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Der Fall Emil Nolde : Wir haben das Falsche gelernt

Ein bisschen katastrophal, durchaus ambivalent

In Mackenroths biographischer Skizze verfasst Nansen zusammen mit einem befreundeten Galeristen die Schrift „Farbe und Opposition“, die 1938 in Zürich veröffentlicht wird. Nolde hingegen verfasst 1938, einen Monat nach der Pogromnacht in Deutschland, ein Schreiben an den Reichspressechef Max Amann in Berlin, in dem er stolz auf seine Jahrzehnte lang „geführten Kulturkämpfe gegen die herrschende Überfremdung in allem Künstlerischen und gegen die alles beherrschende jüdische Macht“ hinweist.

Durch die „Deutschstunde“ weltberühmt: Lenz im Jahr 1971
Durch die „Deutschstunde“ weltberühmt: Lenz im Jahr 1971 : Bild: Friedrich, Brigitte

Solche „Kulturkämpfe“ sind dem Nansen des Romans fremd, mehr noch: auf den sechshundert Seiten der „Deutschstunde“ fällt das Wort Jude nicht ein einziges Mal – und dies, obwohl die im bäuerlichen und kleinbürgerlichen Milieu angesiedelte Handlung sonst nichts und niemanden vergisst, nicht den Landpfarrer und den Dorfschullehrer, nicht den Parteibonzen und den Kriegsversehrten, nicht den Briefträger, den Kneipenwirt und den Heimatforscher, nicht den Akkordeonspieler Addi Skworonnek, für Siggis Mutter „ein Zigeuner“. Norddeutsche Landjuden aber gibt es ebenso wenig wie völkischen Antisemitismus.

Um die vierzig Jahre alt war Siegfried Lenz, als er die „Deutschstunde“ schrieb. Er habe mit dem Roman, sagte er 1976 im Gespräch mit dem Germanisten Manfred Durzak, „Politik dort zeigen wollen, wo sie am äußersten Rand der Gesellschaft ... getragen, erlitten, manchmal mit kleinen Genugtuungen ausgekostet wird“. Er habe die Antwort auf die Frage, „wie geschehen konnte, was geschehen ist in diesem Land“, mit Bedacht „in einer winzigen bäuerlichen Sozietät“ gesucht, er habe den Krieg selbst gerade nicht in seinen Zentren, sondern „in seinen Ausläufern“ beschreiben wollen, „da, wo keine Granaten mehr detonieren, wo kein Mündungsfeuer zu sehen ist, nur gelegentlich, wo sein Schrecken und die Nähe des Todes gleichwohl noch immer anwesend sind“. Hier „Situationen der extremen Überprüfung“ darzustellen, hier erzählend der „Psychologie der Befehlskette“ nachzugehen, verspreche „musterhafte“ Einsicht.

Zu diesem Musterhaften passte ein veredelter Nolde als Modell. Was Lenz über den realen Nolde damals wusste, hat er ausführlich noch nie erzählt. Als er jüngst bei einem Auftritt im Marbacher Literaturarchiv eher beiläufig danach gefragt wurde, meinte er nicht minder beiläufig, der sei wohl „ein problematischer Mensch“ gewesen und habe sich politisch „ein bisschen katastrophal“ verhalten, im Übrigen sei ja auch der Maler seines Romans „durchaus ambivalent“.

Bilder helfen gegen die Ideologie

Nein, ambivalent ist Max Ludwig Nansen keineswegs. Sein lauterer Charakter, sein so unbeugsamer wie spöttischer Mut vor den Mächtigen und deren Schergen bilden den Erzählkern des Buchs. Mehrere Generationen von Lesern, ungezählte Schulklassen eingeschlossen, mussten und wollten die „Deutschstunde“ deshalb als Parabel darüber verstehen, wie der innere Widerstand eines Menschen und Künstlers in Zeiten des Nationalsozialismus entstehen und sich gegen alle äußeren Nachstellungen und Schikanen behaupten konnte.

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