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Dave Eggers’ „Der Circle“ : Der dritte Kreis der Hölle

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Fixierte Identitäten im sozialen Netz

Um diesen Umschlagpunkt zu begreifen, von dem Eggers erzählt, muss man sich vielleicht zwei Entwicklungen in Erinnerung rufen, die am Übergang zum sogenannten „Web 2.0“ vor rund zehn Jahren geschehen sind. Zum einen hat das Aufkommen der Sozialen Netzwerke den anfangs spielerischen, anonymen oder multiplen Einsatz von persönlicher Identität im Netz dingfest gemacht. Bei Facebook galt von Anfang an ein Echtheits-Imperativ: Jeder darf nur ein Profil anlegen, unter seinem realen Namen, was neben kommerziellen Effekten (die Werbepartner bekommen wirkliche Adressaten) auch einem häufig wiederholten philosophischen Anliegen Mark Zuckerbergs folgt. Mehrere Identitäten im Netz zu haben, sagt er in Interviews gerne, deute auf einen „Mangel an Integrität“; und den weltweiten Triumph von Facebook erklärt er damit, dass seine Website die erste war, „auf der Menschen ihr wahres Selbst entfalten konnten“.

Mit dem Siegeszug der Social Media hat sich also ein verlässlich registrierbares Verständnis von Identität im Netz etabliert; „alles war miteinander verknüpft und rückverfolgbar und simpel“, heißt es in Eggers’ Roman über das TruYou-Modell des Circle. Hinzu kommt eine zweite, zur selben Zeit vollzogene Entwicklung. Sie betrifft den kollektiven Umgang mit Prozessen der Erfassung. George Orwells Roman hat bis ans Ende des 20. Jahrhunderts bekanntlich die Stichworte politischer Unterdrückung geliefert, vom „Big Brother“ bis zum „gläsernen Menschen“ und dem „Überwachungsstaat“. Noch 1987 demonstrierte in Deutschland eine Million Menschen gegen eine Volkszählung, deren Mantelbogen knapp zwei Dutzend Fragen zum Wohn- und Berufsalltag stellte, die aus heutiger Sicht von rührender Diskretion zeugen. Jede Registrierung eines neuen Facebook-Users stellt in höchster Freiwilligkeit ein Vielfaches an Informationen zur Verfügung. Innerhalb von 25 Jahren hat sich also ein fundamentaler Wandel im Umgang mit persönlichen Daten ereignet. Diese Verschiebung veranschaulicht sich an der Metapher des „Gläsernen“, die nicht mehr auf die Paranoia des Überwachtwerdens weist, sondern auf den Stolz der Reinheit und Aufrichtigkeit. „Transparenz“ ist ein Orden und keine Wunde mehr.

Wer sich entzieht, fällt auf

Diese beiden Faktoren – polizeiliche Konzeption des Selbst und Lust an der Erfassung – sind die längst gültigen Voraussetzungen der Netzmentalität, die einen Roman wie „Der Circle“ ermöglicht haben. Dave Eggers benötigt deshalb zu Beginn seiner Science-Fiction-Geschichte kaum Fiction, wenn er die Transparenz-Ideologie des Circle beschreibt, die sich architektonisch in der radikalen Glasbauweise des Firmensitzes niederschlägt, ideologisch in einem Diktat der Offenheit, das im Lauf des Buchs, nach der firmeneigenen Entwicklung von winzigen, an einer Halskette getragenen Kameras, schließlich im Akt des „Transparentwerdens“ aufgeht. Jeder Schritt, jedes Wort, jedes Erlebnis von Mae und tausend anderen wird auf die Bildschirme der flächendeckenden Community live übertragen.

Auch wenn Mae Holland ihren neuen Arbeitsplatz einmal als „Utopia“ bezeichnet – am Ende des Romans gleicht die Unentrinnbarkeit dem Überwachungssystem in „1984“. Bei Orwell heißt es einmal: „Irgendetwas zu tun, das auf einen Hang zur Einsamkeit schließen ließ, bereits alleine spazieren zu gehen konnte schon gefährlich sein.“ Genau dieser Gemeinschaftszwang herrscht im Circle: Nicht-Kommunikation erregt Verdacht (und wie nah Dave Eggers auch hier entlang der Realität erzählt, lässt sich an jener Untersuchungskommission erkennen, die das amerikanische Ministerium für innere Sicherheit nach den letzten Amokläufen in Denver und Newport 2012 eingerichtet hat: Beide Täter waren nicht bei Facebook und Twitter, und seitdem beobachtet die Kommission Schüler und Studenten, die sich den Sozialen Medien auffällig konsequent entziehen).

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