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DDR-Literatur : Leseland ist abgebrannt

Die Unterdrückung benennen

Von Jurek Becker, der 1939 als kleines Kind mit seinen Eltern ins Juden-Getto Litzmannstadt (Łódź) deportiert wurde und nach dem Kriegsende in der Sowjetzone strandete, stammt der einzige Roman aus DDR-Zeiten, der, auch von der schieren Anzahl der Übersetzungen abgesehen, auf emphatische Weise Weltliteratur wurde: „Jakob der Lügner“ (1970) - der ganze Rest, so wäre zu schließen, war fast nur von innerdeutschem Interesse. Becker erzählt vom Holocaust, vom alten Jakob Heym, der einst eine Imbissbude besaß und nun seine Leidensgenossen mit der Lüge nährt, er habe ein Radio verstecken können und gerade gehört, dass die Rote Armee und mit ihr die Befreiung des Gettos nahte. Beckers bezwingende Parabel einer so verzweifelten wie vitalen Hoffnung hatte mit der DDR lediglich gemein, dass sie dort entstand. Sonst nichts. Also las man sie von vornherein auch nicht als Teil ihrer Literatur.

Mit „Jakob der Lügner“ schuf er Weltliteratur: Jurek Becker, Anfang der siebziger Jahre

Deren letzter Akt spielt in der Ost-Berliner Wohnung von Christa Wolf. Dort formulierte und redigierte sie wenige Tage nach dem Mauerfall den Aufruf „Für unser Land“, der auf einer „sozialistischen Alternative zur Bundesrepublik“ bestand und am 28. November 1989 veröffentlicht wurde. Zu den 31 Erstunterzeichnern gehörten neben der Verfasserin mit Stefan Heym und Volker Braun zwar lediglich drei DDR-Autoren der ersten Reihe. Aber mit seiner Insistenz auf einen erneuerten, besseren, menschlichen, kurz: demokratisch legitimierten Sozialismus in den noch und am besten auch weiterhin bestehenden Grenzen fasste der Aufruf zusammen, wofür die kritische Literatur des Landes vier harte Jahrzehnte lang eingetreten war.

Als expliziten Teil einer „Einheitsbewegung“ in Hans Mayers Sinn hat sie sich nie verstanden. Aber es gehört ganz elementar zu ihrer einst aktuellen Wirkung und deshalb zum innersten Kern auch ihrer Geschichte, dass sie, allen Widersprüchen, Kompromissen und, nicht zuletzt, allen Kooperationen mit der Staatsmacht zum Trotz, wesentlich dazu beitrug, die Unterdrückung zu benennen.

Die Literatur liebt Untergänge

Es mag eine Einheitskraft wider Willen gewesen sein, die von der Literatur der DDR ausging - eine Einheitskraft war sie gleichwohl, weit über ihr Ende hinaus, nämlich bis in die unmittelbare Gegenwart und wohl noch in die absehbare Zukunft hinein. Denn seit die DDR real nicht mehr existiert, ist sie literarisch lebendiger denn je, vor allem in den Romanen, die seit der Wende über sie geschrieben werden - von Monika Maron, Thomas Brussig und Ingo Schulze bis Uwe Tellkamp und Lutz Seiler.

Monika Marons Roman „Stille Zeile sechs“ (1991), angesiedelt im ersten Wendejahr, spielt an den beiden Hauptfiguren, der Historikerin Rosalind Polkowski und dem hohen Parteifunktionär Herbert Beerenbaum, noch einmal den Zentralkonflikt des gerade in Liquidation befindlichen Staates durch: Der Freiheitswille der Menschen wie der Kunst steht gegen den Führungsanspruch der Herrschenden auf dem Weg zum Sozialismus. Das Buch zeigt, dass dieser Gegensatz keineswegs immer klar und eindeutig, vielmehr auf beiden Seiten voller Widersprüche, Lügen und Selbsttäuschungen war. Aufs Neue aber: keine Konvergenz, auch nicht in Sachen Schuld, denn es war die Macht, die das Unwahre als Prinzip etablierte.

Einen „Roman aus der ostdeutschen Provinz“ nannte Ingo Schulze seine „Simplen Storys“ aus dem Jahr 1998 und machte damit das ostthüringische Städtchen Altenburg zur literarischen Metropole der Wendezeit. Schon offen ist die Grenze am Beginn des Buchs – bleibend fabelhaft ist, wie der Autor ein ganzes Figurenensemble aus kleinen Leuten zum Gesamthelden des Geschehens macht, wie er gewendete Opportunisten und fix alerte Neubürger bei ihren Aufbrüchen in die endlich offenstehenden Touristenparadiese des Südens begleitet, wie er höchst unterschiedliche Ost-Mentalitäten veranschaulicht und wie souverän er – unter Verzicht auf eine durchgängige Handlung – mit einer Fülle an Erzählfäden zu jonglieren weiß. Das Oszillierende jener Jahre erhält gültige Gestalt. In den „Simplen Storys“ ist das Alte noch nicht zu Ende und das Neue, kaum begonnen, wird ein ums andere Mal schon wieder kräftig ausgebremst.

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