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Dave Eggers’ „Der Circle“ : Der dritte Kreis der Hölle

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Ohne Schutzraum

Bei allen Gemeinsamkeiten bleibt aber jener elementare Unterschied bestehen, dass der Circle keine despotische Regierung ist, sondern ein glamouröses Unternehmen, eine Institution, die anstelle von ausgezehrten Untertanen hochmotivierte, konkurrierende Mitarbeiter heranbildet. Die Normierungsprozesse des 21. Jahrhunderts gestalten sich also nicht mehr, wie von Huxley oder Orwell gedacht, im Modus der Unterdrückung. Für uns Zeitgenossen bietet diese Konstellation zweifellos ein angenehmeres Leben (im Circle bereiten Sterneköche die Menüs zu, in Orwells Ozeanien essen die Menschen Wassersuppe); was aber erschwert oder, wie Eggers nahelegt, vielleicht sogar unmöglich wird, ist das Sich-Entziehen.

Die Hauptfiguren in „Schöne neue Welt“ und „1984“ sind latente oder aktive Dissidenten; Winston Smith etwa geht es ein Leben lang um den Versuch, eine Nische zu finden, jenen Winkel in der Wohnung, der ihn für die Teleschirme Big Brothers unsichtbar macht, jenes vom Überwachungsstrom abgekoppelte Zimmer, in dem er seine Geliebte Julia umarmen kann. Humanität ist bei Orwell der Schutzraum, der dem Zugriff durch die despotische Macht verwehrt bleibt: „Wenn du fühlst, dass es sich lohnt, Mensch zu bleiben“, heißt es in „1984“, „dann hast du sie besiegt.“

Ein solches Refugium steht in „Der Circle“ nicht mehr zur Debatte. Die Normierungsprozesse sind womöglich noch effektiver geworden, aber es gibt keinen lokalisierbaren Gegner, keinen „Weltaufsichtsrat“ oder „Gehirntrust“. Mae Holland entzieht sich den Bildschirmen nicht, sondern bekommt desto mehr von ihnen als Statussymbol auf den Schreibtisch gestellt, je höher sie im Ranking des Unternehmens steigt. Macht konstituiert sich im Circle nicht mehr wie bei Huxley und Orwell über die Tilgung von Wissen und Archiven, sondern über deren Verbreitung. Daher verlieren auch Kulturtechniken wie das literarische Schreiben oder das Lesen von Romanen, in „Schöne neue Welt“ und „1984“ systembedrohende, streng verbotene Handlungen, jede Bedeutung.

Nur einen einzigen Bereich gibt es, der auch für Mae Holland so etwas wie verstörende und subversive Kraft entfaltet: den Sex. In ihren geheimen Treffen mit dem mysteriösen Kalden, in Toilettenkabinen oder unterirdischen Gängen, bekommt ihre programmierte Konzernloyalität einen Moment lang Risse. „Kalden hatte eine Macht über sie, die sie beschämte“, schreibt Eggers. „Sie fühlte sich prompt schwach und gefügig.“ Diese Macht ist aber keineswegs ein „politischer Akt“ wie noch in „1984“, wo es über Winstons und Julias konspirative Begegnungen heißt: „Ihre Umarmung war eine Schlacht gewesen, der Orgasmus ein Sieg. Es war ein gegen die Partei geführter Schlag.“ Die Zeit mit Kalden, in der Mae ihre Kamera um den Hals ausstellt, bleibt ein kurzer Taumel, bevor sie an ihren Arbeitsplatz zurückkehrt – in jenem fiktiven Social-Media-Konzern, dessen reale Vorbilder vielleicht mehr mit den alten Schreckensvisionen der Literatur verbindet, als im ersten Moment gedacht. Man darf nicht vergessen: Mark Zuckerberg ist Jahrgang 1984.

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