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DDR-Literatur : Leseland ist abgebrannt

Die Botschaft hinter der ästhetisierten Fassade: Christa Wolf, hier kurz vor ihrer Rede bei der Alexanderplatz-Demonstration am 4. November 1989
Die Botschaft hinter der ästhetisierten Fassade: Christa Wolf, hier kurz vor ihrer Rede bei der Alexanderplatz-Demonstration am 4. November 1989 : Bild: Barbara Klemm

Dass die unangepassten Autoren deshalb „in ihrer Mehrzahl nur in der Bundesrepublik publizieren“ konnten, war Mayer natürlich klar, hinderte ihn aber nicht an seinem Befund. Die These von der „großen Einheitsbewegung“ verdankte sich also einer falschen Prämisse, artikulierte jedoch ein ahnendes Empfinden, das Martin Walser viele Jahre später „Geschichtsgefühl“ nennen sollte. Und dieses Gefühl bekam schließlich, gerade auch die Literatur betreffend, realhistorisches Recht. Es stimmt ja: Man las im Westen „die Schriftsteller aus der DDR“, und man las sie in Mayers Sinn tatsächlich „ernsthaft“, also mehr aus Pflicht und politisch gebotener Neugier denn aus Leidenschaft und Lust. Man las die Romane, Erzählungen und Gedichte von Franz Fühmann, Volker Braun, Günter de Bruyn, Günter Kunert, Christoph Hein, Thomas Brasch, Wolfgang Hilbig und jene der bald hochberühmten Christa Wolf zunächst als Nachrichten aus einem fernen, fremden Land, zudem als Kassiber des Widerständigen, die entschlüsselt sein wollten.

Vor einigen Tagen fragte ich die 1966 in Ost-Berlin geborene und bis zur Flucht im Jahr 1986 in der DDR sozialisierte Schriftstellerin Katrin Askan in einer E-Mail, wie sie und ihresgleichen die dortigen Literatur-Stars einst rezipiert haben. „Indem wir die Doppelbödigkeit der Texte entschlüsselten“, war die Antwort. Aber auch hier wäre es ganz falsch, von Konvergenz zu reden. Denn im Westen war solche Dechiffrierung fast immer reines Glasperlenspiel, bisweilen verbunden mit dem Erstaunen darüber, welch enormer ästhetischer Aufwand betrieben wurde, um öffentlich Unaussprechliches durch Verhüllung dann doch sagen, jedenfalls andeuten zu können.

Der staatlich verfemte Barde

Für junge Leser im Osten aber war gerade dies der wichtigste Identifikationsimpuls. „Wenn ich nur daran denke“, so Katrin Askan, „was wir in ,Kassandra‘ von Christa Wolf so alles hineingelesen haben - ich bin mir sicher, dass das Buch in dieser Hinsicht völlig überinterpretiert war.“ Und sie fügt, durchaus melancholisch, hinzu: „Das waren noch einfache Zeiten für Autoren, wo sich die Leser um die Bücher rissen wie um Brot in der Hungerzeit und aus jeder Zeile eine Offenbarung machten.“ Dies muss jene Realität gewesen sein, die von Staatspropagandisten dann bei jeder Gelegenheit zum „Leseland DDR“ emporstilisiert wurde. Auch beim ganz privaten Zugang zur Literatur gab es also eine Grenze, die hüben von drüben trennte.

Nur in einem Fall, bei Wolf Biermann, existierte sie nicht. Er war, von Mitte der sechziger Jahre an, eine emphatisch gesamtdeutsche Figur und auch deshalb eine Art Mythos mit fester Adresse: Ost-Berlin, Chausseestraße 131. Dort etablierte der staatlich verfemte Barde eine Gegenwelt eigenen Rechts. Zu seinem großen Vorteil war Biermann zugleich Dichter und Sänger, weshalb er sehr viel leichter und umfassender Anschluss an die westliche Kultur, zumal an das dort gerade entstehende Pop-Universum, finden konnte als die reinen Literaten. „Die Drahtharfe“, Gedichte und Lieder, sowie die Schallplatte „Wolf Biermann (Ost) zu Gast bei Wolfgang Neuss (West)“ erschienen 1965 und sorgten in beiden Welten rasch für Furore, denn natürlich eignete sich auch Vinyl als Konterbande.

Der Anfang vom Ende der DDR: Wolf Biermann während des Kölner Konzerts 1976
Der Anfang vom Ende der DDR: Wolf Biermann während des Kölner Konzerts 1976 : Bild: Barbara Klemm

Hinzu kam Biermanns Freundschaftsbündnis mit dem um ein Vierteljahrhundert älteren, ebenfalls verfemten Naturwissenschaftler und Regimekritiker Robert Havemann. In der DDR verkörperte das Duo eine kurze Zeit lang die Hoffnung auf einen politischen Frühling nach Prager Vorbild; diesseits der Elbe figurierte Biermann als Wahlverwandter der Studentenbewegung, als Bohemien und Kommunarde avant la lettre und eben als Popstar. Dass ihn die Ost-Berliner Staatsführung nach dem Kölner Konzert vom 13. November 1976 sofort ausbürgerte, sei der „Anfang vom Ende der DDR“ gewesen, hat der Schriftsteller Jurek Becker nach deren Untergang nicht zu Unrecht formuliert. Von dem kulturellen Desaster, das sie damit anrichtete, erholte sie sich nicht mehr. Als mit dem Westen konkurrierender Wirtschaftsfaktor im Sinne der Konvergenztheorie war sie ohnehin nie mehr als eine Fiktion gewesen.

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