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Dave Eggers’ „Der Circle“ : Der dritte Kreis der Hölle

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Architektur für eine geschlossene Welt: Entwurf für das Amazon-Hauptquartier in Seattle Bild: REUTERS

Normierung war einmal Sache der Polizei, in Dave Eggers’ Roman „Der Circle“ übernimmt es das Individuum selbst. Was verbindet und was trennt diese Dystopie von Orwells „1984“ und Huxleys „Schöne neue Welt“?

          Es ist ein Kennzeichen der Gegenwart, dass Handlungen, die im 20. Jahrhundert unweigerlich auf autoritäre Staaten bezogen wurden, heute freiwillig und im Zeichen der Individualität geschehen. Auf dem Gebiet der Reproduktionsmedizin haben Verfahren wie die Pränatal- oder Präimplantationsdiagnostik dazu geführt, dass kaum noch Kinder mit Behinderungen geboren werden; besorgte Elternpaare lösen längst jenes prekäre Versprechen ein, das die Eugeniker in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nur forderten. In den Sozialen Netzwerken pflegen die Benutzer Tag für Tag ihre „Profile“ und teilen der Community per GPS-Signal die neuesten Joggingerfolge oder ihren Aufenthaltsort im Nachtleben mit – lauter Techniken der Wissenserzeugung also, die ursprünglich zur kriminologischen Erfassung abweichender Subjekte entwickelt wurden („Profile“ gab es mehr als hundert Jahre lang nur von Wahnsinnigen und Serienmördern, Ortungsdienste kamen zum Einsatz, um nach entflohenen Straftätern zu fahnden).

          Die beiden berühmtesten Schreckensvisionen der Weltliteratur im 20. Jahrhundert spielen genau solche Szenarien totalitärer Unterdrückung durch, von der Empfängnis bis zum Tod. Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“ von 1932 handelt von einem autoritären Weltstaat, der Liebe und sexuelle Fortpflanzung unter Strafe stellt und seine Untertanen durch künstliche Erzeugung in Flaschen fabrikgleich produziert. George Orwells „1984“, gut 15 Jahre später erschienen, entwirft das Bild eines Regimes, das seine Bevölkerung durch omnipräsente Bildschirme überwacht und gleichschaltet. Nun erscheint Dave Eggers’ „The Circle“ auf Deutsch, und in den Debatten, die das Buch in den Vereinigten Staaten ausgelöst hat, wurde es immer wieder in die Tradition dieser dunklen Klassiker gestellt.

          Die düstere, klar erkennbare Dystopie: Szene aus einer Verfilmung von George Orwells „1984“

          Drei literarische Dystopien, drei Geschichten von einem allmächtigen Gebilde, das seine Umwelt tyrannisiert – und es ist so entscheidend wie verstörend, dass Eggers, dessen Roman sich (bewusst oder intuitiv) stark an die Vorbilder Aldous Huxleys und George Orwells anlehnt, zunächst aus genau entgegengesetzter Perspektive erzählt, aus einer Sphäre der Freiheit und Selbstverwirklichung. In „Schöne neue Welt“ und „1984“ war vom ersten Satz an klar, dass man es mit einem repressiven politischen System zu tun hat (das Huxley als Reaktion auf die eugenischen Forschungen seines Bruders Julian, Orwell unter dem Einfluss des gerade zu Ende gegangenen Zweiten Weltkriegs erschuf).

          „Der Circle“ dagegen beginnt in einer beinahe vertrauten Gegenwart, deren demokratische Verfassung immer wieder betont wird, in der Zentrale eines fiktiven Internet-Unternehmens, das nur konsequent zusammenführt, was Google, PayPal, Facebook oder Twitter seit eineinhalb Jahrzehnten unabhängig voneinander getan haben. Mit dem Social-Media-Konzept „TruYou“ hat die Firma Circle alle Konkurrenten überflüssig gemacht: „ein Konto, eine Identität, ein Passwort, ein Zahlungssystem pro Person. Schluss mit mehrfachen Identitäten. Ein einziger Button für den Rest deines Onlinelebens.“ Der Roman begleitet seine Hauptfigur, Mae Holland, bei ihrem heißersehnten Eintritt in den Konzern und ihrem Aufstieg durch die Hierarchien.

