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Debatte : Daniel Kehlmann: Grass hatte den Nobelpreis im Blick

  • -Aktualisiert am

Daniel Kehlmann meldet sich aus New York zu Wort Bild: dpa

Nach einigem Zögern debattiert man nun auch in den Vereinigten Staaten über Grass. Unter anderem kommt der Wiener Schriftsteller Daniel Kehlmann zu Wort. Er bezeichnet das Leben von Grass als Lehrstück mit tragischem Aspekt.

          Nach langem Zögern und Schweigen kommt nun auch in den Vereinigten Staaten die Debatte um Günter Grass allmählich in Gang. Die „New York Times“ stellte auf ihrer Meinungsseite die Beiträge von Daniel Kehlmann und dem Historiker Peter Gay nebeneinander, wobei der Schriftsteller aus Wien kritischere Töne anschlug als der Emeritus aus Yale. Kehlmann glaubt einem packenden Schauspiel beizuwohnen, in dem das Leben, angelegt als Lehrstück, nun unerwartet einen tragischen Aspekt enthüllt. Grass gehe es nicht darum, Bücher zu verkaufen, sondern um die Rettung seines Lebenswerks und der Persönlichkeit, die er für sich so sorgfältig entworfen habe.

          Kehlmann stellt die Frage, was für ein Schriftsteller Grass wohl in einem anderen Land geworden wäre, erklärt sie dann aber für unbeantwortbar. Leicht kann er sich jedoch das lange Schweigen erklären: Grass hatte von früh an den Nobelpreis im Auge. „A Prisoner of the Nobel“ schrieb die „Times“ folglich über den Artikel. Jetzt aber habe Grass mit dem Geständnis zu Lebzeiten dafür sorgen wollen, daß sein Ruf nicht postum von einem entdeckungsfreudigen Biographen geschädigt werden könne. Natürlich, schreibt Kehlmann, werde Grass nun nicht mehr der sein, der er einmal war. Zudem gebe es Konsequenzen für das Image Deutschlands. Wenn selbst der freimütigste deutsche Moralist die Uniform von Mördern getragen habe, könne man fragen, ob es in dieser Generation auch nur einen einzigen schuldlosen Deutschen gebe.

          Das Werk spricht für sich

          „Als Jude, der in Nazideutschland in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg aufwuchs“, glaubt Gay die „Wut“ Charlotte Knoblochs zu verstehen. Dennoch ist er der Ansicht, Grass' Aussagen, ob im Wahlkampf oder in seinen „kraftvollen Romanen“, behielten ihren Wert. Die Frage, die ihm einiges Unbehagen bereitet, sei, warum Grass so lange geschwiegen habe. Gay vermutet: aus Scham. Und sollte das stimmen, dann könnte die ganze Affäre sich womöglich positiv auswirken: „Sie würde mehr als sechzig Jahre später daran erinnern, daß es in seinem Land einmal eine Menge gab, worüber man sich schämen mußte.“

          Jim Hoagland, der einflußreiche Kolumnist der „Washington Post“, vermengt in die Kontroverse noch Japans Versuche von Vergangenheitsbewältigung und die Hoffnungen beider Länder auf einen Sitz im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen. Wie Gay meint aber auch Hoagland, das Werk von Grass spreche weiterhin für sich selbst. Die Kunst erhebe sich über seine irrigen, unhaltbaren politischen Ansichten. Darum seien auch alle Aufforderungen, Grass solle den Nobelpreis zurückgeben, deplaziert: „Gerade seine Werke und die Anerkennung, die sie gefunden haben, sind wichtige Indikatoren dafür, daß Deutschland sich mit seiner Vergangenheit erfolgreicher auseinandergesetzt hat als andere Weltmächte, insbesondere Rußland und China.“

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