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Debatte um Grass' Geständnis : „Vermarkter seines neuen Buches“ - „Scheinmoralist“ - „kampfbereiter Haudegen“

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Der stellvertretende Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) warnt vor zu harschen Urteilen: „Einige äußern sich so vehement, als hätten sie nur darauf gewartet, Günter Grass als öffentliche Person zu vernichten“, sagte Thierse der Tageszeitung „Die Welt“ (Dienstagausgabe). Grass' Äußerungen seien erstaunlich. Es stelle sich die Frage, warum er früher nichts zu diesem Teil seiner Biografie gesagt habe und warum er ihn erst jetzt bekannt mache. Thierse rief die SPD dazu auf, zu Grass zu stehen. „Ich kann meiner Partei nur raten, Günter Grass nun nicht als Aussätzigen zu behandeln“, sagte er. Es sei absurd, in Grass nun einen „politisch-moralischen Outcast“ zu sehen. Grass' Leben und Werk hätten sich nicht verändert.

Knobloch: „Frühere Reden ad absurdum geführt“

Der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Bernd Neumann (CDU), sagte der „Bild“-Zeitung (Dienstagausgabe): „Günter Grass' literarisches Werk bleibt bestehen. Aber als moralische Instanz, als die er sich selbst immer sah, hat er Schaden genommen.“ Grünen-Fraktionschef Fritz Kuhn zeigte sich irritiert über Grass' langes Schweigen zu seiner Vergangenheit in der Waffen-SS. „Gut, daß Grass endlich damit raus ist. Seltsam, daß es solange gedauert hat“, sagte Kuhn der „Bild“-Zeitung.

Die Präsidentin des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, vermutet bei Grass andere Gründe als den Wunsch, im Alter reinen Tisch zu machen: „Die Tatsache, daß dieses späte Geständnis so kurz vor der Veröffentlichung seines neuen Buches kommt, legt (...) die Vermutung nahe, daß es sich dabei um eine PR-Maßnahme zur Vermarktung des Werkes handelt“, sagte sie am Montag der „Netzeitung“. Der Schriftsteller sei stets als „strenger moralischer Mahner aufgetreten“, sagte Knobloch. Politik und Gesellschaft, insbesondere deren Umgang mit dem Nationalsozialismus, habe er scharf kritisiert. „Sein langjähriges Schweigen über die eigene SS-Vergangenheit führt nun seine früheren Reden ad absurdum.“

Auch der frühere Vorsitzende der SPD, Hans-Jochen Vogel, äußerte Befremden über das späte Geständnis. „Insbesondere wird die Glaubwürdigkeit der Kritik hinterfragt werden, die er seinerseits in vergleichbaren Fällen geübt hat“, sagte Vogel der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“ vom Dienstag.

„Tagesanzeiger“: Grass ein „Scheinmoralist“

Auch an diesem Dienstag kommentieren große europäische Tageszeitungen den Fall: Für den „Tagesanzeiger“ aus Zürich zeigt der „Scheinmoralist“ Grass einen Mangel an Demut: „Die SS-Mitgliedschaft des jungen Günter Grass ist nicht nur entschuldbar - sie ist sogar nachvollziehbar. Unentschuldbar ist allein sein Schweigen. Und ebenso unentschuldbar ist sein Mangel an Demut bei der Aufdeckung seiner Lebenslüge. Grass hat die Mitgliedschaft in der Waffen-SS und im Nazisystem immer wieder thematisiert und damit die Frage nach Schuld, Moral und Verantwortung gestellt. Er hat Schuldige und Unschuldige über Jahrzehnte hinweg mit diesen Fragen konfrontiert. Er hat beurteilt und verurteilt. Sein eigenes Verhalten nahm der Scheinmoralist aber aus.“

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