          Was genau musste geschehen, dass die Internet-Community Nordkaliforniens, entstanden aus dem Geist der Hippies und der 68er-Kultur, von einem Roman in die Nähe totalitärer Regime gerückt wird? Auf den ersten Blick kann es ja keine verschiedenartigeren Konzepte geben: Der Circle ist ein soziales, humanitär engagiertes Unternehmen; seine Geschäftsmodelle feiern Individualität und unterdrücken sie nicht wie der Weltaufsichtsrat in „Schöne neue Welt“ oder der „Gedankentrust“ in „1984“. Dennoch entfalten die auf alle Gänge und Wände des Hauptquartiers projizierten Leitlinien–„Leidenschaft, Partizipation, Transparenz“ – nach und nach eine beklemmende und tyrannische Macht. Aus Freiwilligkeit wird Zwang, aus Aufklärung Despotismus, aus Einzigartigkeit Konformität, und die letzten Außenseiter, die sich diesem Terror der Sichtbarkeit widersetzen wollen, brechen zusammen oder kommen ums Leben, wie Maes engste Vertraute im Unternehmen und ihr ehemaliger Freund.

          Fixierte Identitäten im sozialen Netz

          Um diesen Umschlagpunkt zu begreifen, von dem Eggers erzählt, muss man sich vielleicht zwei Entwicklungen in Erinnerung rufen, die am Übergang zum sogenannten „Web 2.0“ vor rund zehn Jahren geschehen sind. Zum einen hat das Aufkommen der Sozialen Netzwerke den anfangs spielerischen, anonymen oder multiplen Einsatz von persönlicher Identität im Netz dingfest gemacht. Bei Facebook galt von Anfang an ein Echtheits-Imperativ: Jeder darf nur ein Profil anlegen, unter seinem realen Namen, was neben kommerziellen Effekten (die Werbepartner bekommen wirkliche Adressaten) auch einem häufig wiederholten philosophischen Anliegen Mark Zuckerbergs folgt. Mehrere Identitäten im Netz zu haben, sagt er in Interviews gerne, deute auf einen „Mangel an Integrität“; und den weltweiten Triumph von Facebook erklärt er damit, dass seine Website die erste war, „auf der Menschen ihr wahres Selbst entfalten konnten“.

          Mit dem Siegeszug der Social Media hat sich also ein verlässlich registrierbares Verständnis von Identität im Netz etabliert; „alles war miteinander verknüpft und rückverfolgbar und simpel“, heißt es in Eggers’ Roman über das TruYou-Modell des Circle. Hinzu kommt eine zweite, zur selben Zeit vollzogene Entwicklung. Sie betrifft den kollektiven Umgang mit Prozessen der Erfassung. George Orwells Roman hat bis ans Ende des 20. Jahrhunderts bekanntlich die Stichworte politischer Unterdrückung geliefert, vom „Big Brother“ bis zum „gläsernen Menschen“ und dem „Überwachungsstaat“. Noch 1987 demonstrierte in Deutschland eine Million Menschen gegen eine Volkszählung, deren Mantelbogen knapp zwei Dutzend Fragen zum Wohn- und Berufsalltag stellte, die aus heutiger Sicht von rührender Diskretion zeugen. Jede Registrierung eines neuen Facebook-Users stellt in höchster Freiwilligkeit ein Vielfaches an Informationen zur Verfügung. Innerhalb von 25 Jahren hat sich also ein fundamentaler Wandel im Umgang mit persönlichen Daten ereignet. Diese Verschiebung veranschaulicht sich an der Metapher des „Gläsernen“, die nicht mehr auf die Paranoia des Überwachtwerdens weist, sondern auf den Stolz der Reinheit und Aufrichtigkeit. „Transparenz“ ist ein Orden und keine Wunde mehr.

          Wer sich entzieht, fällt auf

          Diese beiden Faktoren – polizeiliche Konzeption des Selbst und Lust an der Erfassung – sind die längst gültigen Voraussetzungen der Netzmentalität, die einen Roman wie „Der Circle“ ermöglicht haben. Dave Eggers benötigt deshalb zu Beginn seiner Science-Fiction-Geschichte kaum Fiction, wenn er die Transparenz-Ideologie des Circle beschreibt, die sich architektonisch in der radikalen Glasbauweise des Firmensitzes niederschlägt, ideologisch in einem Diktat der Offenheit, das im Lauf des Buchs, nach der firmeneigenen Entwicklung von winzigen, an einer Halskette getragenen Kameras, schließlich im Akt des „Transparentwerdens“ aufgeht. Jeder Schritt, jedes Wort, jedes Erlebnis von Mae und tausend anderen wird auf die Bildschirme der flächendeckenden Community live übertragen.

