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Bachmannpreis und DDR : „Ick wollte Klagenfurt sehen“

  • -Aktualisiert am

Nie um eine flapsige Antwort verlegen: Katja Lange-Müller, hier in Berlin 2016. Bild: Andreas Pein

Zwischen 1986 und 1989 gab es beim Bachmannpreis vier aus der DDR stammende Gewinner. Was hatte das literarisch und politisch zu bedeuten? Ein Berliner Symposium brachte die Protagonisten von damals jetzt zusammen.

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          Was beim Ingeborg-Bachmann-Preis, also den „Tagen der deutschsprachigen Literatur“, ausgezeichnet werden soll, darüber gibt es seit langem immer wieder Streit. In den achtziger Jahren sei der Wettbewerb von Deutschland kolonialisiert und der Preis von Marcel Reich-Ranicki annektiert worden, sagte die österreichische Kritikerin und zweimalige Klagenfurt-Jurorin Sigrid Löffler, nie um ein markiges Wort verlegen, am Donnerstag in Berlin. Wenig später hörte man eine ganz ähnliche Einschätzung: So sah es nämlich auch schon die Stasi.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Weil der Bachmannpreis, wenngleich verliehen auf neutralem österreichischem Boden, aus Sicht der DDR-Führung eine Veranstaltung des Klassenfeindes gewesen sei, angeblich gedacht zur Propagierung von dessen Ideen unter der Leitung des „berüchtigten Antikommunisten Reich-Ranicki“, sei ihr die Ausreise zu diesem Wettbewerb verweigert worden, erzählte die 1940 geborene Schriftstellerin Helga Schubert, die 1980 dort zur Teilnahme eingeladen war. Ihrer nach der Wende eingesehenen MfS-Akte entnahm sie dann, warum es dazu nicht kam: Kein Mitglied des Schriftstellerverbandes der DDR, dem Schubert damals angehörte, habe in Klagenfurt lesen sollen, weil DDR-Autoren dort angeblich „manipuliert wurden“ und zudem „keinesfalls der Eindruck einer gesamtdeutschen Literatur“ entstehen sollte.

          Was hatte es aber dann zu bedeuten, dass in den Jahren von 1986 bis 1989 viermal hintereinander in der DDR lebende oder aus ihr stammende Autoren den Bachmannpreis gewannen – nämlich Katja Lange-Müller, Uwe Saeger, Angela Krauß und Wolfgang Hilbig? Mit dieser Frage beschäftigte sich ein zweitägiges Symposion am Literarischen Colloquium am Wannsee und an der österreichischen Botschaft in Berlin.

          Was bleibt von den Texten von damals?

          Zwischen bloßer Kontingenz und einem politischen, ja wendevorbereitenden Statement der Klagenfurt-Jury gab es darauf sehr unterschiedliche Antworten der damaligen Protagonisten, die LCB-Kurator Thomas Geiger nun noch einmal auf Podien unter dem Titel „Klagenfurt Revisited“ zusammenbrachte: Eine interessantes literaturgeschichtliches Experiment.
          Dass es für DDR-Schriftsteller in Klagenfurt einen Bonus gab, wie ihn für den ganzen Literaturbetrieb etwa Peter Rühmkorf schon früher vermutet und kritisiert hatte, wurde von einigen der damals Beteiligten bestätigt, von anderen zurückgewiesen. Der Kritiker Volker Hage etwa führte dagegen ins Feld, auch Jurek Becker sei dort einmal angetreten, aber leer ausgegangen. Dies jedoch wurde nun auf die „Leichtigkeit“ von dessen vorgetragener Erzählung zurückgeführt, während man, so Hage, seit Ulrich Plenzdorf, mit dem ja bereits 1978 ein ostdeutscher Autor den Bachmannpreis gewonnen hatte, dort „von der DDR-Literatur Dringlichkeit“ erwartet habe.

          Angela Krauß' autobiographisch grundierte Erzählung „Der Dienst“, in der ein beim Uranbergbau womöglich verseuchter Vater sich erschießt, und Uwe Saegers Allegorie über den Absturz sozialistischer Ideale („Ohne Behinderung, ohne falsche Bewegung“), an deren Ende jemand „wie jagdbares Flugwild vorschriftsmäßig erlegt“ wird, schienen jene Dringlichkeit aufzuweisen, Katja Lange-Müllers sprachspielerische Farce „Kaspar Mauser – Die Feigheit vorm Freund“ vielleicht auf ganz andere Weise auch.

          Zwischen Pathos und Luftrauslassen

          Ob diese literarischen Texte noch relevant sind, darüber konnte sich bei einer neuerlichen Lesung jeder selbst ein Urteil bilden; ihren Verfassern schienen sie mehr als dreißig Jahre später teils sehr fern, und andere Symposiumsteilnehmer wie der Literaturwissenschaftler Holger Helbig (Rostock) oder die heutige Bachmann-Jurorin Insa Wilke meldeten auch starke Zweifel an. Dass Klagenfurt-Texte wenig haltbar erscheinen oder man von ihren Verfassern kaum je wieder hört, hat indes nichts mit der DDR-Literatur zu tun, sondern ist auch heute zu beobachten.

          Wilke versuchte auf einem Podium ihren Vorgängern noch Genaueres über ihre Bewertung zu entlocken, allerdings konnten diese sich nicht mehr allzu gut erinnern. Helga Schubert, die letztlich nicht als Schriftstellerin, sondern von 1987 bis 1990 als Jurorin nach Klagenfurt kam, berichtete von der schweren, realitätsgesättigten Stimmung der Textlesungen, die in der historischen Situation die Zuhörer umhaute. Spürte man hier fast Pathos aufkommen, so wirkte Katja Lange-Müllers flapsig berlinernde Erinnerung daran, was der Wettbewerb für sie bedeutete, dagegen wie ein großes Luftrauslassen: „Na, ick wollte halt Klagenfurt sehen.“ Ihren damaligen Sieg führt sie auf eine „Übermüdungseuphhorie“ der Jury zurück: „Ick weeß ooch nich, warum die alle jelacht haben.“

          Aus dem Publikum meldete sich dann noch jemand zur öffentlichen Wahrnehmung der vier Preisträger im Staat ihrer Herkunft zu Wort, welcher die Berichterstattung darüber weitgehend unterdrückt hatte: „Wunderschön, dass sie da waren, aber in der DDR hat's kaum einer gemerkt“.

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