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Briefwechsel Cage-Cunningham : Bitte den Raum nicht kaputtmachen

  • -Aktualisiert am

Zusammenklang zweier Künstlerleben: John Cage und Merce Cunningham, unterwegs in Frankreich Bild: James Klosty

Das nachträglich eingebaute Schlüsselloch: Eine Edition präsentiert die Briefe des Komponisten John Cage an den Choreographen Merce Cunningham zusammen mit Bildern vom gemeinsamen Leben der beiden Künstler.

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          Das Maß an Bescheidenheit, Diskretion und Zurückhaltung, das John Cage und Merce Cunningham an den Tag legten, ist von heute aus betrachtet kaum vorstellbar. Alle wussten, dass die beiden ein Paar waren. Niemand aber, der ihnen begegnete, wäre auf die Idee gekommen, ihnen eine private Frage zu stellen. Das Private spielte keine Rolle. Die intellektuelle und ästhetische Faszination, die von den Werken des Musikers und des Tänzers ausging, mochten sie gemeinsam oder jeweils allein oder mit anderen geschaffen worden sein, war so groß, dass man an etwas wie ihr Privatleben keine Zeit zu verschwenden hatte. Es gab zu viel zu lernen über die revolutionären Auffassungen des Komponisten und des Choreographen von Musik und Tanz und das Verhältnis dieser Künste zum Bühnenbild und zu Kostümen, zu Technologie und Film.

          Blicke auf die Gummibäume

          Nun sind Briefe aus der Zeit von 1942 bis 1946 erschienen, samt vielen Abbildungen aus dem Alltagsleben der Künstler. Wir schauen in ihre Küche, ihr Bücherregal, auf ihre Gummibäume und ihre Waschmaschine. In den Briefen auch in ihr Schlafzimmer. Sie zu lesen, fühlt sich an, als würde man im Tagebuch des eigenen Vaters lesen – es fühlt sich nicht richtig an. Weshalb sollten wir wissen, wie scharf John auf Merce war? Weshalb, was für komplizierte Menschen sie waren. Ist die Frage altmodisch? Vielleicht. Und was wäre die Alternative gewesen? Zu sagen, man ediert Auszüge der Briefe und streicht die intimen Anspielungen und Passagen?

          Die Choreographien Merce Cunninghams und Kompositionen von John Cage waren niemals Ausdruck emotionaler Zustände oder gar Manifestationen eines Ichs. Von diesen subjektiven Manipulationen, von jedem, auch dem abstrakten Expressionismus wollten die beiden die Kunst im Gegenteil befreit sehen. Darum engagierten sie den Zufall, um die Anzahl persönlicher Entscheidungen bei der Verfertigung ihrer Werke zu reduzieren. Deswegen etablierten sie die Praxis wechselseitiger Unabhängigkeit im Schaffensprozess und trafen als einzige Absprache im Voraus für ein gemeinsames Werk dessen zeitliche Länge. Auch mit den Bühnen- und Kostümbildnern, allesamt berühmte Künstler, teilten sie keine weiteren Informationen etwa bezüglich ihrer Intentionen, Ideen oder Inspirationen. Alle Elemente einer Tanzaufführung – Bewegung, Musik, Kleidung, Bühnenbild – kamen erst bei der Premiere zusammen. So, dachten sie, könnte etwas Größeres entstehen, als sie es durch koordiniertes Vorgehen hätten hervorbringen können.

          Eine Liebe voller Bescheidenheit und Selbstironie

          Ihr künstlerischer Rang steht außer Diskussion. Cage, Cunningham, Jasper Johns und Robert Rauschenberg gehörten zu den letzten Heroen der Moderne. Aber es waren Helden ohne Pose. Soll die Veröffentlichung privater Briefe dieser lustigen, ironischen, warmherzigen Künstler sie uns nahebringen? Der Preis wäre nicht eben gering. Denn Mitteilungen über ihre Freude am Sex sind ungeeignet, zu dem hinzuführen, wofür sie zu Recht berühmt sind.

          Sich von John Cages Treue gegenüber Merce Cunningham zu überzeugen ist schön, aber das zeitweilige Ungleichgewicht ihrer Gefühle, ihre Irritationen nachzulesen, schmerzt auch jetzt noch, da Cage seit 1992 und Cunningham seit 2009 nicht mehr leben. Schöner ist, bestätigt zu bekommen, was auch nicht überraschend ist: „Write music, talk music, think music, etc. Louis \[die Rede ist von Louis Horst, dem musikalischen Direktor der Martha Graham Dance Company\] thought my music for your dances excellent, because he doesn’t remember it, having seen dances + not remembering being disturbed by music (which is right). I love you. J.“ Es sind solche Passagen, in denen man sich überzeugen kann, mit welcher Selbstironie und, noch einmal, Bescheidenheit, Cage selbst dem Geliebten und Freund gegenübertrat und den eigenen Beitrag zum gemeinsamen Erfolg herunterspielte: Horst habe Tänze gesehen und könne sich nicht an die Musik erinnern, was bedeute, die Musik habe ihn zumindest nicht gestört.

          In anderen, düsteren Zeiten beschreibt Cage ohne Selbstmitleid, aber sehr anrührend, Tage ohne sichtbare Arbeitsergebnisse. Das berühmte Schreckenswort der Künstler, das mit „P“ beginnt, diese Unsicherheit, nicht zu wissen, ob das „Nichtstun“ gerade notwendige Zeit ist, die man verstreichen lassen muss, weil in ihr das Unbewusste arbeitet, quält auch Cage. Heißt es, dass man ihn idealisiert hatte, wenn einen das erstaunt? Prokrastination ist andererseits der Glaube, dass scheinbar planloses Herumlesen, Putzen, Gärtnern, makrobiotisches Kochen oder Pilzesuchen zu der Niederschrift des nächsten, sich auf geheimnisvolle Weise im Inneren vorbereitenden Werks führen wird. Cunningham möge, wenn er der Muse ansichtig werde, diese zu ihm, Cage, schicken, schreibt der Komponist.

          Ein undatierter Brief, der den Poststempel des 17. August 1944 trägt, entstand aus dem Impuls, ästhetische Ideen leichter entwickeln und mitteilen zu können, wenn sie an Cunningham gerichtet wären als in einem Essay heruntergeschrieben. Das würde für Cages ganzes Musikerleben gelten: „Vielleicht kann ich Dir meine Idee beschreiben: Rhythmus ist wie Luft oder Wasser oder der Äther, in dem sich die Planeten bewegen, eigentlich ist Rhythmus eine Art Raum, und das einzige Problem beim Schreiben von Noten oder Machen von Bewegungen ist, ihn nicht kaputtzumachen.“

          Wie groß der Verlust ist, den der Tod dieser beiden bedeutet, spürt man jede Theatersaison aufs Neue. Aus dem Leben der beiden aber möchte man sich auf Zehenspitzen wieder hinausschleichen oder nach Lektüre der Briefe zumindest so tun, als hätte man alle Stellen, die uns nichts angehen, überblättert. Und wenn es noch so phantastisch ist, von Genies zu erfahren, dass auch sie Hausputz machen, bevor ihr Geliebter nach langer Abwesenheit heimkehrt.

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