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Debatte : Krummer Mut und späte Scham

Selbstkritisch: Fritz J. Raddatz Bild: picture-alliance/ dpa

Fritz J. Raddatz, der frühere Feuilletonchef der „Zeit“, beschreibt, was er zwischen 1950 und 1958 in der DDR getan und was er unterlassen hat. Es ist eine spannende und auch unbehagliche Lektüre - ein intellektueller Rechenschaftsbericht.

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          „Mein Versagen als Bürger der DDR“ lautet die Überschrift eines über mehrere Seiten sich erstreckenden Artikels von Fritz J. Raddatz in der aktuellen Ausgabe der „Zeit“. Der frühere Feuilletonchef der Hamburger Wochenzeitung beschreibt darin ausführlich, was er zwischen 1950 und 1958 in der DDR getan und was er unterlassen hat. Es ist ein Artikel, wie man ihn selten liest, eine spannende und bewegende, eine irritierende und auch unbehagliche Lektüre. Sie gehört zum seltenen Genre des intellektuellen Rechenschaftsberichts.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Raddatz beginnt mit einer eindringlichen, geradezu gespenstischen Szene und beschreibt, wie er und andere Premierengäste Brechts in den frühen fünfziger Jahren auf dem Weg zum Berliner Ensemble an einem Stasigefängnis vorbeikamen: „Alle Stephan Hermlins, Hans Mayers, Herbert Iherings flanierten in festlicher Stimmung zur ,Mutter Courage' oder zum ,Kreidekreis' an dem finsteren Elends-Klotz vorbei, bereit zu Kunstgenuss und Applaus.“ Über die politischen Häftlinge im „Bunker“, von denen jeder wusste, wurde mit keiner Silbe gesprochen.

          ICH wusste

          Aber die Mayers und Hermlins, die „somnambule Trinkerin Anna Seghers“, der „blinde, geduckte Arnold Zweig“, auch Brecht und Helene Weigel, die stumm blieben, als der Assistent Horst Bienek in der Theaterkantine verhaftet wurde - sie alle werden nur am Rande erwähnt, werden an den Rand gedrängt. Denn: „Ich will MICH befragen. Kein ,Ich wusste davon nichts' ist vorzutragen, mit dem Millionen Deutsche sich exkulpierten nach 1945. ICH wusste - von abgesetzten Stücken, von zurückgezogenen Filmen, von verbotenen Büchern.“ Damit ist das Terrain abgesteckt: Die Parallele zwischen DDR und NS-Regime ist gezogen, ebenso der Gegensatz zwischen dem millionenfachen Schweigen der Mitläufer und dem Rechenschaftsbericht eines Ichs, das sich am liebsten in Großbuchstaben schreibt.

          Raddatz erzählt, wie rasch er aufstieg, wie er als blutjunger stellvertretender Cheflektor von „Volk und Welt“, dem zweitgrößten Verlag der DDR, Teil des Apparats wurde, in quecksilbrigem Widerspiel aus Opposition und Anpassung Regeln verbog, befolgte und brach, also die Spielräume auslotete, die ein immer rigider werdendes System seinen Intellektuellen zugestand. Er erinnert sich seiner „Mogelkünste“, die nötig waren, damit der SED missliebige Autoren publiziert werden konnten, er zitiert nicht ohne Behagen das „Zeugnis“, in dem ihm die Stasi bescheinigte, auf Grund seines „Intellekts, Auftretens und Arbeitseifers das Vorbild der jungen Lektoren“ gewesen zu sein, er berichtet von seinem Ungestüm und seiner Wildheit, die doch nicht zu mehr führten als zu „kümmerlichem Aufmüpfen“. Was war das, als Stalin 1953 starb, und Raddatz als einziger im Raum sich während der Gedenkminute nicht vom Stuhl erhob? „Krummer Mut“, sagt er heute. Was war das, als er 1954 während einer Ungarn-Reise die Besichtigung eines Stalins-Denkmals mit den Worten verweigerte „Ich will den Massenmörder nicht sehen?“ Raddatz gibt selbst die Antwort: „Das ist doch alles Marianne-Hoppe-Hoppelei, die nie mitgesungen haben will beim Horst-Wessel-Lied: ,Wir dachten nur an die Kunst'“.

          Stolz auf die Scham von heute

          Einem Nachgeborenen, der so zu urteilen wagte, würden Raddatz' Generationsgenossen Ahnungslosigkeit und Arroganz vorwerfen. Das am häufigsten gebrauchte Argument in den Debatten um die etwaige NSDAP-Mitgliedschaft von Walter Jens, Martin Walser und anderen war das der Zeitgenossenschaft: Wer nicht dabei war, kann (und vor allem: darf) nicht mitreden. Damit kann man Raddatz nicht kommen. Geradezu lustvoll spuckt er den Intellektuellen seiner Generation in die Suppe, auf der die kleinen Heldentaten und Aufmüpfigkeiten ferner Jahre schwimmen wie einsame Fettaugen. Nicht ohne Schamgefühle erinnert er sich an seinen Stolz von damals, und nicht ohne Stolz präsentiert er nun die Scham von heute.

          Als „selbstkritische Befragung aus aktuellem Anlass“ wird dieser Artikel in der Unterzeile bezeichnet, und Raddatz' Selbstbefragung, die zuweilen Züge einer Selbstbezichtigung anzunehmen droht, ist ohne Zweifel ein Beitrag zur DDR-Geschichte. Aber ihr tieferer Anlass dürfte schon ein wenig länger zurückliegen, nämlich exakt zwölf Monate. Als im August letzten Jahres Günter Grass seine bis dahin verschwiegene Mitgliedschaft in der Waffen-SS bekannte, fand er in Raddatz einen leidenschaftlichen Verteidiger seines Buches: „Grass gibt Rechenschaft, bohrend, brennend, mit dem rotglühenden Eisen namens Erinnerung“, schrieb Raddatz damals voller Empathie in seiner Rezension und zitierte einen der Schlüsselsätze des Buches: „Ich habe mich verführen lassen“.

          Jetzt lässt er seinen eigenen Rechenschaftsbericht mit einer ungleich stärkeren Formulierung enden: „Ich wurde nicht missbraucht. Ich habe mich selber missbraucht.“ Grass hat sich als dummen, ahnungslosen Jungen gemalt, Raddatz führt sich als Prototypen des gehobenen Mitläufers vor, durch Intellektualität und gelegentliches Aufmucken zum latenten Dissidenten nobilitiert. Ein „anständiger Lügner“, wie er selber sagt.

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