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Der Fall Alicja Tysiąc : Ein Einschreiben von Gott

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„Dieser Gott liebt nicht”: Dorota Maslowska über die Anfeindungen gegen Alicja Tysiac Bild: AFP

Der Fall einer Mutter, die nach verwehrter Abtreibung erblindet, spaltet Polen. Gott wird, wahrscheinlich gegen seinen Willen, zum politischen Argument degradiert, schreibt die Schriftstellerin Dorota Masłowska. Eine Anklage der Bigotterie ihrer Heimat.

          Ich hätte mich sicher nicht entschlossen, über Alicja Tysiąc zu schreiben (siehe auch: Der Fall Alicja Tysiąc), der die polnischen Ärzte einen Schwangerschaftsabbruch verweigerten, obwohl klar war, dass die Geburt des dritten Kindes sie das Augenlicht kosten würde, wenn ich sie nicht ein, zwei Wochen vor ihrem Erfolg beim Europäischen Gerichtshof zufällig auf der Straße getroffen hätte. Genauer gesagt, traf ich Kazimiera Szczuka, eine Historikerin und Kritikerin, die sich gerade mit einer zierlichen Frau mit einer seltsamen Brille mit Lupengläsern unterhielt, die wie ein zweites Augenpaar wirkten.

          Kazia und ich wechselten ein paar Worte darüber, ob man sich für Werbung hergeben solle. Ich vertrete natürlich ganz mutige Standpunkte à la Kurt Cobain: „Nie und nimmer, pfui Teufel!“ Aber Kazia sagte, sie würde das schon tun, man könne in fünfzehn Minuten einen Haufen Geld verdienen und es verschenken, an Alicja Tysiąc zum Beispiel, die drei Kinder, sechshundert Złoty Rente und eine Sehschwäche von 21 Dioptrien hat. Das verursachte mir natürlich heftige Schuldgefühle. Sich nichts aus Geld zu machen ist ziemlich extravagant in einem Land, in dem es für viele schon ein Luxus ist, überhaupt Geld zu verdienen. Sich deshalb auch noch revolutionär und emanzipiert vorzukommen, zeugt von einem verrutschten Weltbild, also sagte ich: „Dann schick' ich ihr Geld.“ Und das tat ich.

          Ein billiges Vergnügen

          Heute kannst du in der Großstadt lässig abstrakte Moralprobleme erörtern, während neben dir jemand am Hungertuch nagt. Eine Woche später war der Name, den ich auf das Überweisungsformular geschrieben hatte, in aller Munde, allen Medien, und mich frappierte vor allem die Unverfrorenheit, mit der selbstberufene Ritter des Lichts verkündeten, was gut und was schlecht ist - eine Hand auf der Brust (um den rechten Schlag seines heiligen Herzens zu spüren), die andere bereit, jeden mit dem Messer zu bedrohen, der das Gegenteil behaupten wollte.

          Auf solch gewitzt simple Art Gutes zu tun und die einzige Wahrheit zu verkünden ist ein billiges Vergnügen. Und wenn man dazu ohne Haftungsrisiko „i.V.“ mit zugkräftigen Namen wie Gott, Jesus Christus, Maria und Papst Johannes Paul II. unterschreiben kann, kommt man sich selbst und anderen als reiner, guter Mensch vor, der gegen das Böse in der Welt kämpft, und das ewige Leben ist einem fast sicher. Fast. Und weil kürzlich eine Verfassungsänderung zur Verschärfung des Abtreibungsverbots anstand, mehrere tausend Personen im Durchschnittsalter von siebzig Jahren nach Warschau reisten und Transparente mit Losungen wie „Jesus Christus und Maria Ewige Jungfrau beten für euch“ und „Abtreibung ist erblich“ trugen (Alicja meinte: „Diese Frauen sind über sechzig, die werden vermutlich nicht mehr vergewaltigt“), beschloss ich, über sie zu schreiben, obwohl ich mich nie mit dem Transparent „Legalisierung der Abtreibung!“ hinstellen würde. Dazu ist mir dieses Problem moralisch viel zu abgründig, viel zu komplex.

          Erschreckende gesellschaftliche Hysterie

          Billiger Radikalismus von Außenstehenden hilft da nicht weiter, Fanatiker sollten sich fernhalten. Mein Körper gehört mir, doch niemand sollte sich einbilden, er entferne da nur einen Wurmfortsatz. Es ist kein Wurmfortsatz, aber auch kein Mensch. Aber wenn du Geld für eine illegale Abtreibung hast, ist es doch ein Wurmfortsatz, und hast du keins, ist es ein Mensch. Andererseits beunruhigt mich, dass den Leuten das so leicht über die Lippen geht, dass sie sich so kämpferisch danach drängen, moralische Entscheidungen für andere zu treffen und deren Lasten auf sich zu nehmen, zumal für so wankelmütige und unseriöse Personen, wie Frauen es sind. Hernach auch beim Tragen dieser Lasten zu helfen, dabei sind sie schon viel weniger eifrig. Die guten Worte sind gesagt, die Heiligenbildchen eingesteckt, man war ein guter Mensch und darf es dabei bewenden lassen.

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