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Debatte um Grass' Geständnis : „Vermarkter seines neuen Buches“ - „Scheinmoralist“ - „kampfbereiter Haudegen“

  • Aktualisiert am

Hat sieben Häute und beißt alle Leute: Günter Grass mit Zwiebeln Bild: dpa

Die Debatte um Günter Grass weitet sich aus: Während Wolfgang Thierse (SPD) seiner Partei rät, den Autor „nun nicht als Aussätzigen zu behandeln“, vermutet die Präsidentin des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, PR-Kalkül.

          Nach dem SS-Geständnis von Günter Grass hat der Schriftsteller und Philosoph Rüdiger Safranski den Literaturnobelpreisträger in Schutz genommen. Für das Bekenntnis müsse man Grass Respekt zollen, sagte Safranski am Dienstag im Deutschlandradio Kultur. Er wisse, daß er damit in einer kurzatmigen Öffentlichkeit seinen Ruf ruinieren könne. Grass könne nicht aus kommerziellem Kalkül gehandelt haben, weil es ihm um die Ehre gehe.

          Zugleich forderte der Philosoph, zwischen Grass' Werk und seiner Rolle als „politischer Propagandist und Moralist“ zu unterscheiden. Als Moralist habe er holzschnittartige Positionen ohne Grauzonen vertreten, die aber in seinem Werk vorkämen. Grass habe sich früher selbst inszeniert. „Er hat die ganze Zeit gewusst und gespürt: Es ist ein Makel. Und jetzt hielt er es offenbar nicht mehr aus“, sagte Safranski.

          Schorlemmer: wie Rühmann, Karajan, Gründgens

          Der Bürgerrechtler und Wittenberger Theologe Friedrich Schorlemmer hat nach einem Bericht des Nachrichtenradios „MDR-Info“ Verständnis für das späte Geständnis Günter Grass'. Jedoch werde ein Makel bleiben, sagte Schorlemmer am Dienstag dem in Halle ansässigen Sender. Und weiter: „Wenn aber nur der moralische Gedanken in die Öffentlichkeit tragen darf, der sie ganz erfüllt, müßten wir alle schweigen.“

          Schorlemmer erklärte, Grass habe nichts anderes gemacht als alle anderen Menschen auch. Nach der langen Zeit setze ein Mechanismus des „glückenden Verdrängens“ ein. Vielleicht sei ein Motiv des Verschweigens auch gewesen, daß Grass den Deutschen „so besser den Spiegel vorhalten, ihnen eher ins Gewissen reden konnte“. Schorlemmer stellte Grass in eine Reihe mit Prominenten wie Heinz Rühmann, Herbert von Karajan, Max Schmeling, Gustav Gründgens und Emil Nolde. „Der Fall Grass macht uns Deutschen wieder einmal schmerzlich klar, wie viele der öffentlichen Personen, die später zu Idolen wurden, involviert waren, wie tief unser Volk verstrickt war.“

          Stölzl: „genialer Medienprofi“

          Für Christoph Stölzl, Historiker, ehemaliger Direktor des Deutschen Historischen Museums und ehemaliger Kultursenator von Berlin, ist der Schriftsteller Günter Grass ein „genialer Medienprofi“. Mit seinem Bekenntnis, Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein, kurz vor dem Erscheinen seiner Autobiografie habe Grass „Medienkalkül“ bewiesen, sagte Stölzl der online erscheinenden „Netzeitung“ (Dienstagausgabe). „Wieder einmal hat sich der alte Literatur-Löwe Grass als genialer Medienprofi erwiesen“, sagte der CDU-Politiker, der auch Vizepräsident des Abgeordnetenhauses von Berlin ist.
          „Daß ihn nach über 60 Jahren der Druck des Gewissens zu seinem Bekenntnis gezwungen habe, glaubt wohl niemand, der sich mit dem Verhältnis von Literatur und Moral auskennt“, sagte Stölzl. Die Vorgänge um Grass mahnten dazu, „endlich von der idealisierten Vorstellung vom Schriftsteller als einer moralischen Instanz Abschied zu nehmen“, sagte Stölzl.

          Nach der Forderung des CDU-Kulturexperten Wolfgang Börnsen, Grass solle nach seinem Geständnis, Mitglied der Waffen-SS zu sein, die über die Jahre erhaltenen Literaturpreise zurückgeben, haben sich weitere Politiker in der Debatte um die Vergangenheit des LIteraturnobelpreisträgers zu Wort gemeldet.

          Der stellvertretende Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) warnt vor zu harschen Urteilen: „Einige äußern sich so vehement, als hätten sie nur darauf gewartet, Günter Grass als öffentliche Person zu vernichten“, sagte Thierse der Tageszeitung „Die Welt“ (Dienstagausgabe). Grass' Äußerungen seien erstaunlich. Es stelle sich die Frage, warum er früher nichts zu diesem Teil seiner Biografie gesagt habe und warum er ihn erst jetzt bekannt mache. Thierse rief die SPD dazu auf, zu Grass zu stehen. „Ich kann meiner Partei nur raten, Günter Grass nun nicht als Aussätzigen zu behandeln“, sagte er. Es sei absurd, in Grass nun einen „politisch-moralischen Outcast“ zu sehen. Grass' Leben und Werk hätten sich nicht verändert.

          Knobloch: „Frühere Reden ad absurdum geführt“

          Der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Bernd Neumann (CDU), sagte der „Bild“-Zeitung (Dienstagausgabe): „Günter Grass' literarisches Werk bleibt bestehen. Aber als moralische Instanz, als die er sich selbst immer sah, hat er Schaden genommen.“ Grünen-Fraktionschef Fritz Kuhn zeigte sich irritiert über Grass' langes Schweigen zu seiner Vergangenheit in der Waffen-SS. „Gut, daß Grass endlich damit raus ist. Seltsam, daß es solange gedauert hat“, sagte Kuhn der „Bild“-Zeitung.

          Die Präsidentin des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, vermutet bei Grass andere Gründe als den Wunsch, im Alter reinen Tisch zu machen: „Die Tatsache, daß dieses späte Geständnis so kurz vor der Veröffentlichung seines neuen Buches kommt, legt (...) die Vermutung nahe, daß es sich dabei um eine PR-Maßnahme zur Vermarktung des Werkes handelt“, sagte sie am Montag der „Netzeitung“. Der Schriftsteller sei stets als „strenger moralischer Mahner aufgetreten“, sagte Knobloch. Politik und Gesellschaft, insbesondere deren Umgang mit dem Nationalsozialismus, habe er scharf kritisiert. „Sein langjähriges Schweigen über die eigene SS-Vergangenheit führt nun seine früheren Reden ad absurdum.“

          Auch der frühere Vorsitzende der SPD, Hans-Jochen Vogel, äußerte Befremden über das späte Geständnis. „Insbesondere wird die Glaubwürdigkeit der Kritik hinterfragt werden, die er seinerseits in vergleichbaren Fällen geübt hat“, sagte Vogel der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“ vom Dienstag.

          „Tagesanzeiger“: Grass ein „Scheinmoralist“

          Auch an diesem Dienstag kommentieren große europäische Tageszeitungen den Fall: Für den „Tagesanzeiger“ aus Zürich zeigt der „Scheinmoralist“ Grass einen Mangel an Demut: „Die SS-Mitgliedschaft des jungen Günter Grass ist nicht nur entschuldbar - sie ist sogar nachvollziehbar. Unentschuldbar ist allein sein Schweigen. Und ebenso unentschuldbar ist sein Mangel an Demut bei der Aufdeckung seiner Lebenslüge. Grass hat die Mitgliedschaft in der Waffen-SS und im Nazisystem immer wieder thematisiert und damit die Frage nach Schuld, Moral und Verantwortung gestellt. Er hat Schuldige und Unschuldige über Jahrzehnte hinweg mit diesen Fragen konfrontiert. Er hat beurteilt und verurteilt. Sein eigenes Verhalten nahm der Scheinmoralist aber aus.“

          Für die konservative norwegische Tageszeitung „Aftenposten“ aus Oslo ist Grass als moralische Instanz geschwächt: „Problematisch an der Mitteilung von Günter Grass über seinen Kriegsdienst in den Reihen der Waffen-SS ist nicht der Inhalt, sondern das Schweigen über 61 Jahre. Er ist ein Autor, der die Abrechnung mit der Nazi-Zeit lange zu seinem Markenzeichen gemacht hat und der mit Auschwitz als Begründung 1989 nach dem Fall der Mauer gegen die deutsche Vereinigung war. (...) In den vergangenen Jahren hat Grass auch Bücher über Deutsche als Opfer des Krieges veröffentlicht. Nun werden sie genauestens unter die Lupe genommen. Viele dürften diese Probe wohl bestehen, aber Grass als moralische Instanz ist geschwächt. Und als Aktivist in der Politik, in der er sich lange engagiert hat, wird er nun als weniger klug dastehen. Um es mal vorsichtig auszudrücken.“

          „Berlingske Tidende“: „Haudegen bereit zum Streit“

          Der konservativen dänischen Tageszeitung „Berlingske Tidende“ aus Kopenhagen fällt auf, von welcher moralischen Warte aus seine Kritiker über Grass urteilen: „Die Meute der Verärgerten umringt nun den deutschen Schriftsteller Günter Grass, nachdem der von seiner Jugend in der Waffen-SS berichtet hat. Er müsse den Nobelpreis aberkannt bekommen, sein Werk liege in Trümmern, heißt es. Man sollte sich an Jesu' Wort erinnern: 'Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.' Daß öffentliche Personen wie Grass (...) ihre Leichen im Keller verschweigen, erscheint menschlich verständlich. Schwer zu verstehen ist dagegen, wenn sich dieselben Personen als Teilnehmer an der öffentlichen Debatte ganz hoch auf das moralische Roß setzen. Warum trägt man nicht zu einer Nuancierung der Diskussion bei, wenn man doch aus eigener, schmerzhafter Erfahrung weiß, wie leicht man auf der falschen Seite landen kann? Vermutlich, weil die öffentliche Fassade zum Instrument der persönlichen Verdrängung wird. (...) Aber besser spät als gar nicht. Der große Dichter und alte Haudegen Grass scheint bereit zum Streit.“

          Die linksliberale dänische Tageszeitung „Information“ hingegen sieht in Grass' jahrzehntelangem Schweigen den Beweis, daß der Autor mit seinem Gerständnis einen wunden Punkt getroffen hat: „Günter Grass hat erst in hohem Alter berichtet, daß er als Jugendlicher Mitglied der Waffen-SS war. (...) Natürlich fällt ins Auge, daß ein Schriftsteller diese Angabe zu seiner Vergangenheit verschweigt, der das deutsche Schuldgefühl und die Beteiligung am Nationalsozialismus zu einem nicht zu verschleißenden Thema seiner Autorenschaft gemacht hat. Ein Autor, der mehr als alle anderen als Gewissen der Nation fungiert, diese Rolle bei mehreren Anlässen auch mit Freude gespielt und zu einem Teil der Autorenrolle stilisiert hat. Aber die Literatur folgt eigenen Regeln. Wer sagt, man müsse Grass nun den Nobelpreis aberkennen, irrt deshalb total. Seine Autorenschaft hat in keiner Weise Schaden erlitten. Als Intellektueller, Gewissen der Nation und öffentliche Person hat Grass indessen ein Problem. (...) Sein Schweigen ist das Problem. Und gleichzeitig ein Beweis, daß er wirklich einen empfindlichen Punkt bei sich selbst und den Deutschen trifft.“

          Die niederländische Zeitung „Trouw“ schreibt: „Grass hat eine simple Erklärung: Viele Jüngere waren wie er selbst begeistert von dem antibürgerlichen, revolutionären Elan des Nationalsozialismus. So enthält sein Eingeständnis die nicht misszuverstehende, aktuelle Botschaft, daß radikale Ideologien eine starke Anziehungskraft haben. Und auf eine paradoxe Weise ist es auch eine Anerkennung, daß die bürgerlichen Werte, gegen die Grass sich stellte, wichtig sind. Schade, daß er es nicht früher eingestanden hat. Aber lieber spät als gar nicht. Und wie auch immer, mit seinem Eingeständnis beweist Grass seine moralische Integrität.“

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