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Der Fall „Esra“ : So leben wir

  • -Aktualisiert am

Maxim Billers Roman „Esra” bleibt verboten - und ein Meisterwerk Bild: ddp

Das Verfassungsgericht hat das Verbot von Maxim Billers „Esra“ bestätigt. Doch die Literatur folgt eigenen Gesetzen. Entscheiden ist allein die Frage: Was taugt das Buch? Nils Minkmar über den Autor, das Werk und den Streit.

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          Maxim Biller ist nicht nur Romanautor, sondern auch Kolumnist dieser Zeitung. Alle paar Monate kommt es zu einem Mittagessen mit ihm, welches stets damit beginnt, dass Biller ausgiebig die Konkurrenz lobt. Er geht anschließend in die Detailanalyse unserer Arbeit, wobei sich Sach- und Schmähkritik vermischen, um dann unweigerlich zum Fazit zu gelangen, es sei eben diese ganze Generation von deutschen Feuilletonisten, die nichts tauge. Dann wird es unangenehm, denn die Rede kommt auf Politik: Maxim Billers Stimme wird immer heller, seine Thesen werden immer steiler, während die anderen nur noch „Quatsch!“ zischen. Lediglich bei den nach dem Kaffee verhandelten Themen Wohnen und Mode wird mit Teilen des Ressorts Einvernehmen erzielt, und man geht erschöpft, aber vergnügt auseinander.

          Es geht nur um die Sache

          Wer Maxim Biller kennt, streitet sich mit ihm. Er wurde mit einer „Tempo“-Kolumne berühmt, die „Hundert Zeilen Hass“ hieß, deren ebenso ungerechte wie intelligente Texte keiner je vergessen hat, der mal ihr Gegenstand war.

          Nicht einmal in dieser Form darf der Text erscheinen: Doppelseite aus „Esra”

          Niemanden, der um diese Umstände weiß, wundert es also, dass viele Menschen in den Medien und der Literaturbranche auf Biller nicht gut zu sprechen sind. Außer Maxim selbst: Er ist immer aufrichtig erstaunt, wenn jemand Vorbehalte gegen ihn formuliert. Denn es geht ihm doch immer nur um die Sache.

          Leider vermischen sich auch in der Debatte um Maxim Billers verbotenen Roman „Esra“ die Empfindungen über den Autor als Zeitgenossen mit der Würdigung des literarischen Gehalts des Buches. Denn der Fall „Esra“ wäre gar kein Fall, wenn dies nicht ein so gutes Buch wäre. All die anderen Bücher, die in den letzten Jahren im Zuge von solchen Persönlichkeitsrechtsprozessen bekannt wurden, hat man mehr oder weniger zu Recht vergessen. In diesem Fall liegen die Dinge völlig anders: Wer dieses Buch gelesen hat, wird es nie vergessen: Ein so von Liebesschmerz, Liebesglück und allgemeinen Liebeswirren durchdrungenes und dabei kompromisslos modernes, ja in der Zeitgenossenschaft seiner Sprache radikales Buch hat es in Deutschland seit Jahrzehnten nicht gegeben. Es reicht dabei tief in die dunkelsten Ecken der Liebe und schildert virtuos die ganz leichte Alltagsoberfläche des Münchens der frühen neunziger Jahre, die sich wie Staub über das Drama legt. Biller ist es gelungen, ein Deutsch zu finden, das wie eben erzählt klingt und doch sorgsam komponiert und treffend, teuflisch suggestiv wirkt.

          „Süden spielen“

          Ich komme insbesondere von einer Szene nicht los, einer der vielen, in denen beschrieben wird, wie Esra mit Adam Schluss macht: „Wir trafen uns auch im Mensapark. Wir lehnten an einer der Tischtennisplatten aus Beton, an denen um die Zeit noch keiner spielte, und Esra sagte, wir könnten uns nicht mehr sehen, diesmal endgültig. Ich sah sie an, sah in ihr dunkles, feines Gesicht, das an diesem Tag so blaß und durchscheinend wirkte, und ich hatte keine Antwort auf das, was sie mir sagte. Ich erwiderte also nichts, und dann ging ich nach Hause, und ich dachte immer nur, das ist doch nicht möglich.“

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