          Auch wenn Mae Holland ihren neuen Arbeitsplatz einmal als „Utopia“ bezeichnet – am Ende des Romans gleicht die Unentrinnbarkeit dem Überwachungssystem in „1984“. Bei Orwell heißt es einmal: „Irgendetwas zu tun, das auf einen Hang zur Einsamkeit schließen ließ, bereits alleine spazieren zu gehen konnte schon gefährlich sein.“ Genau dieser Gemeinschaftszwang herrscht im Circle: Nicht-Kommunikation erregt Verdacht (und wie nah Dave Eggers auch hier entlang der Realität erzählt, lässt sich an jener Untersuchungskommission erkennen, die das amerikanische Ministerium für innere Sicherheit nach den letzten Amokläufen in Denver und Newport 2012 eingerichtet hat: Beide Täter waren nicht bei Facebook und Twitter, und seitdem beobachtet die Kommission Schüler und Studenten, die sich den Sozialen Medien auffällig konsequent entziehen).

          Ohne Schutzraum

          Bei allen Gemeinsamkeiten bleibt aber jener elementare Unterschied bestehen, dass der Circle keine despotische Regierung ist, sondern ein glamouröses Unternehmen, eine Institution, die anstelle von ausgezehrten Untertanen hochmotivierte, konkurrierende Mitarbeiter heranbildet. Die Normierungsprozesse des 21. Jahrhunderts gestalten sich also nicht mehr, wie von Huxley oder Orwell gedacht, im Modus der Unterdrückung. Für uns Zeitgenossen bietet diese Konstellation zweifellos ein angenehmeres Leben (im Circle bereiten Sterneköche die Menüs zu, in Orwells Ozeanien essen die Menschen Wassersuppe); was aber erschwert oder, wie Eggers nahelegt, vielleicht sogar unmöglich wird, ist das Sich-Entziehen.

          Die Hauptfiguren in „Schöne neue Welt“ und „1984“ sind latente oder aktive Dissidenten; Winston Smith etwa geht es ein Leben lang um den Versuch, eine Nische zu finden, jenen Winkel in der Wohnung, der ihn für die Teleschirme Big Brothers unsichtbar macht, jenes vom Überwachungsstrom abgekoppelte Zimmer, in dem er seine Geliebte Julia umarmen kann. Humanität ist bei Orwell der Schutzraum, der dem Zugriff durch die despotische Macht verwehrt bleibt: „Wenn du fühlst, dass es sich lohnt, Mensch zu bleiben“, heißt es in „1984“, „dann hast du sie besiegt.“

          Ein solches Refugium steht in „Der Circle“ nicht mehr zur Debatte. Die Normierungsprozesse sind womöglich noch effektiver geworden, aber es gibt keinen lokalisierbaren Gegner, keinen „Weltaufsichtsrat“ oder „Gehirntrust“. Mae Holland entzieht sich den Bildschirmen nicht, sondern bekommt desto mehr von ihnen als Statussymbol auf den Schreibtisch gestellt, je höher sie im Ranking des Unternehmens steigt. Macht konstituiert sich im Circle nicht mehr wie bei Huxley und Orwell über die Tilgung von Wissen und Archiven, sondern über deren Verbreitung. Daher verlieren auch Kulturtechniken wie das literarische Schreiben oder das Lesen von Romanen, in „Schöne neue Welt“ und „1984“ systembedrohende, streng verbotene Handlungen, jede Bedeutung.

          Nur einen einzigen Bereich gibt es, der auch für Mae Holland so etwas wie verstörende und subversive Kraft entfaltet: den Sex. In ihren geheimen Treffen mit dem mysteriösen Kalden, in Toilettenkabinen oder unterirdischen Gängen, bekommt ihre programmierte Konzernloyalität einen Moment lang Risse. „Kalden hatte eine Macht über sie, die sie beschämte“, schreibt Eggers. „Sie fühlte sich prompt schwach und gefügig.“ Diese Macht ist aber keineswegs ein „politischer Akt“ wie noch in „1984“, wo es über Winstons und Julias konspirative Begegnungen heißt: „Ihre Umarmung war eine Schlacht gewesen, der Orgasmus ein Sieg. Es war ein gegen die Partei geführter Schlag.“ Die Zeit mit Kalden, in der Mae ihre Kamera um den Hals ausstellt, bleibt ein kurzer Taumel, bevor sie an ihren Arbeitsplatz zurückkehrt – in jenem fiktiven Social-Media-Konzern, dessen reale Vorbilder vielleicht mehr mit den alten Schreckensvisionen der Literatur verbindet, als im ersten Moment gedacht. Man darf nicht vergessen: Mark Zuckerberg ist Jahrgang 1984.

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