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Briefwechsel der Jüngers : Das ewige Streben nach Liebe

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Anfang der Zwanziger ist aber alles noch im rosaroten Bereich. Ernst verkündet seiner künftigen Braut: „Der Unterschied zwischen Deinen Angehörigen und uns beruht darauf, daß sie, wie Du sehr richtig schreibst, Spießbürger sind und wir nicht.“ Ein paar Tage davor hat er den Gedanken schon einmal ausgebreitet: „In unseren Tagen schreibt man ja keine sorgfältigen Briefe mehr. Das tat man im Rokoko, jener Zeit, die Du so liebst und die sich zu der unsrigen verhält, wie der Park von Sanssouci, in dem wir vorgestern spazieren gingen, zu der Menschenmasse, die darauf los gelassen war. Wir schätzen beide das Alltägliche nicht, daher wollen wir uns vor dieser Masse mit ihren Maschinengesichtern zurückziehen und unsere Liebe unter dem Besonderen verbergen wie unter einem der Laubengänge des Rokoko.“

Einer der Spiegel des Anderen: Briefwechsel 1922 - 1960
Einer der Spiegel des Anderen: Briefwechsel 1922 - 1960 : Bild: Klett-Cotta Velag

Hoffnungsloses Streben nach Anerkennung

Zumindest Ernst Jünger ist es dann ganz gut gelungen, sich unter den Laubengängen seiner Künstlerexistenz zu verbergen. Der Briefwechsel legt Zeugnis ab vom Aufstieg eines begabten Newcomers mit dem Beschreibungshorizont des Ersten Weltkriegs („In Stahlgewittern“) zum souveränen Netzwerker und Eliteliteraten in der Zwischenkriegszeit: „Ich will allmählich andere Beziehungen anknüpfen, von denen auch etwas zu erwarten ist“, schreibt er Gretha literaturstrategisch.

Ernst Jünger will Leitfigur einer Geistesaristokratie sein, die mit Helmuth Lethens „Verhaltenslehren der Kälte“ zum geflügelten Wort der Ideengeschichte geworden ist. Gretha, daran lassen ihre soignierten Briefe keinen Zweifel, wollte dazugehören. Sie wollte, so wie es im Liebesversprechen „einer der Spiegel des anderen“ angelegt war, selbst schreiben und vor allem selbst gelten. Stattdessen regelt sie über Jahrzehnte die Geschäfte ihres Manns, wuppte die endlosen Umzüge quer durchs Deutsche Reich und die spätere Bundesrepublik. Versorgte pflichtbewusst und leidenschaftlich ihre beiden Söhne, wobei vor allem der kleine Alexander, genannt „Pümperich“, mit seiner Schwächlichkeit Grund zur Sorge gibt. Einmal heißt es in einem ihrer Briefe: „Der Vorwurf, den man fast allgemein gegen Dich erhebt, ist der, dass Du das Weibliche in Deinem Leben ausschaltest, und keine Beziehung zu der Frau besitzt. (Dies von den Lesern der Klippen, die Dich nicht persönlich kennen.) Selbst der Rausch sei bei Dir Ausdruck des Ästhetischen, und so fort. Man will nicht glauben, dass Du Frau und Kinder besitzt, und ist erst dann überwunden, wenn man es bestätigt erhält. Dann allerdings ist man zufrieden, bedauert jedoch diese unbekannte Frau von Dir, weil man annimmt, dass Du in Deiner Kühle keinen warmen und menschlichen Weg zu ihr findest.“

Ein Briefwechsel der Ödnis

Es ist weder von ästhetischem Reiz, die Selbststilisierungen Ernst Jüngers zu lesen („Gerade stehe ich wohl auf einem hohen Punkte der Schaffenskraft“). Noch erzeugen die Durchhalteparolen seiner Ehefrau den erwarteten voyeuristischen Thrill. Unter den vielen, dank Philologenwerk heute zugänglichen Briefwerken berühmter Schriftsteller zeichnet der Ernst Jüngers mit seiner Ehefrau sich durch elaborierte Ödnis aus. Mancher Kritiker sah in der Korrespondenz ein spannendes Zeugnis vom Offiziersleben im besetzten Frankreich und vom Bombenkrieg in und um Hannover, den Gretha in dem Örtchen Kirchhorst lebend ihrem Mann beschreibt. Auch kann man interessant finden, dass Gretha anfangs überaus nationalistisch, geradezu martialisch ist, während Ernst in Paris in Kreisen der Résistance verkehrt und offen über die Deportation von Juden nachdenkt. Das kann man so stehen lassen oder, wenn man es noch nicht wusste, wissen wollen.

Dennoch legt man den Briefwechsel am Ende zur Seite wie eine muffelige Ehescharteke. Einmal, Anfang der Vierzigerjahre, benennt Gretha Jünger ihr seelisches Leiden durch die literarische Blume. Der ganze Briefwechsel steht unter diesem Eindruck: „Ich lese immer noch in den Hebbel’schen Briefen; sie klären mich nun ganz über das Verhältnis zu Elise auf, und es betrübt mich doch, dass sein späteres Verhalten ihr gegenüber so wenig liebevoll war.“

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