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Ein unbekannter Briefwechsel : Als Adorno fast einmal die SPD auseinandergenommen hätte

  • Aktualisiert am

Theodor W. Adorno Bild: Wolfgang Haut

Die Zeitschrift „Sinn und Form“ publiziert in der kommenden Woche, herausgeben von Jan Bürger, den Briefwechsel, den Theodor W. Adorno und Hans Magnus Enzensberger zwischen 1965 und 1966 geführt haben. Darin finden sich auch Planungen für einen Text, der nie geschrieben wurde.

          11 Min.

          Prof. Dr. Theodor Adorno Frankfurt am Main 16. September 1965

          Lieber Herr Enzensberger,

          kaum war mein Brief abgesandt, so ist mir, einem Modellfall von Treppenverstand, etwas für das KURSBUCH eingefallen, was mir ein wenig wie ein Kolumbusei vorkommt: eine Kritik des Godesberger Programms der SPD. Da kann man nun wirklich alles daran zeigen, worauf es in dieser Situation ankommt. Ob ich selber das machen soll, oder nur meine Vorschläge dazu, und ob man dann die Ausarbeitung kollektiv vornimmt, wage ich im Augenblick nicht zu entscheiden; mein Gefühl ist, daß eine solche Arbeit, wenn sie von mehreren getan wird, manche Vorzüge vor einer individuellen hat. Natürlich wird es dabei notwendig sein, jedem Mißbrauch im Sinn der SED und des kommunistischen racketts vorzubeugen; das bekäme ich wohl fertig. Unter Umständen könnte man zu der Sache auch Herbert Marcuse zuziehen. All das jedoch sind curae posteriores; heute wüßte ich nun gern, wie Sie grundsätzlich auf die Idee reagieren. Mir ist sie darüber gekommen, daß ich es nicht über mich brachte, Aufrufe für die SPD zu unterschreiben, wozu man mich sehr gedrängt hat; und dann entdeckte ich, daß mein Exemplar des Godesberger Programms so viel Annotationen enthält, daß sie eigentlich schon dem Entwurf einer solchen Sache entsprechen.

          Alles Herzliche, stets Ihr Adorno

          ***

          22.9.65

          lieber und verehrter herr adorno,

          das ist ein ganz vortrefflicher gedanke, einer, für dessen baldige verwirklichung alles spricht, ich hätte es nicht gewagt, sie direkt und unumwunden um eine solche arbeit zu bitten. lassen sie mich nun ein paar der gründe anführen, die sie dringlich machen: die niederlage der spd läßt eine aussicht, wie schwach auch immer, auf die sprengung des großen kartells zu. dieser moment ist der richtige für eine kritik des godesberger programms. ein motiv von geringerem gewicht, aber eines, das für uns nicht ohne bedeutung ist: das deutschland-heft des kursbuchs, das im januar 1966 erscheinen wird, bietet für die publikation einer solchen kritik die besten voraussetzungen. ich wüßte nicht, wann eine so günstige gelegenheit wiederkäme. denn das ganze heft ist einer gründlichen revision der sogenannten deutschen frage zugedacht, von der übrigens niemand recht anzugeben weiß, wie sie lautet und an wen sie sich richtet.

          ich möchte also ganz ohne scham zur eile antreiben, gewiß ließe sich eine gründliche und kollektive ausarbeitung denken, ein versuch von großem umfang. doch zweifle ich daran, daß dies die beste lösung wäre. ich würde einer lakonischen fassung den vorzug geben, die im richtigen augenblick, das ist: in diesem winter noch, ans licht käme. dies aber vermögen nur sie allein. die vorarbeit dazu ist schon getan: es bedürfte nur einer explikation dessen, was ihre notizen zum programm der spd in nuce enthalten. ein solcher text von ihrer hand könnte eine tiefe wirkung tun. verzeihen sie meine ungeduld: es ist aber nicht ein redakteur, der hier drängt, es ist die sache selber. wir müßten die kritik des godesberger programms in der ersten november-woche zum druck geben. bitte überdenken sie den plan und sagen sie mir bald, ob er sich verwirklichen läßt. nicht nur dem kursbuch wäre damit geholfen.

          mit wiederholtem dank, ihr herzlich ergebener hmenzensberger

          Hans Magnus Enzensberger
          Hans Magnus Enzensberger : Bild: Picture Alliance

          ***

          Frankfurt am Main 23. September 1965

          Lieber Herr Enzensberger,

          tausend Dank für den Brief.

