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DDR-Literatur : Leseland ist abgebrannt

Charakterbrechender Dienst in der NVA

Tausend Seiten umfasst Uwe Tellkamps Roman „Der Turm“ vom 2008 – schlechthin das Erzählepos über Dresdens Villenviertel als idealtypischen, also auch ständig bedrohten Rückzugsort des Bildungsbürgertums in der DDR, sich weitend zum Gesellschaftspanorama eines ganzen Landes und nicht zuletzt eine anspielungsreiche, selbstreflexive Rückschau auf einige repräsentative Akteure der DDR-Literatur und deren dauerndes Ringen mit der omnipräsenten Zensur. Aus drei Perspektiven werden die Jahre 1982 bis 1989 geschildert – aus jener des Arztsohnes Christian Hoffmann, der sich den Studienplatz durch den schier charakterbrechenden Dienst in der NVA zu sichern sucht, aus jener seines Vaters Richard Hoffmann, den der einstige Spitzeldienst und seine aktuellen Amouren in höchste Bedrängnis bringen, schließlich aus jener von Meno Rhode, Richards Schwager und Lektor in einem schöngeistigen Verlag.

Zurück ins Innere der Macht und weit über deren Erosion hinaus führt Eugen Ruges Familienroman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ von 2011. Die Geschichte der Powileits und der Umnitzers, Kommunisten schon in der Weimarer Republik, setzt im Jahr 2001 in Mexiko ein und kehrt am Ende wieder dorthin zurück. Faszinierend sind die weit ausholenden Erzählbewegungen: die in Rückblenden eingeholten Exilerfahrungen einiger Hauptfiguren in Lateinamerika und der Sowjetunion, ihre Rückkehr in die noch junge DDR als die vermeintlich bessere Welt, deren sukzessives Scheitern dann, an dem sie unmittelbar beteiligt sind, und schließlich das schwierige Ankommen der Enkel- und Urenkelgeneration in der neuen Zeit.

Lutz Seilers „Kruso“ ist der jüngste unter den exemplarischen Romanen, ausgezeichnet mit dem Frankfurter Buchpreis. Welch eine Erzählenergie, welch eine Atmosphäre. Im Sommer 1989 kommt Edgar Bendler, Student aus Halle, nach Hiddensee, verdingt sich als Tellerwäscher in einem Hotel und findet dort Anschluss an eine von Alexander Krusowitsch, genannt Kruso, angeführte Gruppe von intellektuellen Outcasts, die auf der Insel ihr inneres DDR-Exil finden und zugleich eine Gegenwelt mit eigenen Ritualen und Gesetzen errichten. Verlorengegangen sind viele von denen, die von Hiddensee aus über das Meer nach Dänemark fliehen wollten und dabei elend ertranken. Ihrer gedenkt der Roman ergreifend. Und wie Seiler die untergehende DDR symbolisierend illustriert, ist enorm: Während und weil das Festland politisch und gesellschaftlich erodiert, laufen der Insel die Gäste und das Personal davon, neuer Ungewissheit entgegenstiebend.

Die Literatur liebt Untergänge und Untergeher. Es ist also wenig verwunderlich, dass die DDR seit ihrem Erlöschen stets aufs Neue im Erzählen wiederersteht. Unsere Kenntnis von ihr war nie größer. Und auf je eigene Weise setzen die bedeutenden von Autoren mit eigener DDR-Erfahrung geschriebenen Romane des vergangenen Vierteljahrhunderts die „große Einheitsbewegung“ fort, die Hans Mayer 1979 beginnen ließ. Denn die Sonden, die sie in die geteilte Vergangenheit schicken, senden erhellende Signale in die gemeinsame Gegenwart.

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