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Debatte : Als Günter Grass in der Schule des Lebens fehlte

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Gleichgeschaltet: Danzig im Jahr 1939 Bild: AP

Warum dieses späte Geständnis? Es gibt bis jetzt keine einleuchtende Antwort auf die Frage. Der jüdische Journalist Robert B. Goldmann, der vor den Nazis nach Amerika floh, über den beunruhigenden Fall Grass.

          Im November 1938 war ich siebzehn Jahre alt und mußte zusehen, wie unsere Wohnung in Frankfurt zerstört und mein Vater von einem Polizisten und einem SS-Mann abgeholt wurde; man verschleppte ihn nach Buchenwald. Günter Grass war damals elf. Die Nazis hatten seine Heimatstadt Danzig gleichgeschaltet und den Gauleiter Albert Forster eingesetzt. Fünf Jahre lang schon hatten SA und SS gezeigt, um was es ihnen ging. Meine Mitschüler am Ludwig-Georg-Gymnasium in Darmstadt hatten meine Zurücksetzung wahrgenommen. Manche zeigten mir, daß auch sie wußten, was es in jenen Zeiten bedeutete, Jude zu sein.

          Sophie Scholl kam im selben Jahr zur Welt wie ich. Erst nach dem Krieg erfuhr ich, was sie und ihre Kameraden getan hatten und was möglich war. Allerdings wurde mir auch in den sechs Jahren der Nazizeit vor unserer Flucht nach England und dann weiter in die Vereinigten Staaten klar, daß Widerstand, selbst Mitgefühl oder Verständnis, Heldentum erforderten. Man hatte kein Recht, es zu erwarten, sondern nur, es zu bewundern.

          Es war kaum glaublich

          Aus dieser Perspektive las ich die Nachricht des Geständnisses des Günter Grass in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Es war kaum glaublich. Ebenso unglaublich ist, daß führende amerikanische Medien fast eine Woche lang nur wenige und leicht übersehbare Zeilen zu dem Thema brachten. Wohlinformierte Freunde und Bekannte in New York hatten nichts darüber gelesen oder von anderen gehört.

          Wie so viele in Deutschland fragte auch ich mich: „Warum so spät?“ Grass ist ein zu bedeutender und zu erfolgreicher Schriftsteller, als daß man ihn verdächtigen müßte, er habe seiner jetzt erscheinenden Autobiographie Auftrieb verschaffen wollen. Es gibt bis jetzt keine einleuchtende Antwort auf die Frage. Allerdings stellen sich andere Fragen, die einen beunruhigenden Einblick in Grass' Glaubhaftigkeit geben. Sowenig er in zartem Alter die Verfolgung der Juden wahrzunehmen schien, so wenig zögerte er nach eigenem Bekunden, als achtzehn Jahre alter Kriegsgefangener den „Rassismus“ der Amerikaner zu beanstanden. Er berichtete im Interview mit der F.A.Z., daß er mit den Verbrechen der Nazis zum ersten Mal in amerikanischer Gefangenschaft konfrontiert worden sei. Zur selben Zeit habe er auch gehört, daß in den Kasernen die weißen Soldaten die in getrennten Baracken untergebrachten Schwarzen als „Nigger“ beschimpft hätten; ein Weißer habe ihn, Grass, als Mittler benutzt, um nicht direkt mit einem schwarzen Lastwagenfahrer sprechen zu müssen. War Grass als Achtzehnjähriger im Falle Amerikas schneller mit der Kritik zur Hand als im Falle Nazideutschlands?

          Ein großer Staatsmann

          Als amerikanischer Jude muß ich mich auch über Grass' erbitterte Opposition zu Konrad Adenauer wundern. Für uns aus Deutschland geflohene Juden war der erste deutsche Kanzler ein großer Staatsmann, dessen historisches Treffen mit Israels Ministerpräsident Ben Gurion zum bleibenden Grundstein jüdisch-deutscher Verständigung wurde. Andererseits müssen wir, von denen viele tief enttäuscht waren, daß Kohl auf dem Besuch Präsident Reagans auf dem Bitburger Soldatenfriedhof bestand, nun erfahren, daß dort Waffenbrüder von Grass begraben sind.

          Grass sagt jetzt: „Ich habe als Kind miterlebt, wie alles am hellen Tag passierte (...) Viele, viele waren begeistert dabei. Und dieser Begeisterung und ihren Ursachen wollte ich nachgehen.“ Er selbst ging damals zur Waffen-SS und verschwieg das sechzig Jahre lang. Unbeantwortete Fragen bleiben: Warum jetzt dieses Geständnis? Wie reagierten Grass und seine Eltern auf die Einsetzung Albert Forsters als Gauleiter und auf die Judenverfolgung in Danzig in seinen Jugendjahren? Hat sein Haß auf Adenauer mit den Kompromissen des Kanzlers bei der Besetzung von Regierungsposten zu tun? Und wie berechtigt ist diese Haltung angesichts der eigenen Mitgliedschaft in der Waffen-SS?

          Oder ist dieser mit dem Nobelpreis geehrte Schriftsteller letzten Endes doch nur ein Mensch, dessen Talent und Erfolg Charakterzüge verdeckten, die er mit anderen, die sich der jeweils gültigen politischen Korrektheit anpassen, teilt? Wenn ja, dann hätte es sich wieder einmal gezeigt, daß große Talente oft auch Gutmenschen, aber nicht immer gute Menschen sind.

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