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Amanda Gorman : Ist das Entmündigung?

Braucht das Gedicht auch eine lebensweltliche Übersetzung? Amanda Gorman bei Joe Bidens Inauguration. Bild: AFP

Marieke Lucas Rijneveld sollte das Inaugurations-Gedicht von Amanda Gorman ins Niederländische übertragen. Und trat nach Kritik zurück – kein leichter Fall.

          3 Min.

          Die junge schwarze Lyrikerin Amanda Gorman ist mit ih­rem Auftritt bei der Amtseinführung des amerikanischen Präsidenten Biden weltberühmt geworden. „The Hill We Climb“, ihr zur Versöhnung aufrufendes Gedicht im Stil der Spoken Word Poetry, wird in den nächsten Wochen auch in anderen Sprachen erscheinen. Für den Verlag Hoffmann und Campe erarbeitet die deutsche Version ein Team: die Übersetzerin Uda Strätling, die Rassismusforscherin Hadija Haruna-Oelker und die Autorin Kübra Gümüşay. „Den Hügel hinauf“ ist zweisprachig für den 30. März angekündigt, genau wie die Übersetzung in den Niederlanden.

          Dort hatte der Verlag Meulenhoff in Absprache mit Gorman der Booker-Preisträgerin Marieke Lucas Rijneveld, 29, weiß, non-binär, die Übersetzung des Gedichts anvertraut. Das hatte Rijneveld selbst vorvergangenen Dienstag glücklich getwittert: „Prach­tig nieuws!“ Drei Tage später kritisierte die schwarze niederländische Journalistin Janice Deul in einem Beitrag für die Zeitung „De Volkskrant“ diese Wahl. „Nichts gegen Rijnevelds Qualitäten“, schrieb Deul, „aber warum nicht einen Spoken Word Artist nehmen, jung, weiblich und unapologeti­cally Black wie Gorman?“ Deul brachte einige Namen ins Spiel, Munganyende Hélène Christelle, Babs Gons und viele mehr: Talente, die seit Jahren um Anerkennung kämpften und „Gormans Botschaft mächtiger“ machen könnten.

          Deuls Kritik und die weiteren Reaktionen in sozialen Medien bewogen Marieke Lucas Rijneveld daraufhin, den Auftrag „schockiert“ wieder abzugeben: „Ich verstehe die Leute, die sich von der Entscheidung des Meulenhoff-Verlags verletzt fühlen.“ Rijneveld hätte es als wichtigste Aufgabe gesehen, Gormans Stärke, Tonfall und Stil zu treffen. „Jetzt jedoch sehe ich, dass ich zwar in einer Position bin, das so zu sehen, viele andere jedoch nicht.“ Der Verlag hat inzwischen auch ein Team für die Übersetzung engagiert.

          Rezeption als Form der Entmündigung

          Seitdem wird der Vorgang diskutiert als nächster Fall einer um sich greifenden Cancel-Kultur, die inzwischen sogar nicht mehr davor zurückschrecke, einer Autorin das Recht darauf abzusprechen, selbst zu entscheiden, wer ihre Texte übersetzen soll. Diskutiert wurde auch, welche identitätspolitischen Regeln sich aus dem Fall ableiten ließen: Dürften dann nur noch Kommunisten Bücher von Kommunisten übersetzen? Die „Süddeutsche Zeitung“ sprach von „Entmündigung“: „Von der ist Marieke Lucas Rijneveld nur in erster Linie betroffen. Letztlich trifft es auch Amanda Gorman, die – ungefragt – dazu verurteilt wird, vor allem als Schwarze wahrgenommen zu werden.“

          Die Frage ist, ob Rezeption letztlich nicht immer eine Form der Entmündigung ist – und das sogar gewollt, denn wie oft hört man Künstlerinnen und Künstler sagen, dass sie die Deutung ihrer Werke dem Publikum überlassen? Im Fall der Übersetzung von „The Hill We Climb“ hat Rijneveld – unter anderem nach einer Zeitungskritik, die Gegenvorschläge gemacht hat, und zwar beeindruckend viele auf einmal – sich dazu entschieden, von einer Arbeit zurückzutreten, deren repräsentative Tragweite sie offenbar erst hat ermessen können, als sie die Reaktionen darauf wahrnahm. Hier von einer Entmündigung zu sprechen – entmündigt das nicht vielmehr Marieke Lucas Rijneveld?

          Aber egal wie: Übersetzungen sind nie identisch. Das Original ist das eine, das andere die Übertragung in eine andere Sprache, die automatisch immer etwas anderes ist als das Original, die vermitteln, Zusammenhänge herstellen, imitieren muss. Wie empfindlich dieser Vorgang ist, kann man schon merken, wenn man das Buch eines amerikanischen Autors in deutscher Übersetzung liest, die aber jemand angefertigt hat, der sich besser im britischen Englisch bewegt und deswegen amerikanische Idiome nicht erkennt.

          Eine Erfahrungswelt bewohnbar machen

          Wenn der Vorgang um Gorman etwas für sich hat, dann ein Licht zu werfen auf die schwierige Rolle der Übersetzerinnen und Übersetzer. Die unter enormem Zeit- und Kostendruck arbeiten und wissen, dass sie bei allem Einsatz immer nur Annäherungswerte abliefern können. Nichts, was mit dem Original identisch wäre. Auch Munganyende Hélène Chris­telle oder Babs Gons, um bei den niederländischen Gegenvorschlägen von Janice Deul zu bleiben, würde das nicht gelingen, auch wenn sie Gormans Erfahrungen nachempfinden und repräsentieren können.

          Marieke Lucas Rijneveld hat ihre Beweggründe jetzt in ein Gedicht verwandelt, das auch die F.A.Z. am Samstag veröffentlicht hat: „Den Widerstand nie aufgegeben, und dennoch einsehen müssen, wenn / es nicht an dir ist, wenn du vor einem Gedicht auf die Knie gehst, / weil ein anderer es besser bewohnbar macht / nicht aus Unwillen, / nicht aus Bestürzung, sondern weil du weißt, da ist so viel / Ungleichheit“, heißt es darin.  

          Wie also könnte man die Erfahrungswelt einer jungen schwarzen Dichterin wie Amanda Gorman „besser bewohnbar“ machen, wie Rijneveld schreibt? Umsichtige Übersetzungsprojekte wie die Miriam Mandelkows im Falle James Baldwins zeigen, wie in genauer Kenntnis der Diskurse, der Geschichte von Wortgebräuchen auch eine weiße, in den Niederlanden geborene Frau wie Mandelkow die Werke eines schwarzen Amerikaners wie Baldwin einem deutschsprachigen Publikum nahebringen können. Hoffmann und Campe hat sich dazu entschieden,  das, was Amanda Gorman und ihr Gedicht ausmacht, auf eine weiße Lyrikübersetzerin, eine schwarze Rassismusforscherin und eine schreibende Aktivistin zu übertragen. Der Verlag hat also vor die Übersetzung des Textes noch eine weitere, wenn man so will, lebensweltliche Übersetzung gestellt. Echter wird der Text, der am Ende dabei herauskommt, dadurch aber auch nicht. Kann er nicht. Eine Übersetzung ist nie identisch mit dem Original. Sie bleibt Text.

          Tobias Rüther
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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