          So leid es mir tut: aber so rasch, wie Sie es sich vorstellen, ist die Kritik des Godesberger Programms nicht zu schaffen. Ich habe, neben meiner Hauptarbeit, für die nächsten Monate zwei Dinge zugesagt, die unbedingt geschafft werden müssen; einmal einen großen Vortrag für den Werkbund, zu dem mich Adolf Arndt und Scharoun eingeladen haben – eine höchst verantwortliche und wichtige Sache; dann einen Beitrag zur Festschrift für Abendroth zu dem Thema »Sozialer Konflikt heute« – auch hier ist es, wegen Person und Sache gleichermaßen, wichtig, daß ich mich nicht entziehe. Vor allem aber: ich bin nun einmal ein langsamer Arbeiter und kann so etwas wie die Kritik des Godesberger Programms nicht übers Knie brechen. Über einem solchen Text liegt der Riesenschatten der »Kritik des Gothaer Programms« von Marx, und ich bitte es nicht als anmaßend zu betrachten, wenn ich hinter diesem Vorbild nicht zurückbleiben möchte. Geben Sie mir also, bitte, einen rain cheque; ganz gewiß wird die Sache im Frühjahr zustande kommen, vorher ist sie nicht so möglich, wie ich sie von mir, und für uns, verlangen müßte. Zumal man ja eine solche Sache nicht einfach in Gestalt von Marginalien schreiben kann. Es gehört dazu ebenso Reflexion auf die Situation des Schreibenden (der kein Mitglied der Partei ist, wodurch der gesamte Komplex der sogenannten Verantwortung oder Nichtverantwortung des Intellektuellen hereingezogen wird) wie auf die geschichtliche Situation, die in gewisser Weise jenes unselige Dokument erzwang. Denn was hier gefordert ist, wäre, im Geist von Dialektik, nicht nur, es zu kritisieren – was weiß Gott mit der äußersten Schärfe geschehen muß –, sondern das Schlechte und Falsche abzuleiten. Dazu gehören aber auch gewisse Studien über die Vorgeschichte des Programms. die sich nicht aus dem Handgelenk schütteln lassen. Außerdem müßte hereingezogen werden, daß die Praxis der Sozialdemokratie unterdessen noch viel schlimmer geworden ist, als jenes Dokument erkennen läßt; das wäre aus dem Wahlkampf zu belegen. Ich weiß, daß Sie diesen Erwägungen nicht sich verschließen werden, obwohl Ihnen das, da Sie ja schließlich auch die Verantwortung eines Redaktors haben, nicht gelegen kommen wird. Aber eine derartige Sache darf unter keinen Umständen oberflächlich ausfallen, sondern muß bis auf den Kern zu dringen suchen, wenn sie sich nicht dem Spott und der Widerlegung aussetzen soll. Dazu gehört auch, daß, was über Ökonomie darin steht, hieb- und stichfest ist, und auch dazu bedarf es zumindest des Rates von kompetenten Freunden.

          Mir ist noch ein Gedanke gekommen. Wie wäre es, wenn Sie sich einmal eine große Tageszeitung vornehmen würden und eine Einzelnummer analysieren, aber nicht unter dem Gesichtspunkt der Information, wie Sie es seinerzeit getan haben, sondern einfach mit Rücksicht auf die Allgemeinplätze, Phrasen, Binsenwahrheiten und pontifikalen Erklärungen, die sich da finden? Man könnte dem Ganzen vielleicht die Zitate aus den Reden bei der landwirtschaftlichen Ausstellung aus der »Madame Bovary« oder Dokumentationen aus »Bouvard et Pécuchet« voranstellen. Es wäre nicht die schlechteste Methode, die Gemeinheit durch ihre eigene Dummheit zu überführen. Eine solche Analyse könnte sicherlich niemand besser machen als Sie.

          In denselben Zusammenhang gehört auch die Idee, einander gegenüberzustellen: auf der einen Seite die Dokumentation über die Maßnahmen gegen das sogenannte Dirnenunwesen, die das Frankfurter Polizeipräsidium bei Gelegenheit der Automobilausstellung angekündigt hat (in der Frankfurter Rundschau stand ein geradezu unsäglicher, mit dem Humor der Herrschaften gewürzter Aufsatz), auf der anderen eine Dokumentation über die sich häufenden Fälle von Mißhandlungen – oder Tötungen – von Kindern durch ihre Eltern, die dabei straffrei ausgehen (jüngst der Fall des kleinen Harry). Die Dokumente könnten Sie sich sicherlich leicht beschaffen. Was ich da in den letzten Wochen las, ist buchstäblich wie eine Bestätigung der Arbeit über »Sexualtabus und Recht heute«.

