erinnerung verlasse. Er wolle nicht prüfen, nicht recherchieren, keinen befragen. Er wolle schreiben, was er weiß oder gehört hat oder vermutet. Ob es wahr ist, ist unwichtig, solange er es für wahr hält. Ein egoistisches Buch solle es werden.

          „Meine Geschwister hätten ja ihre eigenen Bücher schreiben können“, sagt er.

          Es ist gar nicht schwer, mit ihm ins Gespräch zu kommen. Er kennt sich aus in seinem Leben, er kennt sich auch in dessen Widersprüchen aus. Es ist, als habe er sich jede Frage, die man ihm stellen kann, schon selbst gestellt. Er kann über alles offen reden, aber er spricht anders, als er schreibt. Es fehlt dieser seltsame Ton.

          Der zurückgelassene Sohn

          Es gibt eine Stelle im Buch, da erzählt er, wie er als Kind im Krankenhaus liegt, drei Monate lang, aber sein Vater besucht ihn nicht. Irgendwann wird sein Bruder krank, man legt sie ins selbe Zimmer, und auf einmal besucht sie der Vater. Er tritt ein und holt den einen Sohn aus dem Bett, um ihn in ein besseres Krankenhaus zu bringen, den anderen lässt er zurück, und er kommt auch nicht wieder.

          Florian Havemann war damals drei Jahre alt. Er ist jetzt sechsundfünfzig, aber sein Buch wirkt, als könnte er nicht aufhören, der Sohn zu sein, der sich zurückgelassen fühlt.

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