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Denis Scheck : Pantoffelheld: „Der Teufel mit den drei goldenen Haaren“

  • Aktualisiert am

„Druckfrisch”-Moderator Denis Scheck Bild: WDR/Kurt Bauer

Leben wir vielleicht jetzt schon in der Hölle? Das Märchen vom Teufel mit den drei goldenen Haaren ist ein Lehrstück politischer Klugheit, findet der „Druckfrisch“-Moderator Denis Scheck.

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          „Ich weiß alles.“ Eigentlich darf es mit einem Mann, der so redet, kein gutes Ende nehmen. Nimmt es aber. Am Ende dieses gerade mal sechs Seiten langen Märchens ist der Alleswisser mit einer Königstochter verheiratet, darf vier mit Gold beladene Esel sein eigen nennen und kann seinen ebenso blaublütigen wie bösartigen Schwiegervater auf eine Reise ohne Wiederkehr schicken. Und alles nur, weil er im richtigen Moment zu sagen vermochte: „Ich weiß von nichts.“

          Nicht nur deshalb ist das Märchen vom Teufel mit den drei goldenen Haaren ein Lehrstück politischer Klugheit. Unser Mann ist ein Glückskind, kein Weiberheld, aber doch ein Frauenliebling. Dreimal trachtet ihm der König nach dem Leben, zweimal retten ihn alte Frauen, weil er Mitleid zu erregen weiß. „Du jammerst mich“, sagt die Ellermutter des Teufels, als er mit dem unmöglichen Auftrag, dem Teufel drei goldene Haare auszurupfen, vor ihren Sorgenstuhl tritt. Länger noch als an der anschließenden Verwandlung in eine Ameise knabbert nicht nur die kindliche Phantasie an den Worten Ellermutter und Sorgenstuhl, und alle Ausgaben, die daraus eine Großmutter und einen Lehnstuhl machen, gehören auf den Müll.

          Zweimal scheitern die Mordpläne

          Weil der Junge mit einer Glückshaut geboren wurde und ihm prophezeit wird, daß er mit vierzehn die Königstochter heiraten wird, will ihn der König umbringen. Zweimal scheitern die Mordpläne, erst dann versucht sich der König des ungeliebten Schwiegersohns zu entledigen, indem er ihn drei goldene Haare von des Teufels Haupt holen läßt. Er hätte ihn auch um einen ausgeglichenen Staatshaushalt, die Sanierung der Rentenversicherung und die Lösung der Arbeitslosenfrage bitten können.

          Nicht aber, weil dem Glückskind das Unmögliche gelingt, bleibt dieses Märchen in Erinnerung. Auch nicht, weil Glückshaut, Ellermutter und Sorgenstuhl so schöne Worte sind. Vergnügen und durchaus auch Trost spendet diese Geschichte, weil wir erfahren, daß der Teufel im Grunde auch nur ein Pantoffelheld ist. „Ich rieche, rieche Menschenfleisch, es ist nicht rein!“ meckert er beim Abendbrot. Und wie reagiert die Ellermutter? So wie alle Mütter auf quengelnde Kinder: „Wirf mir nicht alles untereinander, ich habe eben erst gekehrt: sitz und iß dein Abendbrot, du hast immer Menschenfleisch in der Nase.“

          Eine Hölle, in der man so mit dem Teufel spricht, verliert ihre Schrecken. Oder ist es genau andersherum: Leben wir, weil man mit uns bis auf den heutigen Tag ständig so spricht, vielleicht jetzt schon in der Hölle?

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