          Verzeihen Sie die gedrängten Andeutungen; ich muß für ein paar Tage wegfahren, wollte aber die Antwort nicht verzögern.

          Alles Herzliche von

          Ihrem Adorno

          ***

          tjöme, 30. september 1965

          lieber verehrter herr adorno,

          für ihre beiden briefe den allerschönsten dank. besonders dankbar bin ich ihnen für die warnungen vor jener »verblödung mit den mitteln geschärfter rationalität«. vor leuten wie popper und topitsch habe ich mich bisher allzu unzureichend, nämlich dadurch geschützt, daß ich nie etwas von ihnen las. daß der positivismus in den sozialwissenschaften zu wüstem und gefährlichem unsinn führen muß, daran habe ich freilich nie gezweifelt. seine rolle in der linguistik ist vielleicht nicht ebenso eindeutig. aber zweideutigkeit wäre schon mehr, als ich dem kursbuch und mir selbst erlauben dürfte. die strukturalismus-nummer wird nicht erscheinen können ohne eine auseinandersetzung mit der frage, vor die sie mich mit so viel deutlichkeit gestellt haben. (dafür allein schulde ich ihnen den größten dank.) ich habe inzwischen sowohl an herrn habermas als auch an herrn marcuse geschrieben. selbstverständlich wäre ich über die maßen froh, wenn sie ihrerseits ein wort für das unternehmen einlegen wollten, schon weil sie das desideratum weit schärfer zu formulieren vermöchten als ich selbst.

          noch größer ist meine freude über ihre zusage. denn in diesem sinn erlaube ich mir zu lesen, was sie über das projekt einer kritik des godesberger programms sagen. terminfragen müssen dabei, so bedenkenswert sie unter dem gesichtspunkt der wirkung sein mögen, durchaus zurücktreten. wenn diese sache im frühjahr zustande­kommt, tritt das ein, was ich in meinem ersten brief angedeutet habe: um ihren text wird sich eine ganze nummer des kursbuchs zu kristallisieren haben: tant mieux! überdies läßt sich einem solchen zeitplan noch ein andrer vorteil abgewinnen: rücksichten, was den umfang der arbeit angeht, brauchen wir nicht zu nehmen. schließlich wird sie auf den kontext des sogenannten deutschland-heftes keineswegs angewiesen sein. eine solche kritik, von ihnen formuliert, wird auf die intelligenz des landes eine wirkung haben, die wir heute gar nicht abschätzen können. ich bin glücklich darüber, daß sie ihre prinzipielle zusage gerade mit diesem projekt wahrmachen wollen.

          mit allen herzlichen grüßen

          ihr dankbarer hmenzensberger

          ***

          Berlin, 1.4.1966

          Lieber und sehr verehrter Herr Adorno,

          ich nehme das Risiko auf mich, Sie bei der Arbeit an dem großen Buch zu stören; dergleichen gehört zu dem halben Beruf, den ich wissentlich angefangen habe. Die Kritik des Godesberger Programms liegt mir am Herzen, nicht nur der Zeitschrift wegen. Was diese angeht, so wird das 7. Heft kein ungares Zeug enthalten, sondern im Gegenteil besser sein als die deutsche Literatur, oder was heute so heißt, derart, daß ich fürchten muß, den Leser zu blenden. Die berühmten Leute, die da vorkommen, mag ich gar nicht nennen; doch habe ich ein Dossier über den Wirtschaftstag der CDU zur Hand, das schlechterdings unglaublich ist. Das Heft, das ich meine, es ist das siebente, soll im Juli erscheinen. Der Setzer verlangt danach Anfang Mai, spätestens Mitte dieses Monats.

          Noch ein anderer Grund von außen drängt mich, in Sie zu dringen. Es ist dies die halb stupide, halb freche Kritik von ultralinks, die Ihrem Werk in letzter Zeit begegnet. Schon deshalb würde ich mir wünschen, daß Ihre Thesen und Antithesen bald gedruckt würden. Die Verwirrung bei den Studenten nimmt allmählich Formen an, die uns nicht gleichgültig lassen können. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, welche Wirkung Ihr Wort in dieser Sache haben wird.

          Mit sehr herzlichen Grüßen

          Ihr ergebener hmenzensberger

          ***

          Frankfurt am Main 18. April 1966

          Lieber und verehrter Herr Enzensberger,

          ich fühle mich sehr in Ihrer Schuld, formaliter und materialiter; einmal, weil ich Ihnen solange nicht geantwortet habe, dann aber, weil ich Ihnen wegen der Kritik des Godesberger Programms immer noch nichts Bestimmtes sagen kann. Zunächst ist die Lage so, daß ich mit der »Negativen Dialektik« noch nicht fertig bin. Sie hat zwar in den letzten Monaten entscheidende Fortschritte gemacht – von den acht Einheiten, aus denen sie besteht, sind fünf druckfertig und werden in den nächsten Wochen schon in Satz gehen, und eine weitere bedarf nur noch der letzten Redaktion –, aber immerhin, zwei Kapitel, und zwar das Mittelstück, sind zwar ebenfalls vorhanden, brauchen aber, damit sie werden, was sie sollen, für die nächsten drei Monate meine ganze Kraft, wenn ich das nicht nur Unseld, sondern mir selbst gegebene Versprechen halten soll, daß das Buch noch im Herbst herauskommt. Dafür haben Sie gewiß Verständnis.

          Es kommt aber etwas anderes hinzu, was mich zögern macht. Schließlich ist jener Plan ein Politicum, und dazu gehört, daß man auch die politische Wirkung mitreflektiert. Ich weiß aber nicht, ob gerade jetzt der beste Zeitpunkt zu einer Abrechnung mit dem SPD-Kurs ist. Dazu ist die Gefahr des Neonazismus in Deutschland viel zu akut; und nach den jüngsten Auseinandersetzungen innerhalb der SPD könnte mein Plan überdies leicht so wirken, als ob ich mich an eine bereits losgelassene Diskussion anhängen wollte. Wichtiger jedoch scheint mir, im Augenblick alles zu vermeiden, was, sei’s noch so indirekt, zu einer Stärkung des Rechtsradikalismus beitragen könnte. Es entsteht gerade bei mir eine Doktorarbeit über das verhängnisvolle Zusammenspiel der radikalen Parteien in der Spätzeit der Weimarer Republik und die überaus verhängnisvolle Rolle, welche dabei der Begriff Sozialfaschismus (also die unvermittelte Gleichsetzung der damaligen Sozialdemokratie mit dem heraufkommenden Faschismus) spielte. Man kann aber nicht, wie ich, die Idee der Differenzierung auch politisch schwer nehmen und dann in irgendeiner Weise sich selbst, dem Wirkungszusammenhang nach, in die Situation des terrible simplificateur begeben. Während ich nach wie vor der Überzeugung bin, daß die Auseinandersetzung mit und in der SPD geführt werden muß, würde ich dringend dafür optieren, sie zumindest zurückzustellen, bis die Landtagswahlen stattgefunden haben, in denen sich ja das neofaschistische Potential deklarieren wird. Ich hoffe, daß Sie darin nicht den Ausdruck von Opportunismus sehen, sondern den des einfachsten Verantwortungsgefühls.

          Könnten Sie mir wohl sagen, an welche Kritik von Ultralinks Sie denken, die sich in der letzten Zeit frech und stupid über mich hergemacht hat? Ich weiß nicht, worum es da geht, kenne nur einige auf völligem Mißverständnis beruhende Äußerungen von Hochhuth und dann natürlich die penetranten Angriffe des Herrn Kofler. Im allgemeinen aber ziehe ich doch vorwiegend den Haß von mittleren Intellektuellen wie Ludwig Marcuse und Kesten auf mich, die einfach die Tatsache, daß sie meine Sachen nicht verstehen, für ein Argument halten. Sonst habe ich immer noch mehr Ärger mit Rechts als mit Links, wie es sich ja auch gehört. In dem abscheulichen Buch von Schlamm dürfte ich von all den Inkriminierten der einzige mit Namen genannte sein.

          Ich hörte, beim Klett Verlag bestehe die Absicht, eine Gegenzeitschrift gegen das Kursbuch zu gründen, unter der Chefredaktion von Jobst Siedler und unter Mitwirkung von Jünger und Holthusen. Vielleicht ist es nicht unwichtig für Sie, das jetzt schon zu wissen und unter Umständen zuzuschlagen, ehe von dort aus etwas erfolgt.

          Am 23. Juni werde ich in Berlin sein und in der Akademie einen Vortrag »Die Kunst und die Künste« halten – bis dahin muß ich ohnehin mit meinem Buch über den Berg sein. Werde ich Sie dann dort sehen? Sie fehlen mir, die räumliche Distanz ist wirklich ein Jammer.

          In herzlichster Verbundenheit, stets Ihr Adorno

          ***

          tjöme, 18. mai 1966

          verehrter, lieber herr adorno,

          noch ehe wir diese atmosphäre verlassen, um wieder nach skandinavien zu gehn, möchte ich mich für ihre nachrichten bedanken und sie zum fortgang des großen buches beglückwünschen. daß diese centrale arbeit sie ganz in anspruch nimmt, ist ja nicht allein selbstverständlich, sondern geradezu aufs innigste zu wünschen; und ich hoffe nur, daß sie bis in den juni nichts und niemand stören werde.

          und nur unter dieser voraussetzung rede ich weiter von dem projekt einer kritik des godesberger programms – nämlich, daß das hauptwerk wirklich ganz pünktlich abgeschlossen und ihnen auch noch lust zu weiterer arbeit übrig lassen werde. für diesen fall aber bitte ich sie sehr dringend, eben dieses projekt vor allem andern zu bevorzugen. denn so wohl ich ihre taktischen bedenken verstehe, so sicher scheint es mir, daß der strategische gedanke ihnen diametral zuwiderläuft und sie sogar zunichte macht. die npd nämlich vermag kein gedanke und erst recht nicht der unsrige zu erreichen. das nazi-potential wird sich in der tat deklarieren. dieser vorgang aber ist, denke ich, geradezu wünschbar. er wird, unter anderm, die folge haben, daß die sozialdemokratie entscheidungen treffen muß, so wie die gewerkschaften eben auf ihrem berliner kongreß. auch wehner nämlich wird den versuch nicht wagen können, die nazis an chauvinismus zu übertreffen. wie auch immer: auf sukkurs von links, gegen die sozialdemokratie, kann heute keine rechte mehr zählen. gerade in der lage, die sich abzeichnet, könnte also eine kritik von ihrer (und wenn ich sagen darf: unserer) seite auf keine weise zu einer schwächung der spd führen – nicht einmal im vorläufigsten sinn; ja die deutsche sozialdemokratie kann überhaupt nur überleben, wenn sie, statt des notstandes, eine solche kritik akzeptiert.

          was ich die kritik von ultralinks nenne, kritik an ihnen, beschränkt sich auf die universitäten, besonders in tübingen, frankfurt und berlin. die radikalen gruppen (deren radikalität freilich selten im denken sich zeigt) werfen ihnen, zuweilen in plumper und dreister form, vor, sie hielten sich zu gut für auch nur das geringste wort, das unmittelbar politisch uns helfen könnte. nun ist freilich ein solches murren oder auch brüllen keiner erwiderung wert, und der gedanke liegt mir fern, ihnen zuzumuten, daß sie auf derlei überhaupt eingingen. aber was da, wenn nicht wellen so doch schaum an der oberfläche macht, deutet doch auf tiefere störungen hin, die viel verbreiteter sind, als man denken möchte. und diese rat- und hilflosigkeit unter den studenten, die heute fünfundzwanzig sind – die allerdings, denke ich, ist sehr ernst zu nehmen. für diese schwankenden könnte, was ich ihnen abverlangen möchte (sobald es eben sich machen läßt), von außerordentlicher wichtigkeit sein; ich sehe hier einen punkt, wo große wirkungen möglich sind – ein seltener fall! wie bitter das not tut, sieht man ja schon daran, daß neuerdings jaspers, ausgerechnet er, zur galionsfigur der opposition in diesem land zu werden scheint, unter dem beifall der ganzen soi-disant linken!

          zum juni, fürchte ich, werden wir uns nicht in berlin sehen können. das ist mir leid. doch freilich gestehe ich auch, daß ich froh bin, aus der etwas stickigen berliner luft zu kommen.

          nochmals: alle meine aufrichtigsten wünsche wende ich an ihr buch!

          herzlich eingedenk

          ihr hmenzensberger

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