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Debatte : Grass: „Man will mich zur Unperson machen“

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„Beim Häuten der Zwiebel”: Günter Grass Bild: dpa

Günter Grass hat offenbar schon früher über seine Vergangenheit bei der Waffen-SS gesprochen. Der Schriftsteller Robert Schindel sagte, Grass habe mit ihm schon vor zwanzig Jahren darüber gesprochen. Grass selbst beklagte am Montag die Versuche, „mich zur Unperson zu machen“.

          Literaturnobelpreisträger Günter Grass hat offenbar schon früher über seine SS-Vergangenheit gesprochen. Der österreichische Schriftsteller Robert Schindel sagte laut der Nachrichtenagentur APA der Wiener Tageszeitung „Die Presse“: „Grass hat es mir schon vor über 20 Jahren gesagt. Er sprach mehrmals darüber, privat.“

          Daß er nun von selbst mit seinem Geständnis an die Öffentlichkeit gegangen sei, dafür habe er „allerhöchsten Respekt“, sagte Schindel: „Daß er es sagt, so spät noch! Er hat ein Leben lang gerungen, wie er es los wird, es war immer eine Wunde.“

          Günter Grass selbst hat das Medienecho auf seine jetzt Mitgliedschaft in der Waffen-SS als persönlich verletzend kritisiert. „Sicher ist es auch der Versuch von einigen, mich zur Unperson zu machen“, sagte der Schriftsteller am Montag. „Deshalb bin ich dankbar, daß es differenzierende Gegenstimmen gibt. Ich kann nur hoffen, daß einige Kommentatoren jetzt mein Buch genau lesen.“ In seiner am 1. September erscheinenden Kindheits- und Jugend- Autobiografie „Beim Häuten der Zwiebel“ berichtet Grass unter anderem erstmals über seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS.

          Der österreichische Schriftsteller Robert Schindel

          „Komme nicht aus dem Kommentieren heraus“

          „Deutlicher, genauer aus meiner Erinnerung habe ich nicht ausdrücken können, wie ich mich im Alter von 16/17 Jahren verhalten habe. Und daß ich diesen Makel, und ich habe das als Makel empfunden, über 60 Jahre lang zu spüren hatte und versucht habe, daraus meine Konsequenzen zu ziehen. Dem entsprach mein späteres Verhalten als Schriftsteller und als Bürger“, sagte Grass. Zu einzelnen Stimmen, er habe jede Glaubwürdigkeit als moralische Instanz verloren und solle die Ehrenbürgerschaft seiner Heimatstadt Danzig und den Nobelpreis zurückgeben, wollte Grass sich nicht äußern. „Ich komme dann nicht mehr aus dem Kommentieren heraus.“

          Der Schriftsteller betonte abermals, in der Zeit nach seiner Vereidigung Ende Februar 1945 bis zu seiner Verwundung am 20. April 1945 keinen Schuß abgegeben zu haben. Er sei auch an keinem Verbrechen beteiligt gewesen. Auf die Frage, warum er dennoch so lange geschwiegen habe, sagte Grass: „Erst als ich mich entschlossen habe, über meine jungen Jahre zu schreiben, was mir als jungem Mann widerfahren ist, fand ich diese literarische Form. Sie ermöglichte es mir, endlich auch über die Mitgliedschaft in der Waffen-SS zu schreiben und zu sprechen.“

          In der Summe sei für das Buch aber nicht das Thema Waffen-SS entscheidend, sondern das quälende Hinterfragen seiner Naivität als Jugendlicher in der NS-Zeit: „Wie konnte ich so blauäugig dieser Ideologie hinterherlaufen? Warum habe ich keine Fragen gestellt, als mein polnischer Onkel nach der Erstürmung der polnischen Post 1939 in Danzig standrechtlich erschossen wurde. Warum habe ich nicht nachgefragt, als mein Lateinlehrer, der Zweifel am Endsieg äußerte, auf einmal verschwunden war?“

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