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Debatte um Grass' Geständnis : „Vermarkter seines neuen Buches“ - „Scheinmoralist“ - „kampfbereiter Haudegen“

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Für die konservative norwegische Tageszeitung „Aftenposten“ aus Oslo ist Grass als moralische Instanz geschwächt: „Problematisch an der Mitteilung von Günter Grass über seinen Kriegsdienst in den Reihen der Waffen-SS ist nicht der Inhalt, sondern das Schweigen über 61 Jahre. Er ist ein Autor, der die Abrechnung mit der Nazi-Zeit lange zu seinem Markenzeichen gemacht hat und der mit Auschwitz als Begründung 1989 nach dem Fall der Mauer gegen die deutsche Vereinigung war. (...) In den vergangenen Jahren hat Grass auch Bücher über Deutsche als Opfer des Krieges veröffentlicht. Nun werden sie genauestens unter die Lupe genommen. Viele dürften diese Probe wohl bestehen, aber Grass als moralische Instanz ist geschwächt. Und als Aktivist in der Politik, in der er sich lange engagiert hat, wird er nun als weniger klug dastehen. Um es mal vorsichtig auszudrücken.“

„Berlingske Tidende“: „Haudegen bereit zum Streit“

Der konservativen dänischen Tageszeitung „Berlingske Tidende“ aus Kopenhagen fällt auf, von welcher moralischen Warte aus seine Kritiker über Grass urteilen: „Die Meute der Verärgerten umringt nun den deutschen Schriftsteller Günter Grass, nachdem der von seiner Jugend in der Waffen-SS berichtet hat. Er müsse den Nobelpreis aberkannt bekommen, sein Werk liege in Trümmern, heißt es. Man sollte sich an Jesu' Wort erinnern: 'Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.' Daß öffentliche Personen wie Grass (...) ihre Leichen im Keller verschweigen, erscheint menschlich verständlich. Schwer zu verstehen ist dagegen, wenn sich dieselben Personen als Teilnehmer an der öffentlichen Debatte ganz hoch auf das moralische Roß setzen. Warum trägt man nicht zu einer Nuancierung der Diskussion bei, wenn man doch aus eigener, schmerzhafter Erfahrung weiß, wie leicht man auf der falschen Seite landen kann? Vermutlich, weil die öffentliche Fassade zum Instrument der persönlichen Verdrängung wird. (...) Aber besser spät als gar nicht. Der große Dichter und alte Haudegen Grass scheint bereit zum Streit.“

Die linksliberale dänische Tageszeitung „Information“ hingegen sieht in Grass' jahrzehntelangem Schweigen den Beweis, daß der Autor mit seinem Gerständnis einen wunden Punkt getroffen hat: „Günter Grass hat erst in hohem Alter berichtet, daß er als Jugendlicher Mitglied der Waffen-SS war. (...) Natürlich fällt ins Auge, daß ein Schriftsteller diese Angabe zu seiner Vergangenheit verschweigt, der das deutsche Schuldgefühl und die Beteiligung am Nationalsozialismus zu einem nicht zu verschleißenden Thema seiner Autorenschaft gemacht hat. Ein Autor, der mehr als alle anderen als Gewissen der Nation fungiert, diese Rolle bei mehreren Anlässen auch mit Freude gespielt und zu einem Teil der Autorenrolle stilisiert hat. Aber die Literatur folgt eigenen Regeln. Wer sagt, man müsse Grass nun den Nobelpreis aberkennen, irrt deshalb total. Seine Autorenschaft hat in keiner Weise Schaden erlitten. Als Intellektueller, Gewissen der Nation und öffentliche Person hat Grass indessen ein Problem. (...) Sein Schweigen ist das Problem. Und gleichzeitig ein Beweis, daß er wirklich einen empfindlichen Punkt bei sich selbst und den Deutschen trifft.“

Die niederländische Zeitung „Trouw“ schreibt: „Grass hat eine simple Erklärung: Viele Jüngere waren wie er selbst begeistert von dem antibürgerlichen, revolutionären Elan des Nationalsozialismus. So enthält sein Eingeständnis die nicht misszuverstehende, aktuelle Botschaft, daß radikale Ideologien eine starke Anziehungskraft haben. Und auf eine paradoxe Weise ist es auch eine Anerkennung, daß die bürgerlichen Werte, gegen die Grass sich stellte, wichtig sind. Schade, daß er es nicht früher eingestanden hat. Aber lieber spät als gar nicht. Und wie auch immer, mit seinem Eingeständnis beweist Grass seine moralische Integrität